BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im ersten Halbjahr sind laut einer Antwort des Verkehrsministeriums fast jeder zwölfte Fernzug der Deutschen Bahn ganz oder teilweise ausgefallen. Das entspricht acht Prozent und liegt damit drei Prozentpunkte über dem Vorjahr. Gleichzeitig kam nur ein Teil der Fernzüge pünktlich an: 58,7 Prozent waren im ersten Halbjahr termingerecht. Der Konzern nennt unter anderem Wintereinbruch und Sommerhitze als Ursachen, während Kritik auf fehlende Prävention und zu geringe Reserven in Knotenpunkten verweist.

DB-Fernverkehr: Jeder zwölfte Zug in der ersten Jahreshälfte ausgefallen
DB-Fernverkehr: Jeder zwölfte Zug in der ersten Jahreshälfte ausgefallen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Fernverkehr der Deutschen Bahn häufen sich die Ausfälle so sichtbar, dass sie inzwischen sogar in Bundestagsanfragen landen: Für die erste Jahreshälfte weist eine Antwort des Verkehrsministeriums auf Anfrage der Grünen-Fraktion aus, dass fast jeder zwölfte Fernzug ganz oder zumindest auf Teilstrecken ausgefallen ist. Genannt werden acht Prozent Ausfälle im Fernverkehr. Damit liegt der Wert um drei Prozentpunkte höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und markiert zudem den zweithöchsten Stand seit 2019. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zum ersten Halbjahr 2024: Dort betrug die Ausfallquote laut der Antwort zwölf Prozent.

Der Unterschied zum Vorjahr wirkt zunächst wie eine Frage der Ereignisse, denn die Antwort führt die höhere Ausfallquote 2024 auf Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zurück. Für die Bewertung im aktuellen Jahr ist aber entscheidend, dass Ausfälle nicht automatisch „alles ist nur Streik“ bedeuten. Die Deutsche Bahn stellt dazu eine operative Perspektive bereit: In der ersten Jahreshälfte 2024 mussten laut Bahn gerade einmal 3,6 Prozent der betroffenen ICE- und IC-Züge ersatzlos ausfallen. Gleichzeitig ordnet die Bahn die aktuelle Entwicklung in eine Mischung aus saisonalen Wettereffekten und Infrastruktur-/Fahrzeugthemen ein.

Technisch und betriebsnah wird es bei den Ursachenangaben. Als Gründe für Einschränkungen nennt der bundeseigene Konzern unter anderem den Wintereinbruch im Januar sowie die Hitze im Juni. Dass Wetter Einzug in die Fahrplandaten findet, ist in der Praxis nicht ungewöhnlich: extreme Temperaturen können etwa die Betriebsfähigkeit von Anlagen und die Stabilität von technischen Komponenten beeinflussen, während bei starken Wetterlagen auch die Einsatzbereitschaft von Ressourcen über mehrere Tage hinweg belastet wird. Dazu passt die zweite zentrale Zahl aus dem Fernverkehrsbild: Im ersten Halbjahr erreichten lediglich 58,7 Prozent der Fernzüge eine pünktliche Ankunft. In dieser Statistik werden die Zugausfälle offenbar nicht mitgerechnet, was die Wahrnehmung im System noch einmal verändert: Wer keinen Ersatz bekommt, fällt im Alltag ganz heraus, während Verspätungsketten in der Pünktlichkeitsquote sichtbar bleiben.

Während die Bahn die Verantwortung für bestimmte Ausfalltreiber differenziert, wächst zugleich die politische und betriebliche Diskussion über Prävention. Der Grünen-Abgeordnete Matthias Gastel kritisiert, dass Bahn und Bundesregierung den Anstieg und das hohe Niveau ausgefallener Fernverkehrszüge nicht „tatenlos“ hinnehmen dürften. Die Ausfälle und Verspätungen hätten oft mit Störungen an den Fahrzeugen zu tun; gefordert wird vor allem eine Stärkung der präventiven Instandhaltung. In diesem Zusammenhang nennt Gastel konkrete operative Hebel: mehr Reservezüge und zusätzliches Personal in wichtigen Knoten, damit Störungen nicht sofort in Folgeausfälle kippen. Für Entscheider in der Planung ist das ein Muster, das man aus anderen Verkehrssystemen kennt: Fehlt Pufferkapazität, multiplizieren sich Effekte, weil jede Störung den Umlaufplan verengt.

