LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschland liegt im EU-weiten DESI-Vergleich weiter hinter Spitzenreitern. Laut dem neuen Digital Economy and Society Index von Bitkom fällt die Bundesrepublik auf Platz 17 zurück, nach Platz 14 im Vorjahr. Besonders die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung bleibt deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst fordert schnellere Genehmigungen und den breiten KI-Einsatz in Unternehmen.

Der Rückschlag wirkt zunächst wie eine Zahl in einem Ranking – für IT-Leiter und digitale Produktmanager ist er aber vor allem ein Signal zur Tempo- und Umsetzungsfrage. Im neuen „Digital Economy and Society Index“ (DESI), den Bitkom als Basis für seine Auswertung nutzt, landet Deutschland unter den 27 EU-Mitgliedstaaten auf Rang 17. Im Vorjahr hatte die Bundesrepublik noch Platz 14 erreicht, zudem steigt die Gesamtpunktzahl nur leicht von 50,1 auf 51,1. Der Befund passt damit zu dem Eindruck, dass viele Digital-Programme zwar geplant, aber in der Breite nicht schnell genug in Betrieb überführt werden.
Technisch und organisatorisch lässt sich der Unterschied in der Umsetzung oft an genau den Themen festmachen, die der Index über mehrere Indikatoren abbildet: digitale Kompetenzen, 5G-Abdeckung, Glasfaserverfügbarkeit, die Nutzung digitaler Technologien in Unternehmen sowie digitale Verwaltungsleistungen. Beim Bereich der öffentlichen Verwaltung zeigt sich das größte Problemfeld. Deutschland erreicht hier nur Platz 22 von 27 – und liegt damit sogar einen Rang schlechter als im Vorjahr. Das ist mehr als ein Verwaltungs-Thema: Digitale Verwaltungsleistungen sind ein zentraler Hebel, um durchgehend digitale Prozesse im Alltag zu verankern, Schnittstellen zu vereinheitlichen und damit auch die Nachfrage nach passenden IT-Services und Integrationsleistungen im Markt zu erhöhen.
Daneben ordnet der DESI-Index Deutschland in zwei Bereichen zwar im oberen Mittelfeld ein, aber ohne den Sprung nach vorn, den viele Unternehmen als Voraussetzung für Skalierung brauchen. Bei der Qualität der digitalen Infrastruktur und bei der digitalen Transformation von Unternehmen kommt die Bundesrepublik jeweils auf Platz elf. Auch im Bereich digitaler Kompetenz geht es voran – Deutschland rückt um vier Plätze nach oben auf Rang elf. Aus Systemsicht sind das gute Ausgangspunkte: Wenn Know-how vorhanden ist und die Infrastruktur nicht am unteren Rand liegt, sollte die Transformation eigentlich schneller skalieren. Genau hier setzt die Kritik an, denn häufig entscheiden Reibungsverluste in der Umsetzung, wie schnell Projekte von Piloten in Produktion kommen.
In diese Richtung argumentiert Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst, der in einer Stellungnahme gegenüber der berichtenden Tageszeitung betont: „Deutschland macht Fortschritte bei der Digitalisierung, aber andere Länder sind schneller.“ Zugleich macht er konkrete Ursachen sichtbar, die für Unternehmen in Projekten sehr real werden: Deutschland sei überkomplex, was häufig zu „quälend langen“ Planungs- und Genehmigungsprozessen führe; dazu komme eine ausufernde Bürokratie sowie ein rechtlicher Rahmen, den selbst die Juristen in Unternehmen nicht mehr vollständig verstanden hätten. Dass der Fokus nicht nur auf Verwaltung liegt, sondern auch auf Infrastruktur- und Betriebsfähigkeit, unterstreicht die Aussage Wintergersts, dass der Staat bei Digitalprojekten stärker als Beschleuniger wirken muss.
Für die Praxis nennt Wintergerst ein Maßnahmenbündel, das wie ein konkreter Projektfahrplan klingt: „Wir müssen unsere Digitalprojekte beschleunigen, von Gründungen in 24 Stunden über schnellere Genehmigungen für Rechenzentren, Mobilfunkmaste und Fabriken bis zum breiten Einsatz von KI in den Unternehmen“, sagte er. Gerade Rechenzentren und Mobilfunkmaste sind in diesem Kontext technisch relevant, weil sie die physische Grundlage für Kapazität und Latenzqualität bilden. Wenn Genehmigungen zu lange dauern, entstehen nicht nur Zeitverzüge, sondern auch Kapazitätsrisiken und Planungsunsicherheiten für Cloud- und Netzwerkprojekte. Und der letzte Teil der Forderung – KI breit einzusetzen – ist wiederum kein reines Zukunftsthema: Unternehmen brauchen dafür nicht nur Modelle, sondern auch Datenprozesse, Integrationsaufwände, Sicherheitskonzepte und klare Betriebsregeln.
Interessant ist außerdem die Methodik des DESI selbst, denn sie erklärt, warum Vergleiche künftig anders interpretiert werden müssen. Bis 2022 veröffentlichte die EU-Kommission die Kennzahl als Gesamtwert; inzwischen weist Brüssel nur noch die jeweiligen Einzelindikatoren aus, während das Ranking seit 2023 durch Bitkom auf Basis dieser Bausteine berechnet wird. Das bedeutet: Unternehmen und Politik sollten weniger auf einen einzelnen Positionssprung schauen, sondern auf die Struktur der Lücken – etwa auf die deutlich schwächeren digitalen Verwaltungsleistungen. Für den Wettbewerb um digitale Standortvorteile heißt das: Länder, die schneller in den Betrieb kommen, gewinnen nicht nur im Ranking, sondern verschieben auch die Kostenkurve für digitale Services, weil sie wiederholbare Standards und Plattformen früher etablieren.
Vor diesem Hintergrund wirkt Deutschlands Position auf Platz 17 wie eine Aufforderung zur Priorisierung, nicht wie ein pauschales „Zurückbleiben“. Die Plätze elf bei Infrastrukturqualität und Unternehmens-Transformation zeigen, dass Investitionen und Kompetenzen vorhanden sind. Gleichzeitig macht der Abstand bei der Verwaltung deutlich, wo sich digitale Wirksamkeit am schnellsten beschleunigen ließe: durch konsequente Prozessdigitalisierung, durch bessere Interoperabilität und durch kürzere Wege von der Planung bis zur Einführung. Wenn digitale Projekte in der Breite starten und in akzeptablen Zeitfenstern ausgerollt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch KI-Use-Cases tatsächlich produktiv werden – und nicht in einzelnen Pilotumgebungen stecken bleiben.
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