LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt, dass CSS innerhalb von E-Mails die vermeintliche Nachrichtengrenze in Webmail-Clients aushebeln kann. Über mehrere Angriffsketten auf Outlook, Gmail, Fastmail, Proton Mail, Yahoo Mail und anderen Anbietern lassen sich Passwörter, Login-Token und Bestätigungsschritte für Drittkonten abgreifen. Die Arbeit wurde auf Black Hat USA 2026 vorgestellt und liefert Proof-of-Concepts, während einzelne Fixes bereits nachgereicht wurden. Der Kernhinweis lautet: HTML muss stark isoliert und CSS-Bereiche deutlich restriktiver behandelt werden.

Mail-Sicherheit war lange Zeit vor allem eine Frage von Text- und Skriptfiltern: Sanitizer sollen verhindern, dass HTML aus einer Nachricht in der Weboberfläche unerwartete Kontrolle ausübt. Die aktuelle Forschung dreht den Fokus dagegen auf CSS, genauer auf die Lücke zwischen dem, was ein Sanitizer erlaubt, und dem, was der Browser oder das Webmail-Frontend am Ende wirklich erzeugt. In mehreren nachgebauten Angriffsketten wird die Idee sichtbar, dass CSS nicht einfach “nur Anzeige” ist, sondern über Selektoren, Pseudo-Elemente und Ereignisverarbeitung UI-Logik in Bewegung setzen kann. Das betrifft nicht nur klassische Passwörter, sondern auch Token, die für den Zugriff auf Drittdienste oder Weiterleitungen an KI-Tools genutzt werden.
Technisch beschreibt die Arbeit zwei Wege, wie ein Angriff die Grenzen überwindet: Zum einen geht es darum, dass Webmail-Klienten HTML und CSS überhaupt zulassen, wenn auch “eingeschränkt”. Zum anderen wird eine Diskrepanz ausgenutzt, wenn Sanitizer bestimmte Attribute oder Konstrukte als harmlos durchwinken, der nachgelagerte Code im Client daraus aber neue DOM-Knoten erzeugt, die dann außerhalb der erlaubten CSS-Klassenliste weiterwirken. Gerade diese Kombination ist im Webmail-Alltag plausibel: Labels, Rendering-Optionen, UI-Erweiterungen und die Übersetzung von “zulässigen” Mail-Elementen in interne Komponenten sind oft eng verzahnt mit Frontend-Logik. Dass dabei Content nicht mehr nur im “Nachrichtenraum”, sondern auch in der “vertrauenswürdigen Oberfläche” landet, ist der Kernhebel der gezeigten Ketten.
Ein Beispiel aus dem Outlook-/Firefox-Setup macht die Mechanik greifbar: Die Autoren zeigen, wie erlaubte Label-Elemente Steuerelemente außerhalb der eigentlichen Nachricht anstoßen können und wie Anwendungsskripte zuvor sanitisierte Custom-Attribute in neue DOM-Knoten überführen, sodass CSS außerhalb der Sanitizer-Allow-List wirksam wird. Hinzu kommt ein Parsing-Trick über Media Queries, der am Ende beliebige CSS-Regeln ermöglicht. In der Kette wird außerdem ein Select-Element als Passwortfeld getarnt, wobei Firefox eine etwa einsekündige Timer-Logik für die Optionsauswahl beim Verlassen der Bildfläche zurücksetzt. Damit wird das Timing so ausgenutzt, dass eine Eingabe im richtigen Moment für den Angreifer nachvollziehbar wird, statt nur “später” gesammelt zu werden.