Die Deutsche Bahn widerspricht dieser Einordnung und liefert eine technische Gegenrechnung. Laut Bahn seien technische Störungen an den Zügen selbst – etwa bei Antrieben – zwischen 2019 und 2025 um über 50 Prozent zurückgegangen. Damit argumentiert der Konzern, dass ein Teil der politischen Lesart den Zeitverlauf der Fahrzeugstabilität zu wenig berücksichtigt. Methodisch ist diese Debatte besonders interessant, weil „Ausfall“ und „Störung“ nicht zwingend dieselbe Ursache-zu-Wirkung-Kette abbilden: Ein Ereignis kann klein beginnen, etwa als technischer Defekt, und dennoch im Zusammenspiel mit Umläufen, Umsteigezeiten oder Streckengeschwindigkeit zu großflächigen Einschränkungen werden. Umgekehrt kann es auch Situationen geben, in denen ein Zug nicht wegen einer unmittelbaren Fahrzeugpanne ausfällt, sondern weil sich das Netz durch Wetterereignisse oder Kapazitätsengpässe verengt. Für Reisende macht das am Ende wenig Unterschied, für Betriebs- und Investitionsentscheidungen schon.

Gleichzeitig betont die Bahn in ihrer Darstellung, dass viele Reisende alternative Verbindungen nutzen konnten und damit die Bahnfahrt fortsetzen konnten – ausdrücklich auch dann, wenn Züge nicht bis zum Zielbahnhof durchgefahren sind. Das ist für die Bewertung wichtig, weil „ganz oder teilweise ausgefallen“ nicht automatisch gleich „ersatzlos gestrichen“ bedeutet. In der Praxis entscheidet die Qualität der Ersatzlogistik über die tatsächliche Kundenerfahrung: Je klarer die Umleitungen, desto weniger gerät das Gesamtsystem unter Druck. Entscheiderisch ist außerdem, wie Reservekapazitäten organisiert sind und ob sie in Knotenpunkten schnell genug verfügbar sind, um aus einer einzelnen Störungsquelle keinen Dominoeffekt zu machen. Wenn nur ein vergleichsweise kleiner Teil tatsächlich ersatzlos ausfällt, wird sichtbar, dass die operative Lage dennoch stark sein kann – aber eben nicht stabil genug, um Pünktlichkeit und Ausfallhäufigkeit dauerhaft auf einem niedrigen Niveau zu halten.

Für Marktbeobachter und alle, die Bahnverkehre als Teil der übergreifenden Mobilität und Lieferkettenplanung sehen, bleibt die aktuelle Statistik ein Signal mit Folgen. Die Kombination aus Ausfallquote, fehlender Pünktlichkeit und saisonalen Treibern deutet darauf hin, dass es nicht reicht, nur „Ersatz“ zu organisieren: Es geht auch um die Fähigkeit des Systems, während Extremlagen handlungsfähig zu bleiben. Genau hier treffen sich technische und organisatorische Themen – vom Zustand der Flotte über die Instandhaltungsplanung bis hin zu Reserven im Tagesgeschäft. Wenn sich Ausfälle über mehrere Jahre hinweg als Hochpunkte wiederholen, steigt zudem der Druck auf Investitionsentscheidungen, etwa bei Fahrzeugen, Wartungsfenstern und der Auslegung von Knoten. Der politische Konflikt zwischen „präventive Instandhaltung“ und „Rückgang technischer Störungen dank neuerer Fahrzeugflotte“ ist damit weniger eine Meinungsfrage als eine Frage, welche Kennzahlen und Ursacheblöcke im Betrieb die Oberhand gewinnen.

Am Ende liefert die erste Jahreshälfte ein klares Bild: Der Fernverkehr bewegt sich in einem Bereich, der spürbar ist – für Fahrgäste in Form von Ausfällen und für das System in Form von Verspätungsrisiken. Die Bahn verweist auf sinkende technische Störungsraten bei Fahrzeugen und auf Wetterereignisse, während die Politik die präventive Instandhaltung und mehr Puffer in Knotenpunkten fordert. Für Unternehmen und Planer bedeutet das: Wer stark auf Schienenmobilität setzt, sollte neben der klassischen Pünktlichkeitsbetrachtung auch die Ausfallwahrscheinlichkeit und die Ersatzqualität als Teil der betrieblichen Risikoanalyse berücksichtigen. Damit wird aus einer Statistik nicht nur ein Rückblick, sondern ein Messinstrument dafür, wie belastbar der Fernverkehr in der nächsten Saison tatsächlich ist.


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