LONDON (IT BOLTWISE) – Der CLARITY Act soll fünf Tage vor einer entscheidenden Senats-Prozedur neu gefasst werden und betrifft besonders DeFi-Projekte mit zentraler Steuerung. Statt nur auf Smart-Contracts zu schauen, rückt der Entwurf einen „Control“-Test in den Mittelpunkt. Gesteuerte Protokolle könnten dann unter die Aufsicht der CFTC fallen. Für wirklich dezentral entwickelte Software bleibt der Schutz dagegen weitgehend erhalten.

CLARITY Act: Neue „Control“-Regeln treffen zentral gesteuertes DeFi
CLARITY Act: Neue „Control“-Regeln treffen zentral gesteuertes DeFi (Foto: IT BOLTWISE)
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Der CLARITY Act steht in den USA erneut auf der Agenda und rückt dabei ausgerechnet den Teil von DeFi in den Fokus, der in der Praxis häufig schwer zu greifen ist: nicht die Frage, ob Code auf der Blockchain läuft, sondern wer das System inhaltlich lenken kann. Der September-Entwurf, der rund fünf Tage vor einer zentralen prozeduralen Abstimmung im Senat (am 10. September) in den Vordergrund tritt, enthält laut Textumfang von 630 Seiten aktualisierte Regeln für Krypto-Protokolle. Besonders spannend ist die Logik, mit der Gesetzgeber die Grenze zwischen „autonomen Protokollen“ und zentral geführten Unternehmen ziehen wollen. Das kann für viele Projekte der Unterschied sein zwischen privilegierten Schutzmechanismen und einer Einstufung als regulierter Intermediär.

Technisch betrachtet verschiebt sich damit der Prüfmaßstab: Der Entwurf führt klarere Kriterien für ein „non-decentralized finance trading protocol“ ein. Entscheidend ist, ob eine Person oder ein koordiniertes Gruppen-Konstrukt direkt oder indirekt die Funktionalität, den Betrieb oder die Regeln eines Protokolls kontrollieren oder wesentlich verändern kann. Damit wird aus einer eher „operativen“ Betrachtung (läuft der Handel über Smart-Contracts?) zunehmend ein „Kontroll“-Test: Selbst wenn ein Projekt DeFi-Bausteine sichtbar macht – etwa Governance-Token, DAO-Abstimmungen und onchain ausgeführte Trades – kann es trotzdem als nicht ausreichend dezentral gelten. In der Argumentation des Entwurfs geht es dabei um das Durchreichen zentraler Macht über technische Oberflächen: Wer die entscheidenden Stellschrauben besitzt, soll auch rechtlich greifbar sein.

Genau hier wird die praktische Relevanz für Entwickler und Produktteams spürbar. Viele DeFi-Protokolle bewegen sich in der Realität zwischen vollständiger Dezentralisierung und dem Funktionsalltag einer klassischen Börsen- beziehungsweise Exchange-Logik. Ein Entwicklungsteam kann Upgrade-Keys behalten, ein kleines Multisig steuert Notfallfunktionen, und Token-Governance kann formal abstimmen, während trotzdem eine kleine Gruppe die zentralen Weichenstellungen übernimmt. Der Text beschreibt mehrere Situationen, die in den „Kontroll“-Raum fallen könnten: das Anpassen von Gebühren, das Stoppen von Verträgen, das Ersetzen von Komponenten oder das Verändern des Zugriffs auf das Protokoll. Nicht jeder dieser Punkte macht automatisch „controlled DeFi“ aus, aber sie werden für die regulatorische Beurteilung relevanter, weil sie als Mittel zur wesentlichen Kontrolle verstanden werden können.

Wenn so ein Protokoll als „non-decentralized finance trading protocol“ eingeordnet wird, kann das auch regulatorische Folgen haben. Der Entwurf sieht vor, dass solche kontrollierten Plattformen sich bei der CFTC registrieren müssen, während CFTC und Treasury nachgelagerte, detailliertere Regeln erarbeiten sollen. Damit zielt der Gesetzgeber darauf ab, dass ein zentraler Handelsbetrieb sich nicht allein durch die Verpackung in Smart-Contract-Sprache der Exchange-Regulierung entzieht. Für wirklich dezentral geführte Protokolle ist der Vorteil gedacht: Wenn es keinen konventionellen Betreiber gibt, der Registrierungspflichten praktisch erfüllen könnte, soll auch kein „zuständiger Akteur“ konstruiert werden. Gleichzeitig sendet der Entwurf das Signal, dass bei effektiv kontrollierten Setups eine Verantwortung adressierbar bleibt.

Wichtig ist dabei, dass der CLARITY Act den DeFi-Schutz nicht pauschal streicht. Der Text stellt vielmehr auf nicht-kustodiale Softwareentwicklung und Selbstverwahrung („self-custody“) ab: Wer Software veröffentlicht oder wartet, ohne Kundengelder zu kontrollieren, soll grundsätzlich nicht automatisch als Finanzintermediär eingeordnet werden. Daraus folgt eine Kernbotschaft für Open-Source-DeFi: Das bloße Schreiben von Smart-Contract-Code macht Entwickler nicht automatisch zu einer regulierungspflichtigen Instanz, solange sie keine Kontrolle über die Vermögenssphäre ausüben. Auch die Ausgestaltung der Self-Custody bleibt erhalten, sodass Nutzer typischerweise in eigenen Wallets mit dezentralen Anwendungen interagieren können, statt zwingend einen regulierten Custodian oder eine zentrale Börse nutzen zu müssen. Für zentrale „Gateways“ zur DeFi-Nutzung bleiben dagegen weiterhin Compliance-Anforderungen ein Thema.

Offen und zugleich besonders konfliktträchtig sind die „Front-End“- und Governance-Grenzfälle. Der Entwurf skizziert keine einfache Checkliste, sondern verweist darauf, dass Regulierer prüfen müssen, ob die relevanten Personen oder Gruppen genug Autorität besitzen, das Trading-Protokoll zu kontrollieren oder wesentlich zu verändern. Das kann etwa passieren, wenn ein Unternehmen die zentrale Oberfläche betreibt, über die Nutzer auf ein eigentlich autonom laufendes Smart-Contract-System zugreifen. Auch Upgrade-Pfade, Admin-Keys, die Rollenverteilung in Stiftungen oder der Einfluss auf die Entwicklung können dabei entscheidend werden. Nebenbei wird die DeFi-Regelung zudem enger gezogen: Der September-Text beschränkt die DeFi-Bausteine auf Spot- und „cash“-Transaktionen von digitalen Commodities. Hintergrund sind laut Entwurf vor allem Bedenken, dass vorherige Formulierungen andere Märkte wie Prediction Markets unbeabsichtigt mitbetroffen hätten.

Politisch entscheidet sich parallel, ob diese Linie überhaupt parlamentarisch weiterkommt. Der erste große Test ist laut Zeitplan am 15. September um 2:15 p.m. ET, wenn der Senat über die cloture-motion zur „motion to proceed“ auf H.R. 3633 abstimmt. Diese Abstimmung ist prozedural: Sie stellt fest, ob der Senat zur Debatte übergehen kann, und dafür sind 60 Stimmen erforderlich. Mit 53 Sitzen auf republikanischer Seite reicht das allein nicht; ohne Unterstützung aus dem demokratischen oder unabhängigen Lager kann der Entwurf die Schwelle nicht erreichen. Der Ausschuss hatte die Vorlage zuvor mit 15:9 im Mai weiterempfohlen, aber der September-Text hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch keine breitere, überparteiliche Einigung sichern können.

Für DeFi-Teams ergibt sich daraus eine klare Priorität: Nicht nur die Frage „Ist unser Protokoll onchain?“ stellt sich, sondern „Wie real ist unsere Dezentralisierung in Bezug auf Kontrolle und Intermediation?“. Der Entwurf positioniert den CLARITY Act als Kompromiss zwischen einer generellen DeFi-Freistellung und einer vollständigen Regulierung jedes Softwareentwicklers. In dieser Logik erhalten dezentral entwickelte Software mehr Schutz, während zentrale Steuerung nicht länger allein durch DAO-Labeling und Smart-Contract-Technik unsichtbar gemacht werden soll. Ob daraus ein echter Gewinn für permissionless Protokolle wird, hängt letztlich an der Auslegung von „control“ durch Regulierer und Gerichte – und daran, ob der Senat der Vorlage den Weg ebnet oder ob die DeFi-Regulierung in den USA weiterhin stark zwischen SEC, CFTC, Treasury sowie gerichtlichen Entscheidungen aufgeteilt bleibt.


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