WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende der Universität Wien untersuchen per Simulation, wie häufig erdähnliche Planeten in Doppelsternsystemen entstehen können. Im Fokus steht eine protoplanetare Scheibe mit tausenden Planetesimalen, deren Bahnen durch einen zweiten, weiter entfernten Stern gestört werden. Entscheidend ist, dass Kollisionen nicht mehr als perfekte Verschmelzungen behandelt werden, sondern nach Winkel, Geschwindigkeit und Masse differenziert abgebildet werden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Planetenentstehung stark davon abhängt, ob die zweite Sonne und die Scheibe in derselben Ebene liegen.

Planeten mit zwei Sonnen wirken in der Popkultur wie eine Szene aus dem Science-Fiction-Kino. In der realen Astrophysik ist die Frage allerdings knallhart technisch: Können sich stabile Bahnen überhaupt bilden, wenn ein zweiter Stern dauerhaft gravitative Störungen in ein Planetensystem hineinträgt? In den letzten rund drei Jahrzehnten sind zwar über 6000 Exoplaneten entdeckt worden, doch gerade die „Doppelstern-Variante“ bleibt bislang vergleichsweise selten. Die Diskrepanz ist dabei zweischneidig: Sie könnte an Beobachtungsmethoden liegen, oder sie spiegelt tatsächlich die Physik wider, also dass Planeten in Doppelsternsystemen schwerer entstehen oder weniger häufig lange genug überdauern.
Am Institut für Astrophysik der Universität Wien arbeiten dazu Elke Pilat-Lohinger und ihr Team schwerpunktmäßig mit Computersimulationen statt mit Teleskopdaten. Sie sind seit Jahren im Bereich der extrasolaren Planeten verankert und wollen vor allem zwei Dinge verstehen: Wie entstehen Planetensysteme überhaupt, und wie stabil bleiben sie langfristig – insbesondere, wenn zwei Sterne das Gravitationsumfeld bestimmen. Das Projekt „Planeten-Architektur in habitablen Zonen von Sternsystemen“ setzt dabei an der typischen Entstehungslogik an: Ein Stern bildet sich aus Gas und Staub, anschließend entsteht aus dem umlaufenden Restmaterial eine protoplanetare Scheibe. Darin kondensieren und verschmelzen zunächst große Brocken (Planetesimale), später auch größere Körper (Protoplaneten), bis daraus erdähnliche Planeten werden können.
Die zentrale technische Herausforderung liegt nicht im Prinzip der Gravitation, sondern in der schieren Anzahl beteiligter Objekte und den Folgen jeder Wechselwirkung. In den ersten ungefähr zehn Millionen Jahren dominieren zunächst Gasplaneten, weil sich Gas aus der Scheibe aufsammelt. Danach rücken terrestrische Exoplaneten in den Vordergrund: Sie formen sich aus Planetesimalen und Protoplaneten, die Größenordnungen von hunderten Metern bis hunderten Kilometern beziehungsweise einigen tausend Kilometern erreichen. Wenn aber Tausende solcher Körper dynamisch gekoppelt werden, wächst die rechnerische Komplexität massiv. Genau dafür sind Supercomputer nötig – und genau deshalb ist es bemerkenswert, dass das Team in einer Studie aus dem Jahr 2025 eine Scheibe mit 2000 Planetesimalen und 25 Protoplaneten in einem Doppelsternsystem simulierte.
Der Aufbau der Simulation folgt einem plausiblen Geometrieprinzip: Die protoplanetare Scheibe kreist um einen der beiden Sterne, während der zweite Stern weiter entfernt seine Bahnen zieht und die vielzähligen Objekte in der Scheibe gravitativ „anrempelt“. Je näher dieser zweite Stern ist, desto größer ist sein Einfluss – und desto eher geraten Umlaufbahnen in Schieflage, erfahren stärkere Störungen und liefern veränderte Kollisionsraten. Besonders wichtig wird dabei, wie die Simulation Kollisionen behandelt. Lange Zeit haben Modelle angenommen, jede Kollision führe zu einer perfekten Verschmelzung. Pilat-Lohinger und Maximilian Zimmermann ersetzen diese Vereinfachung: Sie können die Kollisionen komplexer abbilden, indem sie Kollisionen nach Kriterien wie Geschwindigkeit, Zusammenstoßwinkel und Massen kategorisieren. Damit sind in der Modellwelt auch Streifschüsse und katastrophale Aufpralle möglich, bei denen Objekte zerstört oder zumindest nicht vollständig „zusammengefügt“ werden.
Die Resultate der Studie liefern damit einen Hinweis darauf, warum Doppelsternsysteme in der Beobachtung oft auffällig sind. In der Simulation sammelt sich Material eher dann, wenn die protoplanetare Scheibe und der zweite Stern in ungefähr derselben Ebene liegen – ein Szenario, das an die relative Koplanarität erinnert, die man im Sonnensystem für die Planetenbahnen grob kennt. Sobald die Bahn des zweiten Sterns dagegen gegenüber der Scheibe schief ist, nehmen destruktive Kollisionspfade zu. Für die Planetenentstehung bedeutet das: Die Physik entscheidet nicht nur darüber, wie oft sich Körper treffen, sondern auch darüber, ob aus Treffern Wachstum wird oder ob Energie im System dominiert und Material eher zerlegt wird. In der Konsequenz verändert sich auch die Chance, ob erdähnliche Planeten in stabilen Umlaufbahnen überhaupt bestehen können.
Ein weiteres Stück Einordnung liefert der Blick auf die Ausgangshypothese der Forschenden. Häufigkeitsschätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Sterne als Doppelsternsysteme auftreten. Wenn in solchen