LONDON (IT BOLTWISE) – DAX-Vorstandsvorsitzende verdienen im Durchschnitt 6,1 Millionen Euro. Im Dow Jones liegt der Schnitt laut den vorliegenden Vergütungsdaten dagegen bei umgerechnet über 30 Millionen Euro. In Deutschland stimmen die Aktionäre die Bezüge in den Hauptversammlungen meist mit mehr als 90 Prozent ab. Adidas musste hingegen beim künftigen Vergütungssystem nacharbeiten, weil 68 Prozent der Anteilseigner dagegen waren.

Wenn man die Vergütung von DAX-Spitzenmanagern neben US-Topgehälter setzt, wird die Größenordnung schnell sichtbar: Nach Berechnungen der DSW lagen die Vorstandsvorsitzenden im DAX im vergangenen Jahr im Mittel bei 6,1 Millionen Euro. Im amerikanischen Dow Jones beträgt der entsprechende Schnitt umgerechnet sogar über 30 Millionen Euro. Genau diese Schere bildet den Kern der aktuellen Ranglisten-Auswertung, die zugleich zeigt, wie stark „Vergütung“ in der Praxis davon abhängt, welche Bestandteile in welcher Logik in die Jahreszahlen überführt werden.
Die DSW setzt dabei klare Markierungen: In Deutschland landeten nur SAP-Chef Christian Klein und der Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing jeweils über der 10-Millionen-Grenze. Klein erhielt für das vergangene Jahr insgesamt fast 10,9 Millionen Euro; allerdings taucht in seinem Vergütungsbericht zusätzlich eine zweite, deutlich höhere Zahl auf: Die „gewährte und geschuldete Vergütung“ wird mit mehr als 16,2 Millionen Euro beziffert. Der Unterschied entsteht laut Darstellung vor allem dadurch, wie langfristige Vergütungsbestandteile auf die einzelnen Jahre heruntergerechnet werden. Dass sich solche Bewertungslogiken stark unterscheiden können, ist für Aktionäre und Betriebsräte gleichermaßen relevant, weil die öffentliche Diskussion häufig nur eine der Perspektiven greift.
Auch die Abstimmungsdynamik liefert Hinweise darauf, wie die Märkte und Anteilseigner mit den Zahlen umgehen. Die Aktionäre der Deutschen Bank stimmten dem Vergütungsbericht im Mai mit fast 98 Prozent zu; die Hauptversammlung wurde dabei erstmals seit 2019 wieder als Präsenzveranstaltung abgehalten. Aus ihrer Sicht habe das Management geliefert – schließlich hat sich der Aktienkurs im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Bei Adidas zeigt sich dagegen, dass formale Zustimmung nicht automatisch für jede Phase der Vergütungskette gilt: Zwar billigten die Aktionäre auch dort den Vergütungsbericht im Mai mit großer Mehrheit, scheiterten aber bei der Abstimmung über das künftige Vergütungssystem deutlich. 68 Prozent lehnten das neu konzipierte System ab, sodass das Management nacharbeiten muss; der Adidas-Chef Björn Gulden gehört zugleich weiterhin zu den bestbezahlten DAX-Vorständen und kam trotz eines Kursrückgangs von fast 30 Prozent auf insgesamt rund 9,8 Millionen Euro.
Neben den Spitzenreitern richtet sich der Blick der DSW auf die Struktur: „Die langfristig variablen Vergütungsbestandteile sind entscheidend“, lautet eine zentrale Lesart aus den Debatten um Managergehälter, weil gerade diese Elemente die Vergleichbarkeit über Unternehmen hinweg erschweren. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW, spricht dabei von einer „Schallmauer“, an der sich Unternehmen künftig freiwillig als Orientierung halten sollten, damit Spitzengehälter gesellschaftlich „noch vertretbar“ bleiben. Er betont: Die Höhe der Managergehälter sei auch „ein wichtiger Indikator für den sozialen Frieden in unserem Land“, und Polarisierung, Verschwörungsmythen sowie radikale Strömungen gebe es genug; die Vergütung müsse dafür keinen weiteren Anlass liefern. Zugleich stellt er klar, dies sei „ausdrücklich kein Ruf nach Gehaltsobergrenzen“.
Besonders kritisch wird in der aktuellen Diskussion der Bereich der Abfindungen adressiert, also Zahlungen bei vorzeitigem Ausscheiden. Der Corporate-Governance-Kodex sieht als Empfehlung vor, dass Abfindungen den Wert von zwei Jahresvergütungen nicht überschreiten. In der Praxis werde diese Empfehlung allerdings oft ignoriert, sagt Tüngler und ordnet die Abweichungen als „zum Papiertiger“ ein. Konkrete Beispiele nennt der Kontext nicht als neue Einzelfälle, verweist aber auf vergangene Kritik an sehr hohen Abfindungen, unter anderem im Zusammenhang mit dem früheren Porsche-Vorstand Lutz Meschke und dem früheren Vonovia-Chef Rolf Buch. Für Unternehmen ist das eine klare Botschaft: Selbst wenn die Aktionäre die Vergütungsberichte regelmäßig durchwinken, bleiben einzelne Stellschrauben wie die Exit-Konditionen als Reputations- und Governance-Risiko bestehen.
Was die Transparenz angeht, sieht Tüngler weniger das Problem, dass zu wenig berichtet würde, sondern dass die Vergleichbarkeit leidet. Zwar seien die Vergütungsberichte mittlerweile sehr ausführlich; die individuellen Angaben zu den Gehältern aller Vorstände würden jeweils pro Jahr offengelegt, und die Berichte umfassten oft 40 bis 50 Seiten. Entscheidend sei aber, dass die Darstellung nicht mehr durch Mustertabellen gebremst wird: Die Abschaffung der Mustertabellen des Deutschen Corporate-Governance-Kodex 2017 und gesetzliche Änderungen hätten den Unternehmen mehr Freiheit gegeben. Dadurch kann eine Zahl auf den ersten Blick „ähnlich“ wirken, während die Berechnungslogik dahinter abweicht – etwa bei der Frage, wie langfristig variable Bestandteile zeitlich zugeordnet werden. Im internationalen Vergleich bleibt die DSW-Einschätzung zudem klar: Deutsche Spitzenmanager seien „relativ gering vergütet“.
Beim internationalen Vergleich zeigen sich die größten Abstände nicht nur in den Mittelwerten, sondern auch bei einzelnen Namen. Im Dow Jones führte im vergangenen Jahr David Solomon von Goldman Sachs mit rund 105 Millionen Euro die Rangliste an; Microsoft-CEO Satya Nadella lag bei 85,5 Millionen, Apple-Chef Tim Cook bei 65,8 Millionen. Im Euro Stoxx führt dagegen Michel Doukeris, Chef des Braukonzerns AB Inbev, der seinen Verdienst im vergangenen Jahr um rund 164 Prozent auf insgesamt 63,9 Millionen Euro steigern konnte. Über 90 Prozent seines Pakets entfielen dabei auf langfristig variable Vergütungsbestandteile, was die typische Musterfrage in der Praxis unterstreicht: Nicht nur das „Wie viel“ zählt, sondern auch das „Wann“ und „Wie“ diese Vergütung in die Jahresrechnung fällt.
Für Unternehmen und Aufsichtsgremien lässt sich aus der Gegenüberstellung eine einfache Konsequenz ableiten: Wer Spitzengehälter argumentieren will, braucht belastbare Vergleichsmaßstäbe und eine möglichst verständliche Herleitung der Zahlen. Gerade weil Aktionäre in Deutschland die Berichte häufig mit mehr als 90 Prozent billigen, werden Diskussionen in der nächsten Runde oft an den Detailregeln ausgetragen – etwa an der Ausgestaltung künftiger Vergütungssysteme wie bei Adidas oder am Umgang mit Abfindungen. Gleichzeitig sollten sie im Benchmark nicht nur den Endwert vergleichen, sondern die Rechenlogik: Der Unterschied zwischen „vertraglicher Vergütung“ und „gewährter und geschuldeter Vergütung“ ist kein akademisches Detail, sondern beeinflusst unmittelbar, wie das Unternehmen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
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