BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die zunehmende Mehrfachmedikation bei älteren Patienten erfordert ein Umdenken im Gesundheitswesen. Digitale Lösungen wie die elektronische Patientenakte ePA 3.0 und intelligente Medikamentendispenser sollen für mehr Sicherheit sorgen und gefährliche Wechselwirkungen verhindern.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt Fahrt auf, angetrieben durch die wachsende Zahl älterer Patienten, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Diese Entwicklung ist nicht nur eine Reaktion auf die steigende Komplexität der medizinischen Versorgung, sondern auch auf die Notwendigkeit, die Sicherheit der Patienten zu erhöhen. Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte ePA 3.0 und der Integration intelligenter Medikamentendispenser wird ein neuer Standard gesetzt, der Ärzten und Apothekern einen Echtzeit-Überblick über die Medikation ihrer Patienten ermöglicht.
Die Herausforderung der Polypharmazie, bei der Patienten fünf oder mehr Medikamente einnehmen, ist ein globales Phänomen. Besonders kritisch sind potenziell inadäquate Medikamente (PIM), die bei Senioren mehr Schaden als Nutzen anrichten können. Die aktualisierte PRISCUS 2.0-Liste warnt vor 187 solcher Substanzen, darunter bestimmte Diabetes-Mittel und Beruhigungsmittel. Diese Medikamente sind häufig für unerwünschte Arzneimittelreaktionen verantwortlich, die in Europa zu über 16 Prozent der Krankenhauseinweisungen bei Senioren führen.
Um diesen Risiken zu begegnen, setzt Deutschland auf digitale Lösungen. Die Strategie GEMEINSAM DIGITAL 2026 von Gesundheitsministerin Nina Warken fördert die Vernetzung im Gesundheitswesen. Ab 2026 sollen automatische Interaktionschecks Ärzte und Apotheker vor gefährlichen Medikamentenkombinationen warnen, noch bevor ein Rezept ausgestellt wird. Die BEEP-Reform bindet zudem die Pflege in dieses digitale Ökosystem ein, indem sie die Kostenübernahme für Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) vereinfacht.
Ein weiterer Trend ist das gezielte Absetzen ungeeigneter Arzneimittel, bekannt als Deprescribing. Studien zeigen, dass über 80 Prozent der 50- bis 80-Jährigen bereit wären, Medikamente abzusetzen, wenn ihr Arzt es empfiehlt. Das FORTA-System dient Ärzten als Entscheidungshilfe, indem es Wirkstoffe nach Nutzen und Risiko für ältere Patienten bewertet. Eine spezielle Onko-FORTA-Liste für Krebsmedikamente bei Senioren soll bald verfügbar sein, um die Versorgung dieser Patientengruppe zu verbessern.
Der wirtschaftliche Druck beschleunigt den Wandel zur Digitalisierung. Unkoordinierte Verschreibungen führen zu ineffizienten Behandlungen und teuren Komplikationen. Fast die Hälfte aller Senioren nimmt mindestens ein überflüssiges Medikament ein, was zu vermeidbaren Notaufnahmen und hohen Pflegekosten führt. Ziel ist es, bis Ende 2026 eine papierlose Kommunikation zu erreichen, um diese Kosten zu senken.
Die Zukunft der Medikation könnte durch Künstliche Intelligenz revolutioniert werden. Ab 2026 könnten Gesundheits-Apps nicht nur die Einnahme kontrollieren, sondern auch physiologische Reaktionen in Echtzeit messen, um Dosierungen präziser anzupassen. Die vollständige Integration von Onko-FORTA und der Ausbau der ePA 3.0 ebnen den Weg von reaktiver Behandlung zu proaktiver Prävention. Der Erfolg hängt jedoch maßgeblich von der Qualität der Kommunikation zwischen Arzt, Apotheker und Patient ab.
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