LONDON (IT BOLTWISE) – PGIM-Stratege Hepworth sieht bei Schwellenländeranleihen weiterhin Raum für Carry-Trades. Im Fokus stehen lokale Anleihen und Hartwährungsanleihen, weil sich dort risikobereinigte Erträge besonders stark zeigen sollen. Entscheidend sei, dass Inflation und Währungseffekte nicht gleichzeitig in eine Abwärtsspirale kippen. Als Hauptgefahr nennt Hepworth weniger externe Schocks als vielmehr neue Regeln, Steuern oder Kapitalverkehrskontrollen.

Der zentrale Gedanke hinter dem aktuellen Carry-Fokus bei Schwellenländeranleihen ist weniger ein „Trading-Motiv“ als eine einfache Erwartungsmaschine: Wenn lokale und hartwährungsbasierte Anleihen weiterhin höhere Nominalrenditen bieten und die Inflation nicht schlagartig entgleist, bleibt der Ertrag aus dem Zinsüberschuss auch dann attraktiv, wenn man die Währungsrisiken realistisch einpreist. PGIMs Stratege Hepworth bringt es im Kern auf eine Formel, die viele Investoren zwar kennen, aber nicht immer konsequent umsetzen: „Die Differenz kaufen“ – also Carry als systematische Renditequelle statt als kurzfristiges Sentiment-Thema. Genau daraus speist sich derzeit die Zuversicht, dass die längste Rallye bei Schwellenländeranleihen seit der Finanzkrise nicht an einem Einmal-Event hängt, sondern an einem anhaltenden Mechanismus der Kapitalallokation.
Technisch betrachtet funktioniert Carry in Schwellenländern anders als in reifen Währungsräumen, weil die Renditekomponenten dort häufig stärker auseinanderlaufen: Nominalzins, erwartete Inflationsrate und der Pfad der Wechselkurse sind selten synchron. In der Praxis heißt das für Investoren: Lokale Währungstitel versprechen häufig höhere Kupons oder Abschlüsse, sind aber empfindlicher gegenüber realen Kaufkraft- und Währungseffekten. Hartwährungsanleihen glätten einen Teil dieser Dynamik, weil sie nicht die gleiche lokale Währungsumrechnung erfordern; gleichzeitig können sie stärker auf externe Faktoren wie US-Dollar-Liquidität oder globale Risikoprämien reagieren. Hepworths Position stellt beide Segmente nebeneinander: Lokalanleihen und Hartwährungspapiere sollen zusammen das höchste risikobereinigte Einkommensprofil liefern, und zwar über einen Zeitraum, der seit mehr als 15 Jahren beobachtbar sein soll. Die Aussage ist dabei weniger eine Garantie als ein Indiz, dass der Markt die wesentlichen Risikoquellen offenbar nicht mehr vollständig auspreist, sondern noch „Puffer“ für die Fortsetzung des Carry-Zyklus sieht.
Für die Marktmechanik ist zudem relevant, dass Carry-Trades Kapital „ziehen“, sobald die erwartete Renditespreizung gegenüber Alternativen konsistent bleibt. In der Quelle wird darauf verwiesen, dass ein 1,5-Billionen-Dollar-Konzern seine Top-Strategen öffentlich mit einer klaren Carry-Orientierung positioniert. Solche Signale sind in der Fondsindustrie nie nur Kommunikation; sie spiegeln häufig den internen Risikorahmen, die Portfoliostrategie und die kontinuierliche Allokationsbereitschaft wider. Wenn große Häuser in einem Umfeld mit vielerlei Unsicherheiten solche einfachen Leitmotive nach außen tragen, bedeutet das meist: Das Geschäftsmodell der Renditegenerierung bleibt auch nach mehreren Marktturbulenzen intakt, und die Liquidität fließt eher in „bekannte“ Ertragsquellen als in rein spekulative Wetten. Genau deshalb interpretieren viele Marktteilnehmer Rallye-Phasen bei Emerging-Market-Bonds nicht als „magische Zentralbank-Legende“, sondern als Ergebnis der Kapitalströme, die sich an realen Ertragsunterschieden orientieren.
