LONDON (IT BOLTWISE) – OpenAI beziffert den Suchdurchsatz von ChatGPT: Der Anteil entspreche inzwischen 20 Prozent des Volumens, das bei Google für Suchanfragen anfällt. Damit ordnet der Anbieter „Search“ neu ab – nämlich sobald eine Nutzereingabe zu einer Websuche führt. Gleichzeitig macht OpenAI klar, dass das Unternehmen über Anzeigen und eine visuelle, interaktive „Intelligent UI“ den nächsten Wachstumsschritt sieht. Beobachter werten den Schritt als Signal, dass sich der Wettbewerb um „Search“ zunehmend in Richtung KI-gestützter Oberflächen verlagert.

OpenAI versucht, den Wettbewerb um „Search“ weniger über Schlagzeilen als über Kennzahlen zu führen. Laut einer neuen Darstellung des Unternehmens liegt das Volumen der Suchanfragen, die über ChatGPT laufen, inzwischen bei etwa 20 Prozent des entsprechenden Suchvolumens von Google. Entscheidend ist dabei nicht das „Heute liegt ChatGPT bei einem Fünftel“, sondern die Implikation: Wenn ein Teil des klassischen Suchverkehrs nicht mehr in traditionellen Ergebnislisten endet, sondern innerhalb eines Chat-Interfaces startet, verschiebt sich die komplette Wertschöpfungskette – von Crawling und Ranking bis hin zu Werbeplätzen.
Der Consumer-Produktmanager Adam Fry hat zudem erklärt, wie OpenAI den Begriff „Suche“ operationalisiert. In der Definition zählt ChatGPT als Suchprozess immer dann, wenn eine Nutzereingabe zu einer Websuche führt – also nicht bei Aufgaben wie „Begriffe erklären“ oder einer kurzen, sachlichen Anleitung ohne echten Web-Lookup. Diese Abgrenzung ist für die Interpretation der 20-Prozent-Zahl zentral: Sie macht vergleichbar, was im KI-Dialog als Suchschritt gilt, aber sie lässt gleichzeitig offen, wie stark die Ausgaben inhaltlich tatsächlich denen klassischer Suchergebnisse ähneln. In der Praxis wird es für Unternehmen dadurch schwieriger, den eigenen Traffic allein über „Suchanfrage“-Metriken zu prognostizieren, weil KI-Systeme häufig mehrere Verarbeitungsschritte in einem Gespräch bündeln.
Auch im Marktvergleich bleibt deutlich, dass das reine Volumen noch nicht für eine Übernahme reicht. Trotzdem liefert der Vergleich mit früheren Marktanteilsdebatten eine Orientierung: In einem Kartellverfahren rund um Google hatte Microsoft-CEO Satya Nadella laut Angaben im Kontext dieser Anhörung 2023 für Bing einen Marktanteil von ungefähr 3 Prozent genannt – nach langer Verfolgung des Ziels, Suchverkehr zu gewinnen. Damit wirkt die neue OpenAI-Zahl weniger wie eine „Endabrechnung“, eher wie ein schneller Aufbaupfad in einem Segment, das traditionell stark von Verteilungseffekten geprägt war. Interessant ist außerdem, dass OpenAI für seine Suchschritte offenbar nicht nur auf einen eigenen Index setzt, sondern in Teilen auch auf Microsoft Bing zurückgreifen könnte; zumindest bleibt laut Berichten Spielraum für die Interpretation, ob bestimmte Anfragen über Google geroutet werden.
Die Zahlen kommen außerdem inmitten einer breiten Suchmaschinen-Neupositionierung. Google reduziert nach Berichten den Anteil klassischer Verweise auf Websites Dritter und investiert gleichzeitig stark in KI-Funktionen, darunter „AI Overview“ und weitere generative Bausteine. Dazu gehören Formate wie personalisierte Suchresultate mit Visualisierungen und Diagrammen. Während OpenAI und andere Labs diese Entwicklung strategisch unterstützen, sehen sie in der Verschiebung von der Ergebnisliste hin zu einer interaktiven Antwortoberfläche zugleich eine Chance: Für OpenAI heißt das „Intelligent UI“, also eine visuelle, dialogfähige „Arbeitsfläche“ direkt im Chat.
Auf Produkt- und Monetarisierungsebene ist OpenAI dabei bewusst offen für den nächsten Hebel: Werbung. OpenAI verweist auf einen Weg zur Profitabilität über Anzeigen und bringt das Thema in den Kontext einer potenziell bevorstehenden Börseneinführung, die möglicherweise schon im frühen nächsten Jahr ansteht. Fry machte gegenüber Reportern deutlich, dass Anzeigen die Nutzererfahrung nicht dauerhaft negativ beeinflusst hätten; konkret sagte er, dass Ads weder das Produkt noch die Nutzung negativ verändert hätten und die meisten Nutzer offenbar mit Anzeigen im Produkt leben können. Als Umsetzungsschritt kündigte OpenAI an, gesponserte Produkte künftig nicht nur als Firmenname, Logo und Link zu zeigen, sondern auch mit Bilddarstellungen – ein Schritt, der Anzeigen visuell näher an den Kontext der Antwort rückt und damit typischerweise die Aufmerksamkeit erhöht.
Für die Branche bedeutet das: Die Unterscheidung „Suche“ versus „Antwort“ verwischt. Wenn KI-gestützte Systeme einen größeren Anteil der Anfragen übernehmen, verlagern sich auch die Mechaniken, über die Nutzer zu Content gelangen. Statt einzelne Klickpfade zu optimieren, müssen Anbieter zunehmend verstehen, wie KI-Systeme Quellen gewichten, wie oft und in welcher Form sie Websuche als Zwischenschritt verwenden und wie Werbeeinblendungen in den Antwortfluss eingebettet werden. Genau hier entsteht für Unternehmen Handlungsdruck: SEO bleibt zwar relevant, aber es wird mehr zu einer Multi-Channel-Disziplin, in der Datenfeeds, Produktinformationen und Erwartungsmanagement gegenüber KI-Ergebnissen zusammenspielen. Gleichzeitig öffnet sich ein Wettbewerb um Interface-Fähigkeiten: Wer die überzeugendste „Canvas“-ähnliche Oberfläche liefert, entscheidet mit darüber, wo Nutzer künftig starten.
Unterm Strich ist die Kernaussage von OpenAI nicht, dass ChatGPT Google morgen ablöst. Es ist die Feststellung, dass ein messbarer Anteil des Suchverhaltens bereits über KI-Dialoge läuft und die Anbieter nun parallel an zwei Fronten arbeiten: an besserer Suchintegration und an einem Anzeigenmodell, das visuelle Kontexte nutzt. Wenn sich dieser Pfad in den kommenden Quartalen fortsetzt, werden Suchmaschinenbetreiber nicht nur ihre Algorithmen, sondern auch ihre UI-Strategien und Werbeformate neu denken müssen – und Unternehmen werden sich darauf einstellen müssen, dass „Search“ zunehmend dort stattfindet, wo man gerade mit einer Maschine spricht.
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