LONDON (IT BOLTWISE) – Die CFTC hat am 29. Mai Bitcoin-Perpetual-Contracts für einen regulierten US-Handelsplatz freigegeben. Währenddessen läuft bei der SEC die öffentliche Konsultation für ein Regelwerk, das Krypto-Projekte künftig über tokenbasierte Angebote finanzieren soll. Damit entsteht in Washington ein bemerkenswerter Unterschied: Der Markt für Derivate baut sich schneller aus als die rechtlichen Wege für Gründer, frisches Kapital per Token-Verkauf einzusammeln. Für Handelsdienstleister und Investoren verändert sich dadurch kurzfristig vor allem die Verfügbarkeit von Hedging- und Preisbildungsmechanismen.

Am 29. Mai hat die US-Aufsicht CFTC einen Bitcoin-Perpetual-Contract für einen regulierten Handelsplatz freigegeben. In der Praxis bedeutet das: Der Vertrag läuft nicht mit einem festen Enddatum aus, sondern bleibt solange handelbar, wie die Hinterlegung von Margin und das Risikomanagement des jeweiligen Systems das erlauben. Rund dreieinhalb Monate später kommt die zweite Baustelle dazu – die SEC hat am 18. August einen rechtlichen Pfad vorgeschlagen, der tokenisierte Projekte irgendwann unter Regeln finanzieren soll, die für „Regulation Crypto Assets“ speziell auf Token-Netzwerke zugeschnitten sind. Genau diese zeitliche Reihenfolge ist für Marktteilnehmer ungewöhnlich: Handels- und Hedging-Regeln für ein etabliertes Asset funktionieren bereits in Live-Produkten, während die Finanzierung neuer Token-Assets noch Kommentare, Überarbeitungen und eine spätere SEC-Abstimmung benötigt.
Die Marktbewegung rund um diese regulatorische Spaltung zeigte sich laut den im Text genannten Daten auch in der Ableitung über Derivate. Am 21. August notierte Bitcoin bei etwa 77.000 US-Dollar und damit rund 22% höher innerhalb von sieben Tagen. Parallel dazu erfasste CoinGlass ungefähr 154,6 Milliarden US-Dollar an 24-Stunden-Volumen bei Bitcoin-Futures sowie 56,2 Milliarden US-Dollar Open Interest. In einem weiteren Schritt wurden Liquidationen sichtbar: Im rollierenden Fenster waren etwa 840 Millionen US-Dollar an Bitcoin-Futures-Liquidationen zu sehen; ein Snapshot vom Vortag wiederum zeigte 3,1 Milliarden US-Dollar bearish geprägter Liquidationen, als BTC die Marke von 72.000 US-Dollar durchbrach. Wichtig ist dabei, dass sich die beschriebenen Zeitfenster überlappen und damit eher verschiedene Phasen eines Rallye-ähnlichen Bewegungsablaufs als strikt getrennte Gesamtsummen darstellen.
Technisch betrachtet unterscheidet sich der „True Perpetual“ vor allem dadurch, dass er ohne Ablaufdatum auskommt. Während klassische Futures einen konkreten Stichtag besitzen und Händler Positionen entweder schließen oder in spätere Kontrakte rollen müssen, stabilisieren Perpetuals den Preis über fortlaufende Ausgleichszahlungen zwischen Long- und Short-Seite. Die Idee dahinter ist, dass die Position dauerhaft offen bleiben kann, solange ausreichend Sicherheiten (Collateral) vorhanden sind. Außerhalb der USA hat sich diese Vertragsform deshalb zu einem zentralen Derivateprodukt entwickelt: Trader erhalten kontinuierliche Exponierung, ohne wiederkehrende Roll-Kosten. US-Plattformen arbeiteten dagegen lange mit Futures, teils mit sehr langen Laufzeiten, die in ihrer Wirkung „irgendwie“ an Perpetuals erinnerten, aber eben nicht dieselbe rechtliche und produktseitige Struktur hatten.
Aus regulatorischer Sicht wurde dieses Problem dann durch einen Prozessadressiert, den die CFTC bereits bei der Zulassung neuer Futures nutzt. Kalshi reichte den Bitcoin-Perpetual-Kontrakt (BTCPERP) unter Regulation 40.3 ein; die Norm erlaubt der Kommission, die Vertragsbedingungen zu prüfen und zu entscheiden, ob sie den Anforderungen eines designated contract market entsprechen. Nach der Zustimmung kann die Plattform einen Bitcoin-Perpetual anbieten, dessen Exponierung bis zu das Sechsfache der von einem Trader hinterlegten Sicherheiten betragen kann. Zusätzlich veröffentlichte die CFTC eine Policy-Statement zu Perpetual Contracts, in der sie erklärt, wie ihre zentralen Grundsätze auf dieses Produktdesign übertragen werden. Das erleichtert den Austausch und die Gestaltung, ersetzt aber nicht die Einzelfallprüfung: Jede Austauschplattform muss eigene Einreichungen leisten und weiterhin die klassischen Pflichten erfüllen, etwa bei Margin, Surveillance, Kundenschutz und Clearing. Ein wichtiger Nebeneffekt: Ein genehmigtes Produkt schafft damit eine Blaupause für weitere Kontrakte, ohne dass jede Plattform automatisch „per Copy-Paste“ neue Perpetuals listen dürfte.
