SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Citi-Analyst John Godyn sieht den nächsten Kursschritt für SpaceX erst dann, wenn Starship vom Test- in den Regelbetrieb übergeht. Die 200-US-Dollar-Etikette bewertet er dabei nur als Etappe Richtung eines Szenarios mit über 900 US-Dollar. Im Hintergrund stehen potenziell enorme Kostensenkungen beim Weltraumtransport und damit ein Wachstumshebel für Starlink sowie orbitale KI-Satelliten. Andere Häuser bleiben deutlich skeptischer, gerade wegen des hohen Investitionsbedarfs und möglicher Terminrisiken.

SpaceX bleibt an der Börse vor allem dann ein „Zwei-Zahlen-Spiel“, wenn Analysten ihre Modelle an konkrete technische Meilensteine koppeln. Citi hat den Wert laut Berichten mit einer Kaufempfehlung in die Coverage aufgenommen und dabei ein Kursziel von 200 US-Dollar genannt. Entscheidend ist aber nicht die Zwischenmarke: Analyst John Godyn stellt sie als bloßen Schritt auf dem Weg zu einer deutlich höheren Bewertung dar, die bei mehr als 900 US-Dollar liegen könnte. Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei Starship, weil sich an seiner Skalierung die These festmacht, dass Transportkosten im großen Stil fallen und damit Geschäftsbereiche wie Starlink und künftige orbitale KI-Anwendungen wirtschaftlich tragfähig werden.
Technisch verknüpft Citi die Wertannahmen mit dem Wechsel vom Testbetrieb in einen routinemäßigen kommerziellen Betrieb. Starship befindet sich bislang im Aufbau eines Einsatzrasters aus Testflügen; bislang gab es seit 2023 zwölf Flüge. Für das Modell bedeutet „routiniert“ vor allem: wiederholbare Start- und Landevorgänge, verlässliche Turnaround-Zeiten und eine Fertigungstiefe, die nicht bei jedem Flug neu „neu erfunden“ werden muss. Genau hier setzt die Erwartung an: Wenn Starship den Sprung schafft, wird Weltraumtransport planbarer und günstiger. In der Logik der Analysten wirkt dieser Kostenvorteil wie ein Multiplikator auf die Nachfrage nach Satellitenstarts und darauf, wie stark sich neue Payloads, etwa KI-nahe Satellitenkonstellationen, monetarisieren lassen.
In die gleiche Richtung, aber mit anderen Zeitplänen, argumentieren mehrere konkurrierende Bankmodelle. Morgan Stanley bleibt vergleichsweise zurückhaltend und setzt das Kursziel bei 300 US-Dollar, im Bull-Case jedoch bis 600 US-Dollar, sobald Starship 2026 den Regelbetrieb erreicht, die Chipfabrik Terafab anläuft und die ersten Orbital-KI-Satelliten fehlerfrei starten. Der Bear-Case ist deutlich härter: Wenn Starship erst 2029 voll funktionsfähig ist, sinkt die Einschätzung auf 75 US-Dollar. Cantor Fitzgerald rechnet stärker über ein klassisches Gewinnmultiple: Ausgehend von einem erwarteten Gewinn je Aktie im Jahr 2030 und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis leitet das Haus unterschiedliche Zielniveaus ab, die im Bear-Case deutlich näher am Boden liegen. Dass diese Häuser nicht auf dieselbe „900-US-Dollar-Wirkungskette“ setzen, zeigt, wie stark die Bewertung von Ausführungsrisiken abhängt.
Die spannendste Gegenposition kommt aus der Skepsis gegenüber dem adressierbaren Markt und der Geschwindigkeit der Rechenleistungs-Installation im Orbit. MoffettNathanson wird in dem Zusammenhang mit einem niedrigen Kursziel von 131 US-Dollar genannt und stellt den von SpaceX selbst genannten adressierbaren Markt von 30 Billionen US-Dollar infrage. Zusätzlich wird Musks Plan in Frage gestellt, bis 2029 rund 100 Gigawatt an Rechenleistung im Orbit zu installieren. Unabhängig von der Wortwahl bleibt das Kernproblem in vielen Analystenmodellen gleich: Selbst wenn der Markt groß ist, müssen Kapitalintensität, Ausführungszeit und der tatsächliche Cashflow-Übergang zusammenpassen. Laut FactSet soll SpaceX erst 2027 profitabel werden; die hohen Investitionen dürften den freien Cashflow noch länger belasten. Das erhöht den Druck, weitere Kapitalaufnahmen über Fremd- und Eigenkapital zu organisieren.
Damit rückt auch ein historischer Vergleich in den Fokus: In der Raumfahrtbranche war die Annahme „Skalierung senkt Kosten“ zwar häufig richtig, aber die Umsetzung dauerte meistens länger als die ersten Business-Modelle suggerierten. In der Vergangenheit zeigten sich Produktivitätsgewinne oft erst, nachdem mehrere Generationen von Hardware und Betriebsprozessen aufeinander eingespielt waren. Citi setzt auf einen ähnlichen Hebel, aber stark zeitlich gebunden: Die 900-US-Dollar-Marke „steht und fällt“ mit den technischen Meilensteinen, die Starship liefern müsste. Der Markt reagiert folglich nicht nur auf einzelne erfolgreiche Flüge, sondern auf Indikatoren, die für industrielle Fertigung und wiederholbare Betriebsabläufe stehen. Unternehmen, die solche Wertketten beobachten, sollten daher prüfen, ob sich die Startfrequenz, die Zuverlässigkeit und die Produktionsskalierung tatsächlich so stabilisieren, dass sich daraus eine planbare Unit Economics ableiten lassen.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus eine klare Signalwirkung. Erst wenn Startkosten und Betriebsrisiken sinken, wird es realistischer, neue Services auf Satellitenebene wirtschaftlich zu planen, einschließlich KI-Workloads, die durch geringere Latenz und höhere Datenverfügbarkeit profitieren. Gleichzeitig muss die technische Transformation von Starship-Operations und der parallel diskutierten Recheninfrastruktur auf regulatorische und sicherheitstechnische Fragen vorbereitet sein: Datenübertragung aus dem All, Zugriff auf Satellitenkommunikation und die Integrität von Steuer- und Telemetriekanälen sind klassische Compliance- und Security-Themen. Im Wettbewerb spielt außerdem die Kapitalmarktdynamik eine Rolle: Wenn teure Investitionsphasen länger anhalten, kann das die Bewertung trotz guter technischer Fortschritte verwässern. Wahrscheinlich ist daher, dass 900 US-Dollar zunächst ein Szenario bleiben, das mit jeder Iteration an Starship-Zuverlässigkeit konkreter wird, während andere Häuser wie Morgan Stanley und Cantor Fitzgerald eher konservativ über Zeitpfade und Gewinnannahmen steuern.
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