LONDON (IT BOLTWISE) – Der DAX klettert auf ein neues Rekordhoch und überholt damit das erst Mitte August markierte Allzeitlevel. Treiber ist vor allem die stark inflationsthematische Rede von US-Notenbankchef Kevin Warsh, der eine straffere Geldpolitik nicht ausschließt. Umgesetzt wird die Rückenwind-Story zusätzlich durch fallende Ölpreise und eine Erholung bei den deutschen Autowerten. Entscheidend bleibt nun, ob sich die Inflation in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels schneller bewegt als erwartet.

Der DAX hat ein weiteres Allzeithoch erreicht, obwohl die Erwartungen an die Zinspolitik der US-Notenbank Fed zuletzt eher vorsichtig formuliert wurden. Der Index stieg um 0,8 Prozent auf 26.580,64 Punkte und liegt damit sogar knapp über dem erst Mitte August erreichten Rekord von 26.573,50 Punkten. Damit verschiebt sich das kurzfristige Sentiment in Richtung „risk-on“: Anleger interpretieren die aktuellen Signale nicht als unmittelbares Ende der geldpolitischen Unterstützung, sondern als Hinweis, unter welchen Bedingungen die Fed bereit ist, stärker durchzugreifen.
Im Zentrum steht dabei die Rede von Kevin Warsh. Laut dem wiedergegebenen Redemanuskript betonte der Notenbankchef die Risiken einer erhöhten Inflation und zeigte sich dabei „derzeit“ stärker fokussiert auf Preisstabilität als auf den Arbeitsmarkt. Entscheidend ist vor allem der Tonfall: Warsh signalisierte Bereitschaft für eine straffere Geldpolitik, falls die Inflation nicht zügig auf das Zwei-Prozent-Ziel zuläuft. „Wir müssen davon überzeugt sein, dass sich die Kerninflation eindeutig und mit ausreichender Geschwindigkeit unserem Ziel annähert. Andernfalls haben wir noch einiges zu tun“, sagte er beim Notenbanktreffen der Federal Reserve of Kansas City in Jackson Hole.
Für die Kursbewegung ist das mehr als nur ein Zitat: Die Märkte übersetzen solche Aussagen in Erwartungskurven für künftige Realzinsen, die wiederum besonders stark auf Aktien mit Bewertungs-„Hebel“ wirken. Zusätzliche Dynamik kam am Vortag bereits aus dem US-Technologieumfeld, als die Zahlen großer Unternehmen wie NVIDIA oder Salesforce Stützung lieferten. Zusätzlich wirkt der sinkende Ölpreis als klassischer Makro-Filter: Wenn Energiepreise nachgeben, reduziert das tendenziell den inflationswirksamen Kostendruck und erleichtert damit die kurzfristige Einschätzung für die Teuerungsrate insgesamt.
Genau an dieser Kette knüpften auch die Kommentierungen zum deutschen Markt an. Laut Jürgen Molnar liefert der Ölmarkt „zu Wochenschluss“ weitere Unterstützung: „Die Ölpreise kommen etwas zurück und nehmen damit zumindest ein wenig Inflationsdruck aus dem Kessel“. Der Text verweist zudem auf außenpolitische Schlagzeilen rund um mögliche Veränderungen im Opec-Umfeld, doch im unmittelbaren Marktgeschehen zählt zunächst, dass sich die Erwartung an den Energiepfad für die nächsten Wochen entspannt. Parallel dazu erholten sich mehrere Autotitel deutlich; BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen legten um bis zu 3,9 Prozent zu und zählten damit zu den größten Gewinnern im DAX.
Technisch betrachtet zeigt sich hier, wie stark Rotation und Sektorbreite bei Indexrekorden zusammenwirken. Anfang August hatte der DAX erstmals die Marke von 26.000 Punkten überschritten und steigt seither von Bestmarke zu Bestmarke. Dass die Kursgewinne nun in der Breite kommen, ist für viele Investoren ein wichtiges Signal: Es bedeutet, dass der Aufwärtsimpuls nicht nur aus einzelnen Mega-Caps gespeist wird, sondern auch Branchen trifft, die im Bewertungsmodell häufig sensibel auf Konjunktur- und Zinsannahmen reagieren.
Auch der Blick auf die Konjunkturdaten spielt in dieses Bild hinein. Positive Wirtschaftsdaten wie das Ifo-Geschäftsklima wirkten als zusätzliche Fundamentstütze und gaben laut der Berichterstattung eine bessere Grundtendenz an der Börse. Carsten Klude, Chefvolkswirt bei M.M. Warburg & Co, ordnete die Lage so ein: „Trotz anhaltender struktureller Probleme sprechen die robuste Gewinnentwicklung der Unternehmen, bessere Konjunkturdaten und positive Frühindikatoren für weiteres Potenzial.“ Für Entscheidungsträger heißt das: Der Markt handelt derzeit nicht nur die Inflationsdiskussion der Fed, sondern koppelt sie an die Hoffnung auf stabile Unternehmensgewinne und eine Konjunktur, die Schwankungen abfedern kann.
Für die nächsten Handelstage dürfte damit vor allem die weitere Interpretation von Warshs Kernaussage relevant bleiben: Die Fed will reagieren, falls sich die Inflation nicht ausreichend schnell auf den Zielkorridor zubewegt. Genau diese Bedingung kann kurzfristig die Markterwartungen drehen, weil schon kleine Änderungen in Daten zur Kerninflation oder in Energiekomponenten die Wahrscheinlichkeit alternativer Szenarien beeinflussen. Solange Öl und Konjunkturentwicklung den Rückenwind liefern und die Sektorrotation in einem Index wie dem DAX stabil bleibt, bleibt ein Rekordniveau zwar kein Selbstläufer, aber es ist derzeit ein sichtbarer Rahmen für das Sentiment.
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