NOVA SCOTIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bericht der CRCC kritisiert die Ermittlungsführung der RCMP nach dem industriellen Ertrinken von Andrew Gnazdowsky im Oktober 2020 scharf. Die Kommission beanstandet unter anderem, dass die Polizei den möglichen Tatort zu früh an Nova Scotia Power übergeben und die notwendigen Schritte zur Sicherung der Spuren nicht ausreichend durchgeführt habe. Gleichzeitig bleibt laut Einschätzung der RCMP eine strafrechtliche Verfolgung trotz neuer Prüfung eher unwahrscheinlich. Für die Familie endet damit ein jahrelanger Beschwerdeweg, während die Behörden nun gezielte Schulungen und Richtlinienänderungen angekündigt haben.

Der Fall um das tödliche Ertrinken von Andrew Gnazdowsky im Oktober 2020 im Umfeld eines Nova-Scotia-Power-Reservoirs zeigt, wie empfindlich die Schnittstelle zwischen Polizeiermittlung und nachgelagerter Arbeitssicherheitsaufsicht sein kann. Laut einem Bericht der Civilian Review and Complaints Commission (CRCC) war die erste Untersuchung der RCMP in zentralen Punkten „grobschlecht und unangemessen“. Besonders schwer wiegt dabei die Frage, ob frühe Entscheidungen den Handlungsspielraum für spätere strafrechtliche Bewertungen beschneiden oder Spuren unnötig verwässern.
Andrew Gnazdowsky, 26, starb während seiner Arbeit. Die RCMP untersuchten zunächst, ob sich aus dem Unfall Hinweise auf eine Straftat ableiten lassen. Die CRCC kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Ermittlungsansatz nicht nur zu schnell abgekürzt wurde, sondern auch die Logik hinter der Tatortuntersuchung nicht konsequent genug umgesetzt war. In der Darstellung des Berichts wird zudem thematisiert, dass der zuständige ermittelnde Beamte keine angemessenen Schritte unternahm, um einen möglichen Tatort abzusichern. Das ist ein Kernpunkt, denn bei Arbeitsunfällen mit Todesfolge entscheidet sich oft sehr früh, ob Material gesichert, Zeitlinien sauber dokumentiert und Zuständigkeiten klar abgegrenzt werden.
Die CRCC ordnet den Konflikt dabei auch institutionell ein: Die Rollen von Polizei und den zuständigen Stellen für Arbeitsrecht beziehungsweise Arbeitsaufsicht seien nicht identisch. Während arbeitsrechtliche Stellen typischerweise auf Pflichtverletzungen im Rahmen der Arbeitsschutzvorschriften zielen, bleibt die polizeiliche Aufgabe im strafrechtlichen Kontext bestehen, wenn ein hinreichender Verdacht nicht ausgeschlossen ist. Genau hier setzt die Kritik an: Die Kommission hält es für unzureichend, den Vorgang zunächst an Nova Scotia Power zu übergeben und parallel nicht weiter zu prüfen, ob strafrechtliche Verantwortlichkeit im Raum steht. Dass die RCMP später nach Sichtung des Beweismaterials und nach Rücksprache mit Staatsanwälten dennoch zu dem Ergebnis gelangt sei, dass eine erfolgreiche Strafverfolgung unwahrscheinlich wäre, ändert für die CRCC offenbar nichts an der Frage der Verfahrensqualität zu Beginn.
Parallel zu diesem Beschwerde- und Prüfstrang lief bereits ein arbeitsrechtlicher Weg. Drei Unternehmen wurden unter der occupational health and safety legislation des Landes angeklagt: Nova Scotia Power sowie zwei Subunternehmer, Brunswick Engineering and Consulting und Gemtec Consulting. In Summe wurden Geldbußen in Höhe von 260.000 US-Dollar verhängt, was die materielle Auseinandersetzung auf der Ebene der Arbeitssicherheit dokumentiert. Für die Familie war entscheidend, dass die Beschwerde über die RCMP-Handling-Punkte nicht bereits im Vorfeld abgewiesen wurde: Die erste Beschwerde von Nicole Gnazdowsky, der Schwester des Verstorbenen, wurde zurückgewiesen. Nach Angaben im Text zog sich der Weg damit über mehrere Jahre, bevor die CRCC die formale Kritik bestätigte und konkrete Verbesserungen empfahl.
Die persönliche Dimension bleibt im Bericht präsent, weil Nicole Gnazdowsky die Entscheidungsträger offenbar über längere Zeit drängte. In dem Dokument werden auch Schritte benannt, mit denen sie Informationen zu dem Fall zusammentrug, bevor die CRCC ihre Bewertung abgab. In einem späteren Brief an die Familie erklärte ein namentlich genannter Ermittler im April 2025, er habe bei der ersten Untersuchung keine Probleme erkannt und argumentierte, dass eine kriminelle Bewertung entfallen könne, weil kein Anzeichen für eine Straftat vorgelegen habe und der Fall an die LAE (Labour and Advanced Education) übergeben worden sei. Die CRCC widerspricht dieser Einordnung in der Substanz: Sie hält die Übergabe in der frühen Phase für zu vorschnell und sieht versäumte Ermittlungsmaßnahmen.
Für die Umsetzung ist wiederum weniger der Streit um die Einzelschritte als die Ableitung von Standards relevant. Die CRCC empfiehlt laut Text, dass sowohl die direkt beteiligten Beamten als auch die Streitkräfte insgesamt stärker geschult werden sollten. Konkret geht es um Schulungsinhalte zu Workplace-Death-Untersuchungen und zum Schutz potenzieller Tatorte, also um praktische Leitplanken für Spurensicherung, Dokumentation und die Entscheidung, wann ein strafrechtliches Ermittlungsfenster tatsächlich offen bleibt. In der Antwort, die im Text zitiert bzw. zusammengefasst wird, verweist die RCMP darauf, entsprechende Maßnahmen umzusetzen, inklusive operativer Guidance, Training und Policy-Arbeit in H Division.
Damit verschiebt sich der Fokus für betroffene Organisationen vom Einzelfall hin zu wiederholbaren Prozessen: Wer in einem Unternehmen Sicherheits- und Vorfallmanagement betreibt, muss Annahmen über Zuständigkeiten und Beweissicherung nicht nur für arbeitsrechtliche Verfahren, sondern auch für mögliche strafrechtliche Prüfungen treffen. Der Fall macht sichtbar, dass die Qualität einer frühen Ermittlungsphase unmittelbare Auswirkungen auf spätere Bewertungspfade hat, selbst wenn am Ende keine Anklage erfolgt. Für IT- und Compliance-verantwortliche bleibt zudem eine indirekte Lehre: Dokumentation, Auditierbarkeit und die nachvollziehbare Verknüpfung von Zeitlinien zwischen Unfallmeldung, Behördenübergabe und Ermittlungsaktivitäten können in der Praxis darüber entscheiden, ob Nachprüfungen später schnell und belastbar möglich sind. Eine rein technische Perspektive auf Vorfälle genügt deshalb nicht; entscheidend ist die Prozesskette, die auch dann funktioniert, wenn Verantwortlichkeiten zwischen Polizei und Aufsichtseinrichtungen auseinanderlaufen.
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