FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Commerzbank macht vor dem Übernahmepoker mit UniCredit klar, dass Künstliche Intelligenz einen großen Teil der anstehenden Veränderungen treibt. Die Bank will beim Jobabbau die eigene Belegschaft so weit wie möglich schonen und vor allem externe Kapazitäten in Call Centern sowie im IT-Umfeld abbauen. Gleichzeitig kritisiert sie das Vorgehen von UniCredit als destabilisierend und verweist auf Unterstützung durch den Bund. Im Hintergrund stehen zudem Aussagen der EZB zur Bankenaufsicht, die in Berlin für Irritation sorgen.

Die Commerzbank ringt derzeit gleich an zwei Fronten: operativ treibt sie den Umbau hin zu KI-gestützten Prozessen voran, strategisch versucht sie Aktionäre vom Verbleib in der eigenen Unabhängigkeit zu überzeugen. Wie aus Aussagen der Bankführung hervorgeht, entfällt dabei ein „sehr großer Teil“ der Wirkung auf Künstliche Intelligenz, weil sie in unterschiedlichen Bereichen der Bankarbeit zugleich Kostenstrukturen und Workflows verändern kann. Die Managerin betont außerdem, dass die Auswirkungen größer ausfallen, als man noch vor knapp einem Jahr erwartet habe. Für die Beschäftigten bedeutet das vor allem: weniger betriebsbedingte Kündigungen innerhalb der Kernbelegschaft, stattdessen ein gezielterer Abbau externer Leistungen.
Technisch betrachtet setzt die Bank dabei nicht nur auf Modelltraining „irgendwo im Cloud-Raum“, sondern auf die schrittweise Integration von KI in den Alltag von Banking-Funktionen. Die Aussage, man wolle an Kapazitäten externer Call Center herangehen, lässt sich als typische Automationslinie lesen: KI-gestützte Sprach- und Textverarbeitung kann standardisierte Anfragen vorfiltern, Handlungsempfehlungen geben und die Übergaben an menschliche Teams reduzieren. Ebenso deutet das Stichwort „IT-Umfeld“ mit vielen Externen auf eine Konsolidierung von Lieferanten, bessere Standardisierung und die Verlagerung in intern steuerbare Plattformen hin. Solche Schritte unterscheiden sich deutlich von reinem Software-„Lift-and-Shift“: Sie verlangen Datenqualität, Monitoring, Rollen- und Rechtekonzepte sowie nachvollziehbare Governance für Entscheidungen.
In den Marktverhandlungen verstärkt sich dadurch der Druck. Hintergrund ist das Angebot der italienischen Großbank UniCredit, die bereits knapp 30 Prozent an der Commerzbank hält und für sämtliche Commerzbank-Anteile eine Tauschstruktur anbietet: pro Commerzbank-Aktie sollen 0,485 neue UniCredit-Aktien gezahlt werden. Das Vorgehen zielt darauf, weitere Aktien einzusammeln, ohne sofort ein Pflichtangebot unterbreiten zu müssen, wodurch die Konditionen bei der Gesamtbewertung politisch und wirtschaftlich neu austariert werden könnten. Während das für UniCredit wie ein Effizienzhebel wirkt, bewertet die Commerzbank den Ansatz als feindlich. Als Gegenargument verweist sie unter anderem darauf, Destabilisierung der Organisation vermeiden zu wollen und den internen Prozess möglichst sozialverträglich zu gestalten.
Regulatorisch ist dieser Konflikt eng mit dem Bankenaufsichts- und Binnenmarktumfeld verknüpft. Die Commerzbank sieht Unterstützung durch den Bund, der gut zwölf Prozent der Anteile hält, was die Unternehmensführung stärkt, aber auch die politische Dimension erhöht. Zudem äußert die Bank Kritik an Einlassungen aus dem EZB-Umfeld, die im Kontext einer möglichen Prüfung des Einstiegs von UniCredit diskutiert werden. Entsprechend wird im Raum gestellt, dass Aussagen der EZB-Vizepräsidentschaft Berlin für seinen Widerstand kritisiert hätten. Aus Sicht der Commerzbank sei das „seltsam“, weil einzelne Vertreter scheinbar offen Unterstützung für einen Angriff signalisierten, der gerade auf Destabilisierung abziele. In der Praxis bedeutet das: Die Aufsicht muss zwischen Marktdynamik und Stabilitätsrisiken abwägen, während gleichzeitig die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Eigentümern zusammengeführt werden.
Auch der Tonfall in der Öffentlichkeit spielt in solchen Deals eine messbare Rolle. Bereits zuvor hatte UniCredit die Commerzbank offenbar in einer Social-Media-Kampagne scharf attackiert, wofür die Finanzaufsicht berichtet zufolge eine Beanstandung nach sich zog. Solche Vorgänge können die Wahrnehmung von Geschäftsmodellen beeinflussen und die Verhandlungspositionen indirekt verschieben, weil sie das Vertrauensverhältnis zwischen Marktakteuren, Aufsicht und Management belasten. Die Commerzbank versucht daher, den Fokus auf Stabilität zu lenken: Gespräche seien zwar nicht verweigert worden, doch weitere Schritte seien nur sinnvoll, wenn UniCredit bereit sei, über den angebotenen Abschlag hinauszugehen und zugleich das Geschäftsmodell ernsthaft zu adressieren. Genau hier setzt die strategische Kritik an: Das Angebot werde „de facto“ als Schrumpfungsstrategie interpretiert.
Für Aktionäre und Enterprise-Entscheider wird damit eine zentrale Vergleichsfrage sichtbar: Wie verändern KI-Programme die Profitabilität eines Instituts, ohne zugleich die Betriebsfähigkeit und Compliance zu gefährden? KI kann Effizienz heben, aber sie erhöht auch Anforderungen an Datensicherheit, Modellüberwachung und Auditierbarkeit. Gerade im Bankenbereich wird daher zunehmend ein „KI-Operations“-Ansatz wichtig, bei dem Deployment, Drift-Detection, Protokollierung und Zugriffsrechte als Teil der technischen Architektur verstanden werden. In dieser Logik kann der Abbau externer Call-Center- und IT-Kapazitäten zwar eine schnelle Einsparroute sein, langfristig entscheidet aber die Fähigkeit, die verbleibenden Prozesse robust und regulatorisch sauber zu betreiben. Das schafft eine Verbindung zwischen Übernahmepolitik und IT-Roadmap: Wer die Kontrolle übernimmt, beeinflusst auch die KI-Governance.
Aus heutiger Sicht bleibt die weitere Entwicklung offen, aber die zeitliche Taktung spricht für ein Fortsetzen des Übernahme-Pokers. UniCredit kann die Offerte nach eigenen Angaben bis Anfang Juli verlängern, während die Commerzbank ihrerseits eine begründete Stellungnahme zum Angebot in der kommenden Woche ankündigt. Inhaltlich dürfte dabei erneut die Frage nach dem Geschäftsmodell dominieren: Wenn die Bank KI-Transformation als Beschleuniger nutzt, dann wird sie argumentieren, dass Kürzungen nicht dem Aufbau von Resilienz dienen, sondern lediglich kurzfristige Renditeziele bedienen. Gleichzeitig deutet die Betonung sozialverträglicher Prozesse darauf hin, dass die Bank den politischen Rückhalt als Puffer für tiefgreifende organisatorische Anpassungen nutzen will. Für die nächsten Quartale ist daher plausibel, dass KI-Umstellungen als „Beleg“ für Planbarkeit dienen sollen – während der Markt genau beobachtet, ob daraus ein nachhaltiger Vorteil entsteht oder nur ein Verhandlungsargument.
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