ERIWAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) in Eriwan setzt den Verhandlungsmarathon fort und steuert auf einen langen Abend zu. Für 21.00 Uhr Ortszeit war noch eine Plenarsitzung vorgesehen, während es um die Frage geht, wie die selbstgesteckten 2030-Ziele zum Schutz und zur Wiederherstellung von Artenvielfalt erreicht werden können. Zivilgesellschaftliche Akteure drängen dabei auf einen klaren Naturschutzauftrag der Bundesregierung sowie auf die Verankerung des Abbaus schädlicher Subventionen im Abschlusstext. Im Hintergrund steht zudem die Forderung nach einer breiteren Finanzierungsbasis aus öffentlichen und privaten Mitteln.

In Eriwan zeichnet sich am planmäßigen letzten Tag der 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) mindestens ein langer Abend ab. Für 21.00 Uhr Ortszeit (18.00 Uhr MEZ) war noch eine Plenarsitzung vorgesehen, während die Konferenz insgesamt die Frage bündelt, ob die Staaten ihren eigenen Kurs bis 2030 beim Schutz und bei der Wiederherstellung der Artenvielfalt tatsächlich erreichen. Der politische Kern der Verhandlungen liegt damit weniger im Beschließen weiterer Ziele als in der nüchternen Bilanz: Wie lässt sich das Tempo erhöhen, wenn die Zwischenstände bereits zeigen, dass die bisherigen Anstrengungen nicht ausreichen.
Startpunkt der COP17 war der 19. Oktober, und die Konferenz bringt fast 200 Mitgliedsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) an einen Tisch. Die Delegationen befassen sich dabei mit einer Bestandsaufnahme und konkret mit der Umsetzungslogik bis zum Jahr 2030. Dabei geht es um mehr als Zielvokabeln: Entscheidend ist, ob aus verbindlichen politischen Absichten auch belastbare Maßnahmen, Zeitpläne und Finanzierungswege werden. Die Erfahrung aus früheren Runden spielt in die Debatten hinein; bei der Weltnaturkonferenz im kolumbianischen Cali im Jahr 2024 kam es zu keinem Abschluss, die Konferenz musste Monate später in Rom fortgesetzt werden. Dass COP17 nun wieder in die Nähe eines langen Tages im Endspurt gerät, zeigt, wie schwierig der Schritt von programmatischen Aussagen zu operativen Entscheidungen ist.
Für Deutschland ist die Verhandlungsdynamik auch an der Positionierung in der zweiten Woche der COP17 festzumachen. Bundesumweltminister Carsten Schneider kam laut Bericht in dieser Phase nach Eriwan. Der SPD-Politiker kündigte Anfang der Woche an, sich für eine breitere Finanzierungsbasis aus öffentlichen und privaten Mitteln einzusetzen sowie für eine stärkere Mitsprache der Menschen, die die Natur vor Ort bewahren. Diese Schwerpunktsetzung ist in der Praxis relevant, weil sie zwei klassische Engpässe der Biodiversitätspolitik adressiert: erstens die Frage, wie ausreichend Geld entlang der Wertschöpfungs- und Schutzketten bereitgestellt wird, und zweitens, wie lokale Gemeinschaften nicht nur Zielgruppe, sondern Mitgestalter von Schutzprogrammen werden.
Auf Seiten der Naturschutzorganisationen wird der Handlungsdruck dagegen deutlich schärfer formuliert. Heike Vesper, die bei der Naturschutzorganisation WWF Deutschland tätig ist, forderte vor Abschluss der COP17 eine starke Einigung. Ihre Argumentationslinie lautet, dass es zwar Fortschritte gebe, die Staaten aber noch weit davon entfernt seien, die selbstgesteckten Ziele bis 2030 zu erreichen. Im Zentrum steht dabei die Ausgestaltung des Abschlusstextes: „Damit diese Weltnaturkonferenz ein Erfolg wird, muss im Abschlusstext der Abbau schädlicher Subventionen verankert werden“, sagte sie. Vesper bringt damit eine Hebelwirkung ins Spiel, die oft in der Umsetzung scheitert: Förderstrukturen, die dem Arten- und Ökosystemschutz entgegenlaufen, wirken als Gegenkraft zu Schutzmaßnahmen und senken damit die Wirkung politischer Programme, selbst wenn einzelne Projekte gut laufen.
Auch Greenpeace meldete kurz vor Konferenzende deutlichen Nachsteuerungsbedarf an. Jannes Stoppel, Experte für internationale Klima- und Biodiversitätspolitik bei Greenpeace Deutschland, betonte, dass es um das Leben auf der Erde gehe. Bereits während des planmäßigen letzten Tages der Verhandlungen in Eriwan hob er hervor, dass ein klarer Naturschutzauftrag für die Bundesregierung zu erkennen sei, und forderte eine „klare Naturschutzoffensive der gesamten Bundesregierung“. Hintergrund dieser Forderung ist, dass die internationalen Zielmarken zwar politisch gesetzt sind, die Umsetzung in nationalen Strategien und Haushalten aber oft nicht im gleichen Takt erfolgt. Vor vier Jahren hatten sich die Staaten im Weltnaturvertrag auf 23 Ziele verständigt, die sie bis 2030 erreichen wollen; als prominentes Beispiel steht dabei das Ziel, mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Wenn eine Zwischenbilanz bereits zeigt, dass das Tempo nicht anzieht, wird die Priorisierung dessen entscheidend, was wirklich messbar zu einer Zielerreichung beiträgt.
Damit rückt neben dem „Was“ auch das „Wie“ in den Vordergrund: Welche politischen und finanziellen Instrumente werden so kombiniert, dass sie Schutzgebiete nicht nur ausweisen, sondern effektiv bewirtschaften? Schutz ist schließlich nicht automatisch gleichbedeutend mit Ergebnisqualität. Entscheidend sind Überwachung, Durchsetzung, Nutzungskonzepte und die Frage, wie Konflikte mit Landwirtschaft, Fischerei oder Infrastrukturplanung gelöst werden. Genau an dieser Schnittstelle treffen sich die Forderungen nach einer breiteren Finanzierungsbasis mit dem politischen Ruf nach einem konsistenteren Subventionsabbau. Ebenso spielt die stärkere Mitsprache der Menschen vor Ort eine Rolle, weil Schutzregeln ohne lokale Legitimation häufig auf Widerstand stoßen oder in der Umsetzung verwässern. Für Unternehmen, Kommunen und Naturschutzakteure bedeutet das: Die COP17 liefert zwar keine technischen Baupläne, kann aber über den Abschlusstext den Rahmen für Förderprogramme, Berichtspflichten und Schutzstrategien beeinflussen.
Unterm Strich zeigt der Verlauf der COP17 in Eriwan, wie eng politische Zeitpläne, nationale Umsetzung und zivilgesellschaftlicher Erwartungsdruck miteinander verknüpft sind. Der Bericht über die geplante Plenarsitzung bis in die Abendstunden unterstreicht den Endspurtcharakter, während die inhaltliche Spannungsachse klar bleibt: Die Staaten wollen bis 2030 messbar liefern, und die derzeitigen Zwischenstände sprechen dafür, dass dafür zusätzliche Geschwindigkeit und bessere Hebel nötig sind. Ob es gelingt, die Finanzierung, die Rolle lokaler Akteure und die systematische Korrektur schädlicher Anreize im Abschlusstext so zu verankern, dass sie später auch in konkreten Programmen landet, wird am Ende darüber entscheiden, ob COP17 als Fortschrittsmarke oder als weiteres Kapitel ohne operatives Momentum wahrgenommen wird.
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