LONDON (IT BOLTWISE) – Der Dax hat die Marke von 26.000 Punkten erstmals übertroffen und die Rekordzone bis Mittwoch auf rund 26.400 Punkte erweitert. Trotz zahlreicher Belastungsfaktoren wie schwächerem Umfeld im In- und Ausland und Druck durch höhere Energie- und Ölpreise zeigt sich der Index auffällig robust. Entscheidender Treiber sind in diesem Jahr nicht nur einzelne Wachstumswerte, sondern das Zusammenspiel aus dem Belastungsprofil von Autos und dem Kursverlauf großer Softwarewerte. Bis Jahresende werden in der Berichterstattung sogar 27.500 Punkte in Aussicht gestellt.

Der Dax marschiert derzeit in einer Phase, in der viele Marktteilnehmer traditionell weniger Rückenwind erwarten. Gleich zu Wochenbeginn wurden erstmals 26.000 Punkte überschritten, am Mittwoch ging es dann auf gut 26.400 Punkte, und am Donnerstag pendelte der Index um 26.200 Zähler. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, denn das Umfeld liefert mehrere Gegenargumente: Niedrigwasser im Rhein, Inflationsdruck durch teureres Öl, dazu Hinweise auf nachlassende Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und eine eher schwache Binnenkonjunktur. Genau in dieser Gemengelage stellt sich deshalb weniger die Frage, ob der Dax steigt, sondern warum er gerade in den saisonal typischen Sommermonaten zu Hochform aufläuft.
Ein wichtiger Teil der Antwort steckt im internationalen Vergleich. In der Einordnung wird der Dax mit knapp sieben Prozent Jahreszuwachs nicht als klare Lokomotive beschrieben, sondern als Markt, der im globalen Maßstab eher „abgehängt“ wirkt. Der koreanische Aktienmarkt habe sich im Jahresverlauf zeitweise verdoppelt und liege trotz zuvor spürbarer Turbulenzen weiterhin deutlich im Plus. Japanische Aktien zeigten sich in Euro gemessen ebenfalls stark und konnten trotz Yen-Schwäche bislang rund 30 Prozent zulegen. Wer sich in Deutschland also vor allem mit dem Hinweis auf eine Techblase beruhigen will, findet in der gleichen Betrachtung eine zweite Botschaft: Selbst im europäischen Vergleich liege der Dax dieses Jahr nur auf Rang 20 von 25 nennenswerten Aktienmärkten, und andere Börsenplätze – etwa in Südeuropa oder im Vereinigten Königreich – seien teils klar stärker.
Dass der Dax trotzdem neue Bestmarken erreicht, hängt laut der Analyse unmittelbar mit der Zusammensetzung des Index zusammen. Im Kern werden zwei Faktoren genannt: Autos und SAP. Historisch wurde der Dax zeitweise als „Auto-Dax“ bezeichnet, und mit dem VW-Dieselskandal im Jahr 2015 veränderte sich das Marktgefühl nachhaltig. Die damalige Bedeutung der Autowerte wird in der Beschreibung über ihre Indexgewichtung greifbar: 2015 erreichten Autowerte rund 18 Prozent Gewicht. Aktuell addiere sich der Anteil der Autowerte zwar noch auf etwa 4,3 Prozent – deutlich weniger als früher. Auch die einzelnen Positionen zeigen unterschiedliche Belastungspunkte: VW wird mit rund 0,9 Prozent Dax-Anteil beziffert, Continental mit 0,4 Prozent, BMW mit 1,1 Prozent und Mercedes mit 1,9 Prozent. Zudem werden Porsche-Aktien erwähnt, die wegen ihrer Kursschwäche mittlerweile wieder aus dem Dax abgestiegen sind, was den „Auto-Bremseffekt“ rechnerisch zusätzlich reduziert.
Die entscheidende Frage bleibt: Reicht diese Entlastung, um den Index trotz Tech- und Industrie-Druck nach oben zu tragen? Für die Autoseite heißt es in der Berichterstattung: Die Krise könne den Dax nicht mehr so stark belasten wie früher. Noch 2023 kamen Autowerte auf rund zehn Prozent Gewicht, während im laufenden Jahr das Minus in einzelnen großen Titeln (36 Prozent bei BMW, 27 Prozent bei VW, 21 Prozent bei Mercedes) den Dax insgesamt „nur“ in Summe etwa um ein Prozent belasten soll. Gleichzeitig wiegt ein anderer Faktor mehr: SAP. Der Kursrutsch wird mit einem Abschlag von 18 Prozent im Jahr beschrieben, und rechnerisch habe das etwa 1,8 Prozentpunkte Dax-Kosten verursacht, weil SAP trotz Zwischenrallye auf knapp zehn Prozent Indexgewicht komme. Hier spielt auch die KI-Debatte hinein: Die Befürchtung, KI könne den Wert von Softwareentwicklern stark mindern, habe einige Softwarekonzerne an der Börse belastet. Dass SAP zuletzt vom Tief erkennbar erholt habe, verhindert aber offenbar, dass dieser Block den Dax vollständig ausbremst.
Daneben taucht ein zweiter Industrie-Cluster auf, in dem Energie und Halbleiter zunehmend als Nachrichtenfaktor wirken. Rheinmetall wird als einst hochgejubelter Titel beschrieben, der dieses Jahr zum Belastungsfaktor geworden sei. Infineon hingegen wird als größter Dax-Treiber genannt. Die Argumentation dafür ist zweigeteilt: Erstens die Nachfrage nach energieeffizienten Chips, zweitens die Rolle von Energie als Marktkompetenzfeld, das nicht erst durch KI-Rechenzentren an Relevanz gewonnen habe, sondern spätestens mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine stärker in den Fokus gerückt sei. Auch die Personalisierung bleibt nicht aus: Jan Beckers wird im Kontext eines Fonds erwähnt, in dem Infineon hoch gewichtet worden sei, mit einer Gewichtung sogar über vielen großen US-Internetwerten – genannt werden nur Amazon und Alphabet als aussichtsreicher. Die Botschaft: Selbst wenn KI als Schlagwort vieler Diskussionen dient, wird der wirtschaftliche Hebel hier auf konkrete Hardware-Kennzahlen und Effizienzanforderungen heruntergebrochen.
Bei Siemens Energy wird die gleiche Logik sichtbar, diesmal über das Indexgewicht selbst. Aus einem Dax-Abstiegskandidaten mit weniger als einem Prozent Indexgewicht habe der Titel sich auf aktuell knapp sieben Prozent hochgearbeitet, der Aktienkurs habe sich laut Darstellung mehr als verzwanzigfacht. Interessant ist dabei auch der Blick auf die Konzernstruktur: Die Muttergesellschaft Siemens profitiere nicht nur von der Kursentwicklung ihrer Beteiligung, sondern zugleich von eigener Stärke als Industriekonzern. Mit knapp zwölf Prozent Dax-Gewicht wird Siemens als „Schwergewicht“ eingeordnet. Das zeigt, dass der Dax-Rekord nicht ausschließlich von Wachstumsstories getragen wird, sondern auch von einer Neubewertung klassischer Industrien im Umfeld hoher Energie- und Infrastrukturthemen.
Selbst wenn Autos und SAP Gegenwind liefern, ergibt sich der Rest des Bildes aus einer breiteren Marktaufstellung. Eine Allianz, die als hochprofitabel und zugleich als verlässlicher Dividendenzahler gilt, zählt in der Einordnung zu den Gewinnern und wird als internationaler Liebling an der Frankfurter Börse beschrieben. Weitere Treiber folgen: Bayer erholt sich nach den erwähnten „ewigen Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten“, und die Deutsche Börse wird als stabil-verlässliche Gewinnmaschine mit hohen Margen dargestellt. Auf der Technologie- und Rüstungsseite profitiere Airbus von Technologie- und Rüstungskompetenz, während Bankaktien vom höheren Zinsniveau unterstützt würden; bei der Commerzbank wird zusätzlich das hohe Unicredit-Interesse an ihren Aktien erwähnt. Auch jenseits der ganz großen Positionen wird eine Marktbreite sichtbar: Bei BASF, Merck und Symrise erkennt der technische Analyst Achim Matzke „ebenfalls charttechnische deutliche Verbesserungen“ und sieht sie „auf dem Weg nach oben“. Genau diese Mischung aus Indexmechanik, sektoraler Rotation und charttechnischem Rückenwind soll die Rekorde erklären.
Zum Abschluss wird der positive Ausblick in einen konkreteren Rahmen gesetzt: Banken trauen dem Dax bis zum Jahresende 27.500 Punkte zu. Wichtig ist dabei, dass diese Prognose nicht als Widerspruch zu den genannten Belastungsfaktoren gelesen werden muss. Sie passt eher zu der Logik, dass die Belastungen zwar real sind, aber im aktuellen Index-Setup weniger stark durchschlagen als früher – weil das Gewicht der Autowerte gefallen ist, SAP zwar belastet, aber zuletzt erkennbar stabilisiert wirkt und gleichzeitig Energie- sowie bestimmte Tech- und Industrie-Chancen das Gegengewicht bilden. Für Unternehmen in Deutschland bedeutet das vor allem eines: Die Kursentwicklung des Leitindex wird derzeit weniger durch „eine“ Story erklärt, sondern durch das Zusammenspiel aus Indexgewicht, Thema-Neubewertung und einem globalen Vergleich, der zeigt, dass starke Märkte nicht zwingend auch hierzulande die stärksten sind. Der Dax kann also Rekorde feiern, auch wenn der Rest der Welt eher die eigene Dynamik mitbringt.
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