LONDON (IT BOLTWISE) – Deep Fission will einen kleinen Druckwasserreaktor rund eine Meile unter der Erde in einem 30-Zoll-Bohrloch betreiben und dabei den Fels als Teil des Schutz- und Druckkonzepts nutzen. Das Ziel: Rechenzentren und Industrie standortunabhängig mit bis zu 15 Megawatt elektrischer Leistung pro Einheit versorgen, skalierbar bis zu vielen Bohrloch-Reaktoren auf einem Gelände. Entscheidend ist aber der Weg zur Zulassung: Die Firma hat bisher vor allem ein 6.000 Fuß tiefes Messbohrloch fertiggestellt und muss nun erst kommerzielle Bohrungen und einen Prototypen in sicherheitstechnische Nachweise überführen. Parallel zieht das Startup Kapital und Partnerinteresse an, während die Konkurrenz im DOE-Reactor-Pilot-Programm bereits erste kritische Meilensteine meldet.

Deep Fission plant modularen Reaktor eine Meile tief: Atomkraft im Bohrloch
Deep Fission plant modularen Reaktor eine Meile tief: Atomkraft im Bohrloch (Foto: IT BOLTWISE)
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Deep Fission versucht, ein ikonisches Sicherheitsdesign der Kerntechnik auf den Kopf zu stellen: Statt große Stahl- und Betoncontainments über einem Reaktor zu bauen, soll ein kleiner Druckwasserreaktor tief in einem Bohrloch verschwinden. Konkret peilt das Startup in den USA eine Tiefe von etwa einer Meile an, um den hydrostatischen Druck im Wasser und den umgebenden Gesteinseigenschaften einen Teil der Aufgabe zu geben, die konventionell oberirdisch durch massive Schutzstrukturen gelöst wird. Das ist mehr als ein Marketingbild. Es ist eine komplette Systemannahme, die sich erst beweisen lässt, wenn Bohrung, Wärmeabfuhr, Wartbarkeit und Notfallkonzepte tatsächlich zusammen funktionieren.

Technisch setzt Deep Fission auf eine Gravity-gestützte Variante eines pressurized water reactor. Die Begründung wirkt auf Anhieb plausibel: Ein klassischer Druckwasserreaktor benötigt hohe Drücke, damit das Kühlmittel Wasser im System flüssig bleibt und die Wärme aus dem Kern zuverlässig abführt. Deep Fission argumentiert, dass sich dieser Druck unter Tage durch die Wassersäule und damit verbundenen Druckverhältnisse natürlicher einstellen lässt. Laut NRC-Einschätzung soll „Deep Fission Borehole Reactor 1“ in einer Tiefe betrieben werden, in der der hydrostatische Druck rund 160 Atmosphären erreicht, also etwa 2.350 psi. Der Knackpunkt bleibt: Ähnlich wie bei anderen sicherheitskritischen Technologien entscheidet am Ende die reale Auslegung für jede Phase des Lebenszyklus.

Um diese reale Auslegung abzusichern, hat Deep Fission bereits einen zentralen Schritt umgesetzt: In Parsons, Kansas, wurde ein Datenaufnahme-Bohrloch mit ungefähr 6.000 Fuß Tiefe fertiggestellt. Das Unternehmen beschreibt diese Messbohrung als Engineering-Basis, nicht als Reaktorstandort. Ihre Aufgabe ist es, geologische, hydrologische und thermische Parameter zu erfassen, die später in Sicherheitsanalysen, Auslegungsrechnungen und regulatorische Planungen einfließen. Damit ist der Ansatz vergleichbar mit dem, was Bergbau- und Erdölunternehmen bei der Erkundung tun: Erst messen, dann bauen. Deep Fission formuliert die nächsten Schritte daher bewusst als kommerzielle Bohrung und sichere Bereitstellung eines Prototyps – noch nicht als vollständige Anlage im Regelbetrieb.

Mit Blick auf die Energieausbeute nennt Deep Fission für jeden unterirdischen Reaktor 45 Megawatt thermische Leistung und bis zu 15 Megawatt elektrische Leistung, sobald Dampf die Oberfläche erreicht und eine Turbine antreibt. Einzelne Einheiten reichen nicht, um eine Großstadt zu versorgen, aber das Modell setzt auf Skalierung: Eine Site soll bis zu 100 Bohrloch-Reaktoren aufnehmen können, je nach Auslegung mit Summen von 300 Megawatt bis über 1,5 Gigawatt. Genau hier schließt das Startup an die Anforderungen großer Datenzentren und stromintensiver Industrie an, die zwar zunehmend Künstliche Intelligenz nutzen, aber vor allem Planungssicherheit beim Strombezug brauchen. Der Vergleich zu traditionellen Kraftwerken liegt auf der Hand: Dort ist der Netzausbau und die Bauzeit meist schwerer zu „stacken“ als modulare Blöcke.

Im Marktumfeld trifft Deep Fission auf schnelle Vergleichsprojekte, allerdings mit anderer Architektur. Im DOE-Reactor-Pilot-Programm werden fortgeschrittene Konzepte bis zum 4. Juli 2026 adressiert, die zumindest außerhalb nationaler Labore Kritikalität erreichen sollen. Deep Fission gehört zu den ausgewählten Unternehmen, darunter Namen wie Antares Nuclear, Oklo, Radiant Industries und Valar Atomics. Laut bisherigen Meldungen hat Antares Nuclear mit Mark-0 am Idaho National Laboratory bereits Kritikalität erreicht, und Valar Atomics meldete Ward 250 in Utah am 18. Juni. Deep Fission befindet sich dagegen primär in Bohr- und Prototypschritten. Das nimmt dem Konzept nicht die Plausibilität, macht aber den Zeitdruck sichtbar: Ein Termin kann regulatorisch und technisch schneller „politisch“ werden, wenn der Nachweis für echte Betriebsanlagen noch aussteht.

Die wirtschaftliche Story ist ebenfalls eng mit Sicherheit verzahnt. Deep Fission sagt, die Technologie kombiniere Druckwasserreaktor-Know-how, Tiefbohrungen aus dem Öl- und Gas-Sektor sowie Wärmeübertragungskonzepte, wie man sie aus der Geothermie kennt. Der Kostenargumentationskern lautet: Komponenten sollen weitgehend „off-the-shelf“ sein, Lieferketten bereits existieren, und das Brennstoffprofil soll auf niedrig angereichertem Uran basieren, also auf einer Kategorie, die in der kommerziellen Kerntechnik bereits genutzt wird. Zusätzlich gibt es laut Unternehmensangabe eine Fuel-Vereinbarung mit Urenco USA für Demonstrationsarbeit und frühe Operationen. Doch „borrowed“ bedeutet nicht „beliebig“: Ein funktionierender Reaktor im engen Schacht muss Fragen zu Installation, Inspektion, Wartung, Notfallmaßnahmen, Wärmeabfuhr, Handhabung abgebrannter Brennelemente und zum späteren Rückholen beantworten.

Regulatorisch ist damit klar, wo das eigentliche Risiko liegt. Die NRC betrachtet nicht nur die Reaktorphysik, sondern das komplette Sicherheitsargument: Barrierenkonzept, Leckagepfade, Betriebs- und Störfallanalysen, Monitoring und die Planung für den Ereignisfall. Deep Fission muss zeigen, dass der Betrieb in einem Bohrloch die gleichen oder bessere Sicherheitsniveaus erzielt wie ein konventionelles Containment, inklusive robustem Nachweis über Zeiträume, in denen sich Bohrlochgeometrie, Materialien und Bohrlochumgebung verändern können. Auch der Betrieb von Rechenzentren und Industrieanlagen erfordert verbindliche Prozesse für Daten- und Anlagenintegrität: Selbst wenn bei der Stromversorgung keine „Privacy“-Klassik wie in Softwareprojekten greift, ist die sichere Kopplung von Betriebsdaten, Telemetrie und Notabschaltungen sicherheits- und auditierbar zu gestalten.

Unterm Strich hat Deep Fission bereits drei Dinge erreicht, die für den Markt wichtig sind: eine belastbare Erkundungsbohrung in Kansas, frisches öffentliches Kapital und ein sichtbares Partnerinteresse. Nach Unternehmensangaben ist das Startup im Juni in den öffentlichen Markt gegangen, hat dabei 2,5 Millionen Aktien zu je 16 US-Dollar platziert und rund 40 Millionen US-Dollar vor Gebühren eingesammelt; der Nasdaq-Start erfolgte mit dem Symbol FISN. Kurz darauf wurden Letters of Intent mit Datenzentren, Industrieparks und Co-Developern gemeldet, die potenziell bis zu 18,5 Gigawatt Kapazität betreffen. Solche Schreiben sind jedoch nicht bindend. Der nächste Engpass ist daher absehbar: Erst müssen kommerzielle Bohrungsnachweise und der Prototyp echte Betriebssicherheit belegen, dann können Finanzierungs- und Lizenzierungszyklen sauber skalieren. Gelingt das, entsteht ein neues Industriemuster, in dem Kernenergie wie ein „Bohrfeld“ geplant wird – und das würde die Wettbewerbslandschaft für modulare Energieinfrastruktur deutlich verändern.


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