Doch so plausibel die Mathematik erscheint, die Leitplanke des Trades liegt nach Hepworths Sicht nicht primär in einem einzelnen externen Schock. Die Quelle nennt als bisherige Störfaktoren ausdrücklich China, Geopolitik und auch eine leichte US-Verlangsamung – alles Faktoren, die in Schwellenländern historisch mehrfach für Spreadausweitungen gesorgt haben. Stattdessen sieht Hepworth die eigentliche Gefahr in politisch-administrativen Eingriffen: neue Regeln, neue Steuern oder Kapitalverkehrskontrollen. Das ist für Entscheider deshalb so wichtig, weil Carry-Trades zwar finanzmathematisch berechenbar werden können, aber regulatorische Eingriffe die zweite Dimension – die Umsetzbarkeit der Strategie – direkt treffen. Ein Zinsvorteil kann dann zwar auf dem Papier existieren, aber die Realisierung im Portfolio scheitert an Übertragungsbeschränkungen, Wechselkursmechanismen oder an neuen Kostenblöcken, die Rendite nicht nur drücken, sondern auch die Risikomodelle entwerten. In der Praxis wären solche Maßnahmen typischerweise weniger „ein Ereignis“, sondern ein schleichender Umbau der Investierbarkeit: mehr Reporting-Aufwand, andere Abwicklungslogiken, eingeschränkte Hedging-Möglichkeiten oder veränderte Zugangskanäle zum Kapitalmarkt.
Historisch lässt sich das Einordnungsmuster gut nachvollziehen: Schwellenländeranleihen waren in der Vergangenheit wiederholt Phasen ausgesetzt, in denen Carry-Renditen attraktiv wirkten, bis politische Entscheidungen die Risiko-/Rendite-Gleichung abrupt neu geschrieben haben. Das kann sich in unterschiedlichen Formen zeigen, etwa über neue Kapitalverkehrsvorschriften, steuerliche Sonderregeln oder über Änderungen an Wechselkursregimen. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn die Maßnahmen nicht nur den Handel betreffen, sondern die Fähigkeit beeinflussen, Erträge in die gewünschte Währung zurückzuführen oder Währungsrisiken effizient abzusichern. Dann wird aus einem Zins- und Währungs-Cashflow-Problem ein Umsetzungs- und Liquiditätsproblem. Genau diese Unberechenbarkeit betont Hepworth als Gegenpol zu seiner ansonsten betont „einfachen“ Carry-Logik.
Für Anleger und Portfolioplaner folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Wer Carry bei Schwellenländeranleihen als wiederkehrende Renditequelle sieht, muss das regulatorische Risiko als eigenen, aktiv monitorierten Risikofaktor behandeln – nicht als Randnotiz. Besonders in einem Umfeld, in dem Märkte zwar Renditen einpreisen, aber politische Entscheidungen oft zeitverzögert wirken, lohnt es sich, Szenarien zu bauen, die weniger auf makroökonomischen Schlagzeilen basieren, sondern auf konkreten Umsetzungsdetails: Welche Steuersätze oder Abwicklungsregeln könnten sich ändern? Wie wahrscheinlich sind Kapitalverkehrskontrollen in betroffenen Regionen? Und vor allem: Wie schnell würden diese Regeln auf bestehende Positionen und auf Neuinvestitionen durchschlagen? Hepworths Botschaft ist dabei nicht „risikofrei“, sondern eine Priorisierung: Externe Schockwellen hätten den Trade bislang nicht zerschlagen; entscheidend sei, ob neue Regeln, neue Steuern oder Kapitalverkehrskontrollen das Fundament der Carry-Mechanik untergraben.
Damit verschiebt sich der Blick auch in die operative Ebene: In vielen Portfolios hängt die tatsächliche Performance von Schwellenländeranleihen nicht allein von der Renditespreizung ab, sondern von der Fähigkeit, Währungs- und Liquiditätsrisiken entlang des Portfolioweges zu steuern. Wenn Hedging-Strategien eingeschränkt werden oder wenn der Marktzugang verändert wird, steigen die impliziten Kosten und die tatsächliche Rendite weicht vom Modell ab. Interessant ist daher, dass die Quelle den Trade gerade deshalb so lange als tragfähig beschreibt, weil die „Mathematik“ solange sichtbar bleibt, bis Politik oder Aufsicht eingreifen. Für Unternehmen, die Kapital allokieren oder Anleiheportfolios verantworten, heißt das: Carry kann weiterhin eine Rolle spielen – aber die Investment-These sollte stärker als bisher an regulatorische Trigger und an konkrete Umsetzungsbarrieren gekoppelt werden, statt ausschließlich an makroökonomische Verlaufsmuster.
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