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BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi weist eine weitere Anhebung des Rentenalters zurück. Stattdessen fordert sie flexiblere Übergänge für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, etwa eine abschlagsfreie Teilrente und früheren Zugang für Schwerbehinderte. Parallel positioniert sich der DGB gegen ein kapitalgedecktes Rentenmodell mit der Begründung, es biete keinen zusätzlichen Schutz bei Erwerbsminderung und Hinterbliebenen. Ziel der DGB-Kommission ist eine Netto-Versorgung von 70 Prozent des Durchschnittsverdiensts.

DGB-Vorsitzende Fahimi gegen Anhebung des Rentenalters: 70-Prozent-Ziel und Brücken
DGB-Vorsitzende Fahimi gegen Anhebung des Rentenalters: 70-Prozent-Ziel und Brücken (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um das Renteneintrittsalter bekommt durch die Vorschläge des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) eine deutlich sozialpolitische Richtung. Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB, stellt in Berlin klar, dass eine weitere Anhebung des Rentenalters nicht zum derzeitigen Verlauf der Lebenserwartung passe. Ihr Argument ist dabei zweigeteilt: Zum einen steige die Lebenserwartung aus ihrer Sicht nicht in dem Tempo, in dem das Renteneintrittsalter erhöht wird. Zum anderen verweist sie auf die Unterschiede zwischen Berufsgruppen, die sich durch voneinander abweichende Erwerbsbiografien und Lebensrealitäten ergeben.

Damit rückt auch die technische Logik der heutigen Rentenformeln in den Fokus. Wenn die Lebenserwartung pauschal als Maßstab für das Renteneintrittsalter herangezogen werde, entstehe ein System, das die tatsächliche Belastung am Arbeitsplatz nur unzureichend abbildet. Fahimi betont, dass eine sachgerechte Abbildung im Rentensystem nicht möglich sei, weil körperlich belastende Tätigkeiten, gesundheitliche Einschränkungen und unterbrochene Erwerbsbiografien ungleich verteilt sind. Diese Ungleichheit ist der zentrale Hintergrund dafür, warum der DGB in seinen Empfehlungen auf Brückenlösungen setzt statt auf eine einheitliche Kopplung an die Lebenserwartung.

Inhaltlich geht es bei den DGB-Vorschlägen nicht nur um den Zeitpunkt des Übergangs in den Ruhestand, sondern auch um die Frage, wie die Rentenversicherung finanziell tragfähig bleibt. Die DGB-Rentenkommission nennt als Ziel eine Netto-Versorgung in Höhe von 70 Prozent des Durchschnittsverdiensts. Um dieses Versprechen zu finanzieren, sollen hohe Einkommen, große Vermögen und Kapitalerträge stärker herangezogen werden. Zudem fordert die Kommission einen Demografiezuschuss des Bundes aus Steuermitteln, der die demografischen Folgekosten teilweise abfedern soll. Gleichzeitig lehnt sie eine Gegenfinanzierung über Kürzungen bei Sozialleistungen sowie über höhere Verbrauchssteuern ab.

Besonders kontrovers wird es an der Stelle, an der sich die Empfehlungen gegen ein kapitalgedecktes Rentenmodell positionieren. Fahimi kritisiert das von der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung skizzierte Konzept einer kapitalgedeckten Rente: Es biete aus ihrer Sicht keinen zusätzlichen Schutz bei Erwerbsminderung oder für Hinterbliebene. Außerdem seien die zugrunde liegenden Zinserwartungen sehr ambitioniert, was in einem Umfeld mit Unsicherheiten über Kapitalerträge besonders relevant ist. Ihre Warnung zielt zudem auf die Strukturfolgen: Ein solches Modell könne stärker zu Privatisierung führen und das Rentenniveau senken – ein Risiko, das der DGB gerade im Hinblick auf die soziale Absicherung im Alter nicht akzeptieren will.

Für den konkreten Übergang aus dem Erwerbsleben nennt der DGB mehrere Mechanismen. Eine Pflicht für alle Arbeitgeber, ihren Beschäftigten eine betriebliche Altersvorsorge auf tariflicher Basis anzubieten, soll dabei als flächendeckendes Fundament dienen. Gleichzeitig will der DGB die gesetzliche Rentenversicherung weiterentwickeln, hin zu einer Erwerbstätigenversicherung. Als Brücken werden zudem verschiedene Zugänge vorgeschlagen: die Öffnung der Altersrente für Schwerbehinderte ab dem 62. Lebensjahr und eine abschlagsfreie Teilrente für gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte. Ergänzend soll ein Grundrentenzuschlag ohne Einkommensanrechnung wirken, und die Kommission fordert eine stärkere Einbeziehung unterschiedlicher Finanzierungsquellen.

Ökonomisch betrachtet verknüpfen die Empfehlungen zwei Ebenen, die in der Rentendebatte oft vermischt werden: die langfristige Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung und die Frage, ob Erwerbstätige überhaupt bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können. Der DGB versucht, diese Spannung produktiv zu machen, indem er die Belastbarkeit der Beschäftigten in den Mittelpunkt rückt. Anstatt eine pauschale Kopplung über ein einziges Maß vorzunehmen, sollen Brückenmodelle die Unterschiede zwischen Berufsgruppen und Lebensläufen im Übergang zwischen Arbeitswelt und Ruhestand berücksichtigen. Damit verlagert sich die politische Diskussion von einer reinen Aktivierungs- oder Anreizlogik hin zu einer stärker ausgleichenden Betrachtung von Gesundheit, Erwerbsunterbrechungen und sozialer Absicherung.

Auch für Arbeitgeber und Betriebsparteien dürfte die Richtung spürbar sein. Eine tariflich verankerte betriebliche Altersvorsorge für alle Beschäftigten würde die Planbarkeit von Zusatzabsicherung erhöhen, aber zugleich in der Praxis Fragen nach Umsetzung, Beteiligungsmechanismen und Kostenverteilung aufwerfen. Gleichzeitig bleibt die große Systemdebatte offen, wie stark die Alterssicherung künftig kapitalgedeckt und damit marktrisiko-behaftet organisiert werden soll. Der DGB setzt hier auf eine Mischung aus staatlicher Entlastung durch einen Demografiezuschuss, stärkerer Finanzierung über Einkommen und Vermögen sowie die betriebliche Vorsorge als Ergänzung. Für die nächste Phase der politischen Verhandlungen wird entscheidend sein, ob sich dieses Paket so ausgestalten lässt, dass es sowohl Finanzierungsspielräume schafft als auch die Übergänge für gesundheitlich eingeschränkte Erwerbstätige tatsächlich verbessert.

Aus der Perspektive der Fachwelt ist die Kernbotschaft: Die Rentendebatte wird weniger über abstrakte Lebensverlängerung geführt, sondern stärker darüber, wie sich Arbeit über Jahrzehnte hinweg verteilt und welche Risiken dadurch entstehen. Wenn ein System nur ein durchschnittliches Maß kennt, werden Randgruppen überproportional betroffen sein. Genau an dieser Stelle versuchen die DGB-Vorschläge, mit konkreten Übergangsregeln gegenzusteuern, während die Finanzierung breiter gestreut werden soll. Die weitere politische Diskussion wird damit zu einer Prüfung, wie gut sich Solidarität, betriebliche Vorsorge und tragfähige Finanzierung zu einem konsistenten Rentenkonzept zusammensetzen lassen.

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