Bemerkenswert ist außerdem, dass es in den Monaten davor bereits einen zweiten, temporären Umweg gab. Am 12. Juni gewährte die CFTC Bitnomial und Coinbase Derivatives eine No-Action-Relief, die es erlaubte, bestimmte bestehende Kontrakte ohne Ablaufdaten zu ändern, ohne die Änderung als vollständig neue Listung zu behandeln. Diese Erleichterung lief bis zum 30. Juni – folglich handelte es sich um ein enges Zeitfenster, nicht um eine dauerhaft nutzbare Option. Bitnomial beschreibt im Text, dass es inzwischen US-Perpetual-Futures gestartet hat, inklusive eines Live-Bitcoin-Kontrakts. Coinbase stellt seine inländischen „perpetual-style“ Produkte dagegen weiterhin als Long-dated Futures mit fünfjährigen Laufzeiten dar; ein Update verweist darauf, dass ausgewählte US-Kunden später Zugang zu Deribit-Perpetuals erhalten sollen. In der Logik des Artikels heißt das: Solange keine neue, öffentlich präzise Spezifikation als „true perpetual“ vorliegt, sollte Coinbase nicht als verifizierter True-Perpetual-Start gezählt werden.
Parallel dazu bleibt die zweite große Baustelle bei der SEC vorerst nur ein Vorschlag. „Regulation Crypto Assets“ ist laut Text noch nicht als Regelwerk verfügbar, das ein Emittent bereits unmittelbar nutzen könnte. In dem Verfahren, das am 21. August im Federal Register veröffentlicht wurde, haben Marktteilnehmer bis zum 20. Oktober Zeit, Kommentare einzureichen; erst danach wird die SEC über mögliche Anpassungen und eine finale Fassung entscheiden und erneut votieren müssen. Ergänzend läuft auf Kongress-Ebene ein weiterer Pfad: Der CLARITY Act wurde im Mai im Senate Banking Committee vorangetrieben, und eine Cloture-Motion ist für den 15. September terminiert. Laut den Angaben im Text sieht Tim Scott, Vorsitzender des Senate Banking Committee, weiterhin einen möglichen Weg zu einer Abstimmung im September. In der Konsequenz entsteht eine klare Marktstruktur: Derivate und Trading-Kapazitäten können sich schneller in den USA „nach vorn“ bewegen, während tokenbasierte Fundraising-Modelle derzeit stärker an klassische Securities-Exemptions, private Finanzierung oder offshore Strukturen gebunden bleiben.
Diese Ordnung lässt sich auch als strategische Rückkopplung von der Finanzindustrie hin zu anderen Märkten lesen. Die CFTC erweitert derzeit ihr Blickfeld: Am 23. Juli wurde eine Kommentierungsfrist bis zum 26. August verlängert, die sich auf 24/7 Trading und Perpetual Contracts in US-Energiemärkten bezieht. Damit wird ein Vertragsdesign, das auf Krypto-Derivatemärkten stark an Bedeutung gewonnen hat, testweise in Diskussionen über Öl, Gas und Strom übertragen. Die Attraktivität ist nachvollziehbar: Ohne Laufzeitwahl müssen Trader nicht permanent „rollen“, und die Plattform ersetzt das Ablaufdatum durch kontinuierliche Funding- und Liquidationsmechaniken, die den Kontrakt eng am Referenzpreis ausrichten. Gleichzeitig zeigt gerade Energie, warum sich dieses Design nicht beliebig kopieren lässt: Öl ist physisch an Lager- und Verfügbarkeitskosten gekoppelt, während Bitcoin keinen physischen Liefermechanismus oder saisonale Produktion kennt. Genau die Kombination aus case-by-case Prüfung und Policy-Statement erklärt, warum es zwar eine Richtung gibt, aber keine automatische Anspruchshaltung auf jeden beliebigen Perpetual-Listing. Für Unternehmen ist die unmittelbare Folge klar: Die USA sind für Hedging und Preisbildung auf Derivatebene bereits besser vorbereitet als für die systematische heimische Token-Emission. Ob „creation“ und „funding“ später folgen, hängt daran, ob die SEC ihren Vorschlag zu nutzbaren Regeln weiterentwickelt – und ob der Markt in der Zwischenzeit zu viele Projekte in Konstruktionen verdrängt, die zwar kurzfristig funktionieren, langfristig aber wieder Komplexität in die Wertschöpfung bringen.
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