Nicht überall geht es um Passwortmasken. Bei Yahoo Mail und AOL Mail entsteht laut den Demonstrationen ein anderer Angriffspfad: In Firefox kann gepastetes HTML kurzzeitig aktive CSS-Fähigkeiten behalten, bevor die Sanitization endgültig greift. Im Medium-Demonstrationsszenario wird zudem ein Login-Flow für die E-Mail gestartet, der Empfänger kopiert CSS-Inhalte, fügt sie in einen Yahoo- oder AOL-Entwurf ein und triggert dadurch Requests, die genug Informationen liefern, um ein zwölf Zeichen langes Login-Token zu rekonstruieren. Dieses Token kann dann verwendet werden, um sich als das Opfer anzumelden. Die Arbeit bleibt dabei ausdrücklich beim Forschungscharakter: Es werden Proof-of-Concepts beschrieben, aber nicht behauptet, dass die Ketten bereits in der Praxis missbräuchlich ausgenutzt worden seien.
Auch wenn CSP externe Ressourcen blockiert, heißt das in der Praxis nicht automatisch Schutz vor Datenabfluss. Die Autoren skizzieren deshalb eine klickbasierte Exfiltration, bei der CSS die Darstellung eines numerischen Tokens als Text analysiert, Ziffern über Häufigkeiten erkennt und Links so erscheinen lässt, dass nur die passenden Varianten auf der Seite verbleiben. Ein Nutzer-Klick übermittelt dann die Ziffern samt ihrer Häufigkeit an den Angreifer. Für weitere Szenarien geht die Studie in die Interaktion mit KI-gestütztem E-Mail-Zugriff: Gmail zeigt laut Bericht ein image-set()-Fallback, das unter Umständen trotz Sanitization noch externe Requests anstößt. In einer demonstrierten Umgebung wird dies mit einer indirekten Prompt-Injection-Mail verknüpft, die ein Claude Cowork-Workflow über einen Gmail-Connector verarbeitet; die injizierten Anweisungen sollen dabei einen Slack-Token auslösen und in einem HTML-Draft so platzieren, dass das Betrachten des Entwurfs die Information weiterleitet.
Für Verteidiger liefert die Studie vor allem umsetzbare Leitplanken. Zuerst steht strikte Isolation: HTML-E-Mail soll in sandboxed iframes gekapselt werden, damit selbst dann, wenn CSS-Mechanismen “durchrutschen”, keine Kontrolle auf UI-Komponenten übergreift. Danach folgen harte CSS-Validierungen, inklusive Character-Allow-Lists für CSS, Checks auf CSS-Gadgets bevor Custom Attributes überhaupt erlaubt werden, sowie das Blockieren von Select Menüs und gefährlichen Selektoren. Zusätzlich empfiehlt die Arbeit, attacker-controlled image requests konsequent zu verhindern und Allow-Listed-Domains so zu restriktivieren, dass missbrauchte Proxies keine seitlichen Signale mehr liefern. Auf der Anbieter-Seite werden in der Studie außerdem bereits konkrete Statuspunkte genannt: Fastmail habe zwei CSS-Mutations-Bugs behoben, und bei einem Proton-Mail-Proxy habe ein erneuter Test eine zuvor funktionierende Umgehung deaktiviert, während andere Teile der Outlook-Kette nach Angaben der Autoren nicht abschließend als “vollständig gefixt” belegt werden.
Für Unternehmen mit Fokus auf sichere Kommunikation bedeutet das: Der Schutz von E-Mail ist kein einmaliger Filterjob mehr, sondern eine Kettenbetrachtung über Rendering, Sanitization und Client-Interaktionen hinweg. Besonders kritisch wird es dort, wo E-Mails nicht nur gelesen, sondern in Workflows weitergereicht werden – etwa in Integrationen zu Kollaboration, Passwort- und Token-Confirmations oder KI-Assistenzfunktionen, die Inhalte “zur Bearbeitung” in Modell- und Toolpfade übernehmen. Die öffentliche Repository mit Proof-of-Concepts erhöht dabei den Druck, die eigenen Webmail- und Connector-Setups systematisch gegen Sanitizer- und CSS-Discrepancy-Szenarien zu testen. Unterm Strich bleibt die klare Botschaft der Forschung: Wenn HTML im Browser final nicht mehr der “sanierten” Struktur entspricht, reicht ein erlaubtes CSS-Subset nicht – dann muss die technische Trennung selbst das Sicherheitsmodell tragen.
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