LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Der offensive Security-Startup CodeWall ist offiziell gestartet und stellt für 4 Mio. US-Dollar KI-Agenten bereit, die Angriffe gegen Unternehmen automatisiert nachstellen. Laut Anbieter starten die Agenten ohne Zugangsdaten oder internes Wissen und arbeiten mehrere Schritte parallel. Ergebnisse fließen in ein gemeinsames Untersuchungs-Graph-Modell, sodass Schwachstellen in einer Anwendung zu Eintrittswegen in verbundenen Systemen werden können. Kunden erhalten die Angriffswege Schritt für Schritt inklusive Belege und können den autorisierten Scope jederzeit begrenzen.

CodeWall, ein in London ansässiger Anbieter für Offensive Security, setzt nach dem Start mit 4 Mio. US-Dollar vor allem auf ein Prinzip, das in klassischen Penetrationstests nur selten durchgehend abgebildet wird: statt einmaliger Überprüfung mit klaren Testfenstern soll ein KI-gestützter Angreifer dauerhaft gegen die eigenen Systeme suchen. Der Ansatz richtet sich laut Unternehmen ausdrücklich an Organisationen wie Banken und kombiniert mehrere parallele Agenten mit einem wiederverwendbaren „Untersuchungs-Graph“, in dem die Erkenntnisse aus einzelnen Aufgaben zusammenlaufen. Genau hier liegt die technische Kernidee: Wenn ein Agent eine Schwachstelle in einer Anwendung findet, kann diese Information als Knoten und Kanten im Graph-Modell dazu dienen, dass ein anderer Agent anschließend über verwandte Systeme und Daten erneut ansetzt.
Das Sicherheitsmodell beginnt dabei bewusst ohne Credentials oder Insiderwissen. CodeWall beschreibt die Vorgehensweise so, dass das Team aus mehreren Agenten unterschiedliche Aufgaben übernehmen lässt, während die Ergebnisse zentral protokolliert werden. In der Praxis bedeutet das weniger „ein Skript, das eine Abfolge von Checks abarbeitet“, sondern eher eine koordinierte Ausführung: Ein Agent führt eine Teilaufgabe aus, identifiziert potenzielle Angriffsoberflächen und übergibt verwertbare Spuren an den gemeinsamen Graph. Dass Schwachstellen aus einem einzelnen Zielsystem heraus zu „Folgewegen“ in verbundenen Umgebungen werden können, ist dabei weniger ein Marketing-Satz als eine direkte Konsequenz aus dem Netzwerkgedanken: Moderne IT-Landschaften bestehen aus Integrationen, APIs und gemeinsam genutzten Datenbeständen, wodurch sich Eintrittspunkte häufig verschieben.
Für die Validierung des Konzeptes verweist CodeWall auf frühere Einsätze in der Beratungsszene: Die Agenten sollen bei mehreren „Big Three“-Management-Consulting-Anbietern Ergebnisse erzielt haben, unter anderem indem innerhalb von zwei Stunden Lese- und Schreibzugriff auf eine Produktionsdatenbank hinter einer KI-Plattform erlangt worden sein soll. Danach veröffentlichte Untersuchungen sollen zudem offene Datenbanken bei zwei weiteren Firmen aufgezeigt haben. Laut einem Sprecher eines der genannten Anbieter habe eine dritte Partei im Rahmen einer Forensik-Prüfung „keinen Nachweis“ gefunden, dass Kundendaten durch CodeWall oder eine andere unautorisierte Instanz tatsächlich angegriffen wurden. Entscheidend ist: Das ist eine Einordnung zu den konkreten Vorwürfen, nicht automatisch ein Beleg für jede einzelne technische Annahme der Angreifer-Demo – für Sicherheitsverantwortliche bleibt die Frage nach Umfang, Logging und Authentizität der Testumgebung dennoch zentral.
Im Produktversprechen liegt der nächste Bruch zur jährlichen Routine vieler Unternehmen. CodeWall positioniert die laufende Suche nach Angriffswegen als Ersatz bzw. Ergänzung zu Penetrationstests, die üblicherweise ein- oder zweimal pro Jahr beauftragt werden. Der Gründer und CEO Paul Price beschreibt das als „permanent capability“ und argumentiert, dass Verteidiger nicht darauf warten sollten, ob ein realer Angreifer die Schutzmechanismen durchdringen kann. Dabei geht es nicht nur um das Finden von Schwachstellen, sondern auch um den Zyklus aus Behebung und erneuter Prüfung: Die Agenten sollen automatisch wiederkommen, sobald neue Systeme online gehen oder Fixes eingespielt werden, und sie sollen dabei strikt im autorisierten Scope bleiben. Für Unternehmen ist das vor allem eine betriebliche Frage: Wie gut sind Asset-Listen, Veränderungsprozesse und Freigaben so aufgestellt, dass ein wiederkehrendes Testen wirklich realistische Risiken trifft und nicht an veralteten Annahmen hängen bleibt?
Technisch dürfte auch die Planungs- und Remediation-Schicht ein mindestens ebenso großer Hebel sein wie die reine Angriffsfähigkeit. Laut Unternehmen arbeitet die Plattform an Workflows, die gefundene Schwachstellen verifizieren und die nächsten Schritte zur Behebung strukturieren. Kunden sehen dabei die Attack-Pfad-Schritte im Detail, inklusive der Belege zu jedem einzelnen Schritt – ein Ansatz, der aus Audit- und Incident-Response-Sicht wichtig ist, weil Verantwortliche sonst kaum entscheiden können, welche Maßnahmen priorisiert werden müssen. Zudem will CodeWall laut eigener Aussage einen größeren Teil der Mittel dafür einsetzen, dass die Agenten mehr Bereiche der Unternehmensumgebung erreichen können. Diese Ausweitung ist zugleich das Risiko: Mehr Reichweite heißt auch mehr Anforderungen an Segmentierung, Rechteverwaltung, Netzwerktrennung und an die Kontrolle über Testgrenzen, damit der „Angreifer“-Modus nicht unbeabsichtigt produktionsnahes Verhalten außerhalb des genehmigten Rahmens auslöst.
Wettbewerb und Branchenentwicklung machen die Richtung verständlich: Schon zuvor hat eine Cloud-Sicherheitsfirma dokumentiert, dass es autonome KI-Mechanismen geben kann, die eine Ransomware-Operation von Beginn bis Ende orchestrieren. CodeWall dreht diese Logik für defensives Testing um, aber der strategische Tenor bleibt derselbe – Angreifer profitieren von Automatisierung und können über längere Zeiträume hinweg nach neuen Wegen suchen. In dieser Landschaft erscheint der Schritt von CodeWall weniger als isolierte Idee, sondern als konsequente Reaktion auf die Realität, dass sich Angriffsflächen durch kontinuierliche Deployments, neue Integrationen und wechselnde Berechtigungen täglich verändern. Für den Markt bedeutet das: Die Anbieter, die KI-gestützte Testzyklen mit nachvollziehbaren Belegen, stabilen Scope-Kontrollen und belastbaren Remediation-Workflows koppeln, dürften die schnellsten Chancen bei Unternehmen haben, die ihre Sicherheitsprüfung vom Projekt- in den Betriebsmodus überführen wollen.
Finanziert wird das Vorhaben über ein Pre-Seed-Rundenmodell, das von Osney Capital geführt wurde; beteiligt seien weitere Investoren und Unternehmensnetzwerke sowie Angel-Investoren gewesen. CodeWall will außerdem in London sowohl technische als auch kommerzielle Teams aufbauen. Entscheidend wird für die nächsten Monate, wie schnell der Anbieter die Reichweite der Agenten ausbaut, ohne die Nachvollziehbarkeit zu verlieren, und wie gut sich die Plattform in die bestehenden Sicherheitsprozesse integrieren lässt – von Ticketing und Schwachstellenmanagement bis hin zu Change-Management und forensischem Logging. Für Sicherheits- und IT-Leiter ist die Frage damit konkret: Können sie einen KI-Agenten als „laufenden Angreifer“ genehmigen, ohne das Sicherheitsniveau im Betrieb zu erhöhen, und schaffen sie es, die Ergebnisse so in Maßnahmen zu übersetzen, dass die Lücke zwischen Test und Fix spürbar kleiner wird?
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