NEUSS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Creditreform-Auswertung zeigt, dass Lieferanten ihren Firmenkunden im ersten Halbjahr 2026 mehr Zeit zum Bezahlen einräumen. Im Schnitt sollen Rechnungen nach 32,21 Tagen beglichen werden. Das sind 0,75 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum und gut zwei Tage länger als 2023. Besonders deutlich wirkt sich das auf einzelne Branchen aus, während die Chemie- und Kunststoffindustrie ihre Zahlungsziele im Vergleich eher verkürzt.

In der Praxis der Unternehmensfinanzierung verschiebt sich gerade eine Stellschraube, die in Bilanzen oft nur indirekt sichtbar ist: Zahlungsziele. Laut einer neuen Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die auf der Auswertung von vier Millionen Rechnungen basiert, haben Lieferanten im ersten Halbjahr 2026 im Durchschnitt eine Begleichung innerhalb von 32,21 Tagen gefordert. Damit steigt die durchschnittliche Zahlungsfrist gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,75 Tage. Gegenüber 2023 liegt sie sogar um gut zwei Tage höher. Für viele Beschaffungs- und Finanzabteilungen bedeutet das weniger Tempo im Cash-In – und damit mehr Druck auf die kurzfristige Liquidität.
Die Studie liefert dabei nicht nur eine Momentaufnahme, sondern erklärt auch, warum diese Verlängerung plausibel ist. Creditreform verweist auf die angespannt wirtschaftliche Lage und darauf, dass Zahlungsfristen im Zuge dieser Entwicklung ausgeweitet wurden. Der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch, ordnete dies mit den gestiegenen Material- und Kraftstoffpreisen ein: „Vor allem die sprunghaft gestiegenen Material- und Kraftstoffpreise infolge der Eskalation im Nahen Osten belasteten in den vergangenen Monaten viele Unternehmen. Hier war ein Entgegenkommen der Kreditgeber erforderlich.“ Genau diese Logik ist für Lieferanten entscheidend: Wenn eigene Kosten schneller steigen als das eigene Kundengeld fließt, wird die Forderungsdurchsetzung zunehmend zu einem Finanzierungsproblem statt nur zu einer kaufmännischen Routine.
Technisch betrachtet spiegelt sich in den Zahlungszielen ein Teil des sogenannten Debitor Days bzw. eines DS0-nahen Einflusses auf den Cash Conversion Cycle: Je länger die durchschnittliche Frist bis zur Rechnungsbegleichung, desto länger bleibt Kapital im Forderungsbestand gebunden. Gleichzeitig verschiebt sich das Risiko zwischen den Parteien. Creditreform macht in der Studie deutlich, dass von erweiterten Zahlungsfristen nicht alle Kunden gleich profitieren. Vor allem große, bonitätsstarke Abnehmer könnten ihre Verhandlungsposition besser nutzen und damit die Frist verlängern. So erhielten Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten laut Creditreform im Schnitt 35,51 Tage Zahlungsziel, also rund drei Tage mehr als noch 2023. Kleinunternehmen mit höchstens 50 Beschäftigten kamen dagegen nur auf 26,37 Tage.
Die Segmentierung nach Unternehmensgröße zeigt, warum Zahlungsziele für unterschiedliche Rollen in der Wertschöpfung so unterschiedlich ausfallen. Ein großer Abnehmer kann häufig nicht nur mit Menge, sondern auch mit Verlässlichkeit, Bonitätskennzahlen und Einkaufsmacht argumentieren. Kleinere Firmen hingegen haben weniger Spielraum, wenn Lieferanten ihre Liquiditätslage enger steuern müssen. Für Lieferanten entsteht dadurch ein doppelter Effekt: Einerseits steigt die eigene Kapitalbindung, andererseits verlagert sich die Planbarkeit in Richtung weniger Kunden, die längere Fristen akzeptieren oder sogar einfordern können. Genau hier wird die Forderungsverwaltung in vielen Unternehmen anspruchsvoller: Inkasso-Strategien, Kreditlimits und die Abstimmung zwischen Einkauf, Buchhaltung und Treasury gewinnen an Bedeutung, weil die Zahlungslogik nicht gleichförmig ist.
Branchen machen die Unterschiede zusätzlich sichtbar. Laut Creditreform wurden die Zahlungsfristen zuletzt insbesondere für Unternehmen aus dem Einzelhandel, dem Konsumgüterbereich und der Logistikbranche verlängert. Das ist für Entscheider relevant, weil diese Branchen typischerweise mit hohen Umschlaggeschwindigkeiten und stark getakteten Lieferketten arbeiten. Wenn sich in solchen Segmenten die Zahlungsrealität verlängert, kann das schnell in der Breite auf Lagerfinanzierung, Transporte und die Vorfinanzierung von Vorleistungen durchschlagen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass es Branchen mit Gegenbewegung gibt: In der Chemie- und Kunststoffbranche seien die Zahlungsziele traditionell großzügig, wurden aber zuletzt leicht verkürzt.
Mit einem Zahlungsziel von 40,51 Tagen führt die Chemie- und Kunststoffbranche die Liste dennoch weiter an. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zur „leichten Verkürzung“, ist aber eher als Hinweis auf eine zähe Branchenpraxis zu lesen: Wenn ein Markt über Jahre lange Zahlungsfristen gewohnt ist, lassen sich Änderungen nicht sofort durchsetzen. Für Lieferanten heißt das: Selbst wenn sich die Tendenz insgesamt in Richtung längerer Fristen bewegt, können branchentypische Verhandlungsmuster eine Rolle spielen, die kurzfristige Anpassungen überlagert. Für Kunden wiederum bedeutet das, dass Einkaufsabteilungen ihre Lieferanten nicht nur nach Preis, sondern stärker nach Finanzierungskonditionen „mitverhandeln“ müssen – und dass ihnen die Datenlage zunehmend als Argumentationshilfe dient.
Für die nächsten Monate wird entscheidend sein, ob die beobachtete Verschiebung eher eine vorübergehende Reaktion auf Preis- und Krisendruck bleibt oder sich als neue Norm in die Prozesse einbrennt. Der Grundtrend – längere Zahlungsfristen bei gleichzeitig ungleich verteilter Verhandlungsmacht – legt nahe, dass Unternehmen ihre Finanzplanung enger mit dem Forderungsmanagement verzahnen sollten. Praktisch heißt das etwa, Zahlungseingänge nicht nur buchhalterisch zu betrachten, sondern als steuerbaren Faktor für Disposition, kurzfristige Investitionsentscheidungen und die Bewertung von Lieferantenrisiken. Die Creditreform-Daten liefern dafür eine klare, quantifizierte Basis: 32,21 Tage im Durchschnitt sind kein theoretischer Wert, sondern ein direkter Einfluss auf Cashflow, der in den Abteilungen spürbar wird, sobald Lieferverträge neu verhandelt werden.
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