LONDON (IT BOLTWISE) – Compact Greens überzeugte in „Die Höhle der Löwen“ mit einer vollautomatischen Pflanzwand für Kräuter, Salat und Obst. In der Sendung gab es zwar viel Lob, doch der Deal mit Dagmar Wöhrl und Carsten Maschmeyer platzte nach der Due Diligence. Aus der Schulzeit-Gründerphase wurde inzwischen ein Vollzeit-Startup, das weiter Auslieferungen tätigt und die Marge bereits deutlich steigern konnte. Entscheidend waren am Ende nicht Technik, sondern strategische Vorstellungen zur Produktpositionierung.

Compact Greens ist ein Beispiel dafür, wie schnell sich Startups nach einer TV-Präsentation bewegen können – und wie deutlich sich „im Pitch überzeugt“ und „im Vertrag zufriedenstellend“ unterscheiden. Das Gründerteam um Jonas Frank, Niklas Gabriel, Nick Werneck, Max Lauterbach und Simon Zitzmann stellte in „Die Höhle der Löwen“ eine Pflanzwand vor, die nicht nur Kräuter und Salat, sondern auch Obst und Gemüse aufnehmen soll. Die Wand besteht aus modularen Elementen, die sich erweitern lassen und laut Darstellung sogar in unterschiedlichen Farben verfügbar sind. Zentral war außerdem der Automationsanspruch: Licht und Bewässerung werden über eine App gesteuert, wodurch das Setup als Alternative zu klassischen Hochbeeten wirken soll – etwa in Stadtwohnungen mit wenig Platz oder als Lösung für die Saison außerhalb des Freilandanbaus.
Technisch betrachtet bestand der Kern der Demo aus einer Kombination aus Pflanzenmodulen und einer automatisierten Versorgung. Die Setzlinge werden in die Module eingesetzt, die Bestellung erfolgt über einen Online-Shop. Auf der Bühne wurde zudem gezeigt, wie das System an der Wand befestigt wird und wie die Stromversorgung real funktioniert: In der Aufzeichnung ging es um die Frage, dass die Pflanzwand ihren Strom über eine Lösung bezieht, die direkt mit Kabeln aus der Wand kommt. Frank Thelen hakte genau an dieser praktischen Alltagsfrage nach. Die Gründer hielten dagegen, dass es sich letztlich um eine einfache Anbindung handelt und dass ein Verlängerungskabel mitgeliefert werde – damit war die Lücke weniger „KI-Fantasie“, sondern eher „Wie schnell ist das Teil einsatzbereit?“
Auch die wirtschaftlichen Parameter wurden im Pitch intensiv diskutiert. Nach den Angaben im Bericht kamen mehrere Läden an Lob zusammen: Die Löwen zeigten sich insbesondere vom Auftreten des Teams und der Idee begeistert. Gleichzeitig blieben zwei Punkte hängen: die vergleichsweise niedrige Marge von 20 Prozent und die Unternehmensbewertung, die den angebotenen Deal auf die gewünschte Größe festlegte. Die Gründer wollten für 15 Prozent Anteile 180.000 Euro und damit eine Bewertung von 1,2 Millionen Euro; für ein Unternehmen ohne nachweisbaren Umsatz ist das zwar nicht per se außergewöhnlich, aber in der Praxis schwer zu „übersetzen“, wenn Investoren zugleich Risiken in Produktion und Markteinführung bewerten. Die Gründer argumentierten dagegen mit dem Potenzial und dem Aufbau jenseits der Schulzeit, untermauert durch Kapital aus Startup-Wettbewerben.
Der Deal klang in der Sendung zunächst machbar: Dagmar Wöhrl und Carsten Maschmeyer boten jeweils die geforderten 180.000 Euro für 15 Prozent – ohne Nachverhandlung. Die Gründer entschieden sich schließlich für Wöhrl. Hinter den Kulissen folgte aber die Due Diligence, also die wirtschaftliche Prüfung, die in vielen Fällen der „Realitätscheck“ ist, der aus einer starken Story eine verbindliche Entscheidung machen muss. Laut Darstellung der Gründer zeigte sich dabei, dass unterschiedliche Vorstellungen über die weitere Entwicklung des Unternehmens existieren. Besonders deutlich wurde der Zielkonflikt zwischen Produktverständnis und Positionierung: Die Gründer wollten mit ihrer „Green Wall“ sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugen, beschrieben das System dabei als „Design-Objekt“ – zugleich wollten sie technische Ansprüche erfüllen, die über „Kräuter auf der Fensterbank“ hinausgehen und ein komplettes Hochbeet ersetzen sollen. Wöhrl habe die Idee und das Produkt weiterhin spannend gefunden, gleichzeitig aber strategische Fragen anders bewertet.
Dass das Startup daraus keinen Stillstand ableitet, zeigt sich daran, wie es weiterlief. Zwei Wochen nach der Drehphase standen zunächst die Abiturprüfungen an; danach arbeiten alle fünf Gründer Vollzeit am Unternehmen. Die Finanzierung basiert inzwischen auf Angel-Investoren, vor allem lokalen Unternehmern, und parallel laufen Gespräche mit weiteren Geldgebern. Damit folgt Compact Greens einem Muster, das man in der frühen Hardware- und IoT-Branche häufig sieht: TV-Aufmerksamkeit liefert zwar Reichweite, aber die Kapitalstruktur und die Produktionsplanung werden erst mit dem nächsten Schritt im Alltag stabil. Gleichzeitig liefern die Gründer bereits erste Mengen an Pflanz-Wänden aus, und sie investieren konkret in Skalierungshebel – etwa über Web-Development-Unterstützung, um den Online-Shop bei stärkerem Traffic zu stabilisieren.
Auch die Kennzahlen verschieben sich: Im Zuge der Weiterentwicklung konnten die Gründer ihre Marge deutlich erhöhen. Aktuell liegt sie laut Angaben bei 30 bis 25 Prozent; dennoch bleibt „Luft nach oben“. Auffällig ist, wie stark die Umsetzung noch an Fertigungsdetails hängt: Einige Teile müssen derzeit noch mithilfe von 3D-Druck gefertigt werden. Genau hier trennt sich in der Praxis die Prototypenwelt von der Serienproduktion – nicht nur bei Materialkosten, sondern auch bei Durchlaufzeiten, Toleranzen und dem Zusammenspiel zwischen Hardware und dem App-gestützten Betrieb. Interessant ist zudem der Umgang mit Automatisierung: Die Steuerung von Licht und Bewässerung wirkt wie klassisches Regel- und Steuerungsdesign, nicht wie ein KI-getriebenes Versprechen. Für Investorinnen und Investoren dürfte das ein entscheidender Punkt sein, weil klare technische Steuerlogik oft schneller validierbar ist als datenhungrige Lernsysteme.
Für die Markt- und Branchenperspektive bedeutet das: Compact Greens bewegt sich im Spannungsfeld aus Urban Gardening, Smart-Home-nahem Setup und Hardware-Kostenkurve. Der verpasste Deal zeigt dabei weniger ein Scheitern der Idee als vielmehr eine Abstimmungslücke zwischen Wachstumspfad und Produktvision. Wer solche Module in Wohnungen bringt, muss nicht nur die Pflanzenversorgung im Griff haben, sondern auch die Erwartung an Design, Betrieb und Lieferfähigkeit erfüllen. Nach dem TV-Moment geht es für das Team daher weniger um einzelne Pitch-Argumente, sondern um die nächste Phase: die Fertigung so zu industrialisieren, dass die Marge nachhaltig steigt, und den Onlineshop so auszubauen, dass der Absatz nicht an technischen Engpässen hängen bleibt. Genau dieser Weg entscheidet, ob aus der „Green Wall“ ein wiederholbares Geschäftsmodell wird.
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