LONDON (IT BOLTWISE) – Berichten zufolge steigt in der Ukraine die Drohnenproduktion in kurzer Zeit massiv an, doch entscheidend sind vor allem die laufenden Upgrades der Systeme. Buntar Aerospace ergänzt seine Einsatzsteuerung um vollständig ferngesteuerte Missionen, sodass Teams am Startort schnell Abstand gewinnen können. Parallel zeigen Umbauten bestehender Fahrzeuge durch Kaban Robotics, wie schnell neue Funktionen aus Front-Erfahrungen entstehen. Für die Bundeswehr rückt damit weniger die Frage „neue Drohne oder nicht“ in den Fokus als die Fähigkeit, Prozesse, Taktiken und Ausbildung an den modernen Drohnenkrieg anzupassen.

Deutsche Bundeswehr und Drohnenkrieg: Warum Technik allein nicht reicht
Deutsche Bundeswehr und Drohnenkrieg: Warum Technik allein nicht reicht (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer den aktuellen Drohnenkrieg als reines Produktionsrennen betrachtet, übersieht einen Kernpunkt: Nicht die Stückzahl allein entscheidet über die Wirksamkeit, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich Systeme in Richtung der jeweils realen Lage weiterentwickeln. In der Ukraine, so berichten ukrainische Medien, soll die monatliche Fertigung inzwischen bei Hunderttausenden liegen und sich binnen eines Jahres spürbar erhöht haben. Gleichzeitig wird beschrieben, dass Drohnen nahezu wöchentlich angepasst werden. Diese Kopplung aus Produktion und kontinuierlichem Software- und Einsatz-Update macht den Unterschied zwischen einer statischen Waffe und einem taktisch „lernenden“ System aus.

Technisch wird das unter anderem an der Buntar-Copilot-Software sichtbar, die Buntar Aerospace für Aufklärungsdrohnen weiterentwickelt. Der neue Ansatz: Reconnaissance-Missionen sollen komplett aus der Distanz gesteuert werden, sodass nur ein kleines Team am Startort verbleibt, während die eigentliche Durchführung von hunderten oder sogar tausenden Kilometern Entfernung erfolgen kann. Der Gründer Bohdan Sas hebt dabei ausdrücklich die Rolle von Safety hervor: Sobald die Drohne in der Luft ist, kann das erfahrende Bedienpersonal die Mission von einem sicheren Standort durchführen, und das Startteam verlässt die Zone zügig. Bemerkenswert ist zudem, dass das Unternehmen nach eigenen Angaben keine externe Remote-Desktop-Software als Schicht dazwischenschaltet, sondern Funktionen direkt in eine eigene Mission-Planungsplattform integriert. Dahinter steckt im Kern ein Engineering-Trade-off: Wer die Fernsteuerung im eigenen System bündelt, reduziert Abhängigkeiten und kann Latenz- und Robustheitsanforderungen enger an die Flug- und Einsatzlogik koppeln.

Auch das Beispiel Kaban Robotics zeigt, wie Innovation im Konfliktumfeld häufig nicht mit dem Bau „von Grund auf“ beginnt, sondern mit schnellem Umbau. Kaban konvertiert vorhandene Fahrzeuge, etwa einen US HMMWV (High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, im Alltag häufig als Humvee bezeichnet), zu einem Setup, das aus sicherer Distanz ferngesteuert werden kann. Der Vorteil liegt in der verkürzten Entwicklungszeit: Statt komplett neue Plattformen zu konstruieren, lässt sich bestehende Hardware relativ rasch für neue Aufgaben adaptieren. Noch deutlicher wird die Iterationsgeschwindigkeit, wenn man den Mechanismus der Feature-Zuführung betrachtet: In einem beschriebenen Fall soll eine vorgeschlagene Sicherheitsfunktion – das automatische Abschalten von Außenlichtern bei Kommunikationsverlust – innerhalb von rund 15 Minuten umgesetzt worden sein. Für die Nachtsicht wird außerdem darauf verwiesen, dass Kamerafunktionen direkt aus Front-Erfahrung abgeleitet wurden: Wenn entgegenkommende Scheinwerfer die Hauptkamera blenden könnten, soll ein Fahrer per Knopfdruck auf eine thermische Bildgebung umschalten können.

Für die Bundeswehr stellt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Einerseits versucht Deutschland, die industrielle Produktion von Drohnensystemen hochzufahren, andererseits wird die Beschaffung als Engpass beschrieben. Im Bericht eines parlamentarischen Wehrbeauftragten Henning Otte wird kritisiert, dass die Streitkräfte bei der Beschaffung moderner unbemannter Systeme „zu weit“ zurücklägen. Während bei den eigenen Drohnen laut Kritik etwa KZO und LUNA bereits bei ihrer Einführung nicht mehr auf dem neuesten Stand gewesen seien, lautet die Priorität nun, neue Systeme „schnell in die Serienproduktion“ zu bringen und in größeren Stückzahlen an die Truppe zu liefern. Gleichzeitig adressiert Otte das Problem auf organisatorischer Ebene: Er sieht nicht nur Finanzmangel als Erklärung, sondern beanstandet „zu bürokratische“ Beschaffungsprozesse. Beschaffung müsse daher beschleunigt und die Kräfte von „nicht-militärischer“ Bürokratie entlastet werden.

Die Debatte um die Umsetzung zeigt auch, warum der Ruf nach mehr Technik allein zu kurz greift. Ein Sicherheits-Experte, Dr Frank Sauer, wird mit einer klaren Gewichtung zitiert: Das Aufholen und Schließen der Lücke sei grundsätzlich möglich, auch wenn das in der Zwischenzeit eher mit deutlich höheren Preisen pro Drohne verbunden sein kann. Entscheidend sei aus seiner Sicht weniger die Frage, ob Deutschland die Geräte liefern kann, sondern wie die Streitkräfte mit den veränderten Bedingungen des Gefechts umgehen: Prozesse müssen internalisiert, neue Taktiken und Abläufe entwickelt und die organisatorischen „Muskeln“ dafür aufgebaut werden. Genau an dieser Stelle verschiebt sich der Schwerpunkt vom Hardware-Kauf hin zu Training, SOPs (Standard Operating Procedures) und Einsatzdoktrin.

Entsprechend wird auch die Ausbildung thematisiert. Lieutenant General Dr Christian Freuding wird so eingeordnet, dass bereits in der Grundausbildung ein Einführungsmodul zum Betrieb von Drohnen enthalten sei. Die Kernaussage lautet dabei: Jeder Soldat müsse in der Lage sein, Drohnenaufklärung zumindest grundsätzlich zu bedienen oder sich auf Gegendrondomänen auszurichten. Als praktische Standortbestimmung dient zudem das Manöver „Freedom Shield I“ in Litauen, bei dem Soldaten selbst Drohnen fliegen und sich gegen sie durch improvisierte Drohnenschutzlösungen verteidigen mussten. Ein Panzerkommandant namens Kevin, der nach der Übung erstmals geflogen sein will, beschreibt, dass das Erlernen binnen weniger Minuten möglich gewesen sei. Das ist als Signal lesbar: Wenn ein Einsatzkonzept auf schnelle Bedienbarkeit und taktische Anpassung setzt, dann müssen Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten im Verband so verteilt werden, dass nicht einzelne Spezialisten den Betrieb dominieren, sondern Teams handlungsfähig bleiben.

Für Entscheider in der Rüstungs- und Verteidigungsplanung ergibt sich daraus ein konkreter Maßstab. Die Ukraine illustriert, dass „Update-Frequenz“ und „Remote-Fähigkeit“ nicht Nebenrollen sind, sondern die Effektivität von Aufklärung und Wirkung mitbestimmen. Für Deutschland bedeutet das, die Produktentwicklung stärker mit Betrieb und Ausbildung zu verknüpfen: Software-Änderungen müssen schneller in Feldverfahren übersetzbar sein, Fernsteuerung muss in Funk-, Sicherheits- und Führungslogiken integriert werden und Umbauten bestehender Systeme sollten als schnelle Option mitgedacht werden. Wenn Beschaffung gleichzeitig bürokratisch blockiert und Trainingskonzepte zu langsam folgen, entsteht genau die Lücke, die Otte beschreibt. Technik liefert dann zwar das Werkzeug – aber ohne organisatorischen Umbau bleibt die Nutzung hinter dem Potenzial zurück.


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