BERLIN / PEKING – Deutschland sucht im Iran-Konflikt aktiv nach Wegen zur Deeskalation und setzt dabei auch auf einen konstruktiven Beitrag Chinas. Außenminister Johann Wadephul betonte nach einem Telefonat mit Wang Yi die Bedeutung der freien Navigation in Straße von Hormus und vor dem Bab al-Mandab im Eingang zum Roten Meer. China gilt dabei als Schlüssel, weil es große Teile iranischer Ölexporte abnimmt und wirtschaftlich unterstützt. Im Hintergrund stehen zugleich US-Sanktionen und ein angespanntes Verhältnis zwischen EU und China, die Wang Yi in den Gesprächen adressierte.

Deutschland setzt in der Iran-Krise auf Chinas Einfluss zur Deeskalation
Deutschland setzt in der Iran-Krise auf Chinas Einfluss zur Deeskalation (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Iran-Konflikt rückt für Deutschland nicht nur die Frage nach einer politischen Entschärfung in den Fokus, sondern ganz konkret auch die Sicherheit der internationalen Seerouten. Das Auswärtige Amt stellte nach einem Telefonat zwischen Bundesaußenminister Johann Wadephul und seinem chinesischen Amtskollegen Wang Yi heraus, dass China seinen Einfluss auf den Iran konstruktiv nutzen könne, um die Lage zu entschärfen. Für Unternehmen und Reedereien ist diese Perspektive vor allem deshalb relevant, weil der Konflikt Auswirkungen auf die internationale Schifffahrt haben kann und Routen durch das östliche Mittelmeer sowie entlang des Roten Meers in der Praxis stark von Risikowahrnehmung, Versicherungsprämien und operativen Umwegen abhängen.

Technisch betrachtet geht es dabei weniger um einzelne Schiffe, sondern um die Funktionsfähigkeit eines globalen „Schifffahrts-Backbones“: Die Straße von Hormus sowie der Bereich vor dem Bab al-Mandab bilden Engstellen, in denen schon eine Eskalation auf hoher See oder in Küstennähe das Risiko- und Kostenprofil einer gesamten Transportkette verändern kann. Genau diese Stelle brachte Wadephul in seiner Ansprache vor dem Abflug zur UN-Generalversammlung auf den Punkt. „Ich bin dankbar, dass wir einig darin sind, dass das Prinzip der freien Navigation sowohl in der Straße von Hormus als auch vor dem Bab al-Mandab im Eingang zum Roten Meer gewahrt werden müssen“, sagte er. Dass dabei explizit das Prinzip der freien Navigation genannt wird, ist mehr als ein diplomatisches Schlagwort: Es schafft eine messbare Erwartung, dass Wege zum Handel offen bleiben und nicht in eine Konfliktlogik abrutschen.

Die Rolle Chinas wird in den Gesprächen deshalb so hoch gewichtet, weil Peking historisch und wirtschaftlich über mehrere Hebel mit dem Iran verbunden ist. Laut den Angaben im Kontext des Telefonats gilt China als wichtiger Verbündeter des Irans, unter anderem weil es den Großteil der iranischen Ölexporte abnimmt und das Land wirtschaftlich unterstützt. Aus Sicht der Außenpolitik bedeutet das: Wenn China wirtschaftlichen Druck oder Anreize auf den Iran ausüben will, kann es die Wirkung vermutlich stärker aussteuern als Staaten, die nur über kurzfristige diplomatische Signale verfügen. Gleichzeitig zeigt der Austausch, wie eng Deeskalationslogik und Handelsrealitäten miteinander verwoben sind – denn Wang Yi betonte parallel, die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland beziehungsweise der EU vertiefen zu wollen und keinen Handelskrieg zu wollen.

Im Hintergrund steht zudem ein Konfliktfeld, das sich kaum auf die reine Verhandlungsstrategie reduzieren lässt: Ende August hatten die USA Unternehmen aus Hongkong und China sanktioniert. Der Vorwurf: Sie hätten dem Iran Zugang zu wichtiger Technologie für die Nuklearforschung und die Entwicklung von Raketen verschaffen sollen. Solche Sanktionen wirken typischerweise dämpfend, weil sie nicht nur direkte Lieferbeziehungen treffen, sondern auch indirekte Geschäftsmodelle, Compliance-Prozesse und Finanzierungskanäle verändern. Dass China im Telefonat laut den vorliegenden Informationen dennoch signalisierte, sich nur für Maßnahmen einzusetzen, die dem Frieden dienen, passt in dieses Bild einer politischen Balance: Man will Vermittlung anbieten, ohne gleichzeitig eine Eskalationsspirale durch zu weitgehende Schritte auszulösen, die wiederum auf dritte Staaten und die eigene Wirtschaft zurückschlagen könnten.

Ein weiterer Aspekt ist die inhaltliche Abgrenzung dessen, worüber im Gespräch berichtet wird. Aus Peking hieß es zum Iran-Gesprächsteil lediglich, beide hätten über „die Lage im Iran und die Ukraine-Krise“ gesprochen. Diese Formulierung ist insofern bedeutsam, als sie zeigt, dass das Gespräch nicht auf einen isolierten Konfliktauslöser reduziert wurde, sondern in einen größeren Kontext geopolitischer Spannungen eingeordnet wird. Für Deutschland ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung: einerseits muss es deeskalationsorientierte Signale senden und andererseits verhindern, dass die Bemühungen um freie Navigation und Sicherheitsgarantien im Meerraum zu stark von anderen Konfliktdynamiken überlagert werden.

Wang Yi stellte im Gespräch darüber hinaus die Perspektive auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen EU und China in den Mittelpunkt. Er sagte, China und die EU sollten keinen Handelskrieg führen; gleichzeitig äußerte er die Erwartung, Deutschland solle eine pragmatische Haltung beibehalten, in der EU eine aktive Rolle spiele und Protektionismus ablehne. Für Entscheider in exportorientierten Branchen ist das vor allem deshalb spürbar, weil sich Handels- und Sicherheitsrisiken in solchen Momenten gegenseitig verstärken können: Wenn Unternehmen bereits mit Unsicherheiten in Beschaffung und Logistik kämpfen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zusätzliche politische Friktionen in Zöllen, Standards oder Lieferkettenmaßnahmen realen Aufwand erzeugen. In der Praxis bedeutet das: Die Deeskalationshoffnung darf nicht nur diplomatisch gedacht werden, sondern muss in die Risikoberichte von Logistik, Einkauf und Treasury einfließen.

Für die nächsten Schritte ist schließlich entscheidend, wie konkret ein „Beitrag“ Chinas werden kann, ohne die internationale Handlungsfähigkeit zu unterminieren. Deutschland formuliert im Kern den Wunsch nach Deeskalation und setzt dabei auf Chinas Einflussmöglichkeiten – zugleich bleibt der politische Spielraum begrenzt durch US-Sanktionsrisiken und durch den handelsstrategischen Wettbewerb zwischen großen Wirtschaftsräumen. Dennoch sendet die Kombination aus dem Verweis auf freie Navigation und dem Wunsch nach Vermittlung eine klare Leitlinie: Stabilität im Schiffsverkehr soll priorisiert werden, bevor jede einzelne Eskalationsstufe weitere Kostenlawinen auslöst. Ob das gelingt, hängt nicht nur von Absichtserklärungen ab, sondern von der Umsetzung konkreter Kommunikations- und Einflusskanäle, die in den kommenden Wochen getestet werden.


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