PEKING / LONDON (IT BOLTWISE) – In China verdichten sich Anzeichen für eine länger andauernde Wirtschafts- und Nachfrageschwäche. Weil die Binnenwirtschaft aus Sicht vieler Unternehmen nicht schnell genug anspringt, drücken Branchen ihre Ware stärker in den Export. Für die deutsche Industrie wird das damit doppelt riskant: Marktanteile gehen nicht nur in China, sondern auch in Drittländern und Europa verloren. Ökonomen diskutieren zudem, ob das Land in Richtung einer „Japanifizierung“ steuert.

Chinas Wirtschaft wirkt gerade weniger wie ein stabiler Wachstumsmotor, mehr wie ein System im Umbaustress. Je schwächer die Nachfrage in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ausfällt, desto stärker geraten Unternehmen unter Druck, ihre Produktion dennoch auszulasten. Laut der in diesem Jahr verabschiedeten Fünfjahresplanung aus Peking setzt China dabei weiterhin vor allem auf die Verbesserung der Angebotsseite, statt die Binnenwirtschaft durch spürbare Anreize stärker zu stützen. Für deutsche Industrieunternehmen bedeutet das: Sie verlieren nicht nur in China selbst Marktanteile, sondern geraten gleichzeitig auf internationalen Märkten in ein härteres Wettbewerbsumfeld, weil Überschussproduktion über Exporte „abgefedert“ wird.
Diese Exportintensivierung ist ökonomisch plausibel, aber strategisch widersprüchlich. Oliver Oehms, Chef der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Nordchina, beschreibt die Lage sehr konkret: „Wir rechnen nicht mit einer deutlichen Besserung der Binnenwirtschaft in naher Zukunft“, lautet sein Befund. Gleichzeitig deutet er an, wie die politische Ausrichtung die Nachfragebremse verstärkt: China verbessere zwar die Angebotsseite, schaffe aber nicht den nötigen Raum für mehr Konsum oder Investitionen aus dem Privatsektor. Technisch betrachtet verschiebt sich dadurch die Wachstumsquelle vom Nachfragehebel hin zur Produktions- und Kapazitätsseite. Das kann kurzfristig Beschäftigung sichern, führt bei anhaltender Nachfrageschwäche jedoch zu einem Überhang an Waren, der schließlich den Preis- und Margendruck in Exportmärkten erhöht.
Für die Ursachen der chinesischen Flaute liefert die Diskussion um Investitionen einen zentralen Ansatzpunkt. Ifo-Präsident Clemens Fuest zeichnet das Problem als Ungleichgewicht zwischen Kapitalbindung und Ertragskraft nach: „In Deutschland belaufen sich die öffentlichen Investitionen auf ungefähr fünfzehn Prozent der Gesamtinvestitionen“, sagt er; in China sei das Verhältnis „umgekehrt“. Der Staat stelle damit sicher, dass geplante Wachstumszahlen erreicht würden. Doch die Qualität der Verwendung bleibt aus seiner Sicht hinter den Erwartungen zurück: „In China wird das Geld nicht richtig ausgegeben, es gibt erhebliche Fehlinvestitionen.“ Die Größenordnung, die Fuest nennt, verschärft das Bild: China investiere deutlich über 40 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, während das Wachstum nur mit 4 bis 5 Prozent vorankomme. Seine Analogie – ein Unternehmen investiere einen sehr großen Teil der Wertschöpfung, erwirtschafte aber zu wenig Gewinn zum starken Wachstum – macht deutlich, warum die Begehrlichkeit nach neuen Produktionslinien nicht automatisch in Produktivitätsgewinne übersetzt.
Hinzu kommt, dass ein solches Investitionsmuster langfristige Nebenwirkungen erzeugt. Der Internationale Währungsfonds ordnet Chinas Lage in einem 2025 erschienenen Papier sogar als „exzessive“ Investitionen ein. Fuest fasst die Logik daraus als „künstliches Wachstum“ zusammen. Parallel investieren große Teile der Industrie – staatlich gelenkt – massiv in Forschung und Entwicklung sowie in den Bau neuer Werke. In einzelnen Bereichen hätten chinesische Firmen westliche und japanische Wettbewerber technologisch überholt und betrieben zudem Fabriken, die weitgehend automatisiert seien. Genau dort liegt aber auch der Preis: Der schnelle Kapazitätsaufbau trifft auf eine schwache Nachfrage. Laut IWF-Prognose soll die Verschuldung des chinesischen Privatsektors ohne Banken in diesem Jahr auf 323 Prozent des Bruttoninlandsprodukts steigen – weit höher als in westlichen Industriestaaten. Wenn Branchen wie Auto oder Solar (in manchen Sektoren „mutmaßlich die Mehrheit der Unternehmen“) in die Verlustzone rutschen, wird der Marktüberschuss problematisch: Was der Binnenmarkt nicht aufnimmt, wandert in den Export.
Damit verschiebt sich auch die Frage, wie ernst das Stagnationsszenario tatsächlich ist. Ökonomen diskutieren den Begriff „Japanifizierung“ im Sinne potenziell jahrzehntelanger wirtschaftlicher Trägheit, nachdem zuvor ein rascher Aufschwung vom Platzen einer Immobilienblase eingeleitet worden sei. Liu Wan-Hsin, China-Ökonomin am Kiel Institut für Weltwirtschaft, bremst jedoch die Erwartung einer unmittelbaren Stagnation: „Von einer eigentlichen Stagnation würde ich daher derzeit noch nicht sprechen“, sagt sie. Stattdessen macht sie die Wahrscheinlichkeit über drei Prüfsteine fest: Erstens, ob China industrielle Produktion trotz zunehmender Handelskonflikte und geopolitischer Spannungen weiterhin erfolgreich absetzen kann. Zweitens, ob die hohen Investitionen ausreichend Produktivitätsgewinne erzeugen und neue Innovationen sowie Investitionen anstoßen. Drittens, ob die Belebung der Binnennachfrage gelingt. Ihr Risiko-Katalog ist dabei sehr klar: Wenn Investitionen dauerhaft keine Produktivitäts- und Wachstumseffekte bringen, wenn der Vertrauensverlust privater Unternehmen und Haushalte nicht überwunden wird und der Export in einem Umfeld mit stärkerem Gegenwind stattfindet, steigt die Stagnationsgefahr deutlich.
Für die deutsche Industrie ist in diesem Setting weniger die philosophische Debatte entscheidend als die operative Konsequenz: Anpassung an Marktmodelle, in denen Exportüberschüsse, Protektionismus und Nachfrageverschiebungen gleichzeitig wirken. Die AHK berichtet laut Oehms, dass China zwar ein „Schlüsselmarkt für die deutsche Wirtschaft“ bleibt, deutsche Firmen sich aber vermehrt auf neue Geschäftsmodelle konzentrieren. Dazu zählt auch die Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen in Drittmärkten, um Reichweite zu sichern, wenn sich Absatzpfade enger gestalten. Gleichzeitig zeigt der Blick nach innen, warum sich das Problem nicht allein über Exportquoten lösen lässt: Die Bevölkerung altert rasant, die Immobilienkrise gilt seit Jahren als nicht vollständig überwunden, und damit sinkt die Kauflaune – auch weil Vermögen in Wohnungen gebunden war. Viele Ökonomen und auch der IWF empfehlen seit langem mehr Stärkung der Binnennachfrage; Fuest formuliert das als Bedarf an privatem Konsum, einem stärkeren privaten Dienstleistungssektor und mehr marktwirtschaftlicher Steuerung. Er setzt dem allerdings die politische Realität entgegen: „Aber Staatschef Xi Jinping tut genau das Gegenteil und versucht, mit Subventionen Exporte auszudehnen.“ Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Preiswettbewerb in Exportmärkten weiter zunimmt.
Ein weiterer Belastungsfaktor kommt aus dem internationalen Raum hinzu. Fuest hält es für „absehbar“, dass sich andere Länder wehren werden – „In Europa denkt man über Zölle nach, und das wird man auch andernorts tun, in den USA sowieso.“ Selbst ohne konkrete Ankündigungen einzelner Maßnahmen ist diese Aussage als Risikoindikator zu lesen: Wenn Überproduktion im Ausland sichtbar wird, steigt der politische Druck, Schlupflöcher zu schließen. Für deutsche Unternehmen heißt das praktisch: Preis- und Volumenstrategien geraten stärker unter Druck, während zugleich die Abhängigkeit von einzelnen Absatzwegen sinken muss. Die Chancen liegen dann in Bereichen, in denen sich Nutzen nicht nur über Stückzahlen, sondern über Qualität, Prozessintegration und verlässliche Lieferfähigkeit differenzieren lässt. Ob China am Ende eher Richtung dauerhafter Stagnation kippt oder doch noch eine Nachfragebelebung gelingt, hängt nach der Einschätzung von Liu Wan-Hsin maßgeblich an Produktivitätseffekten und Vertrauen – und genau diese beiden Faktoren entscheiden, ob Exporte als Stabilitätsventil funktionieren oder zum strukturellen Gegenwind für Europas Industrie werden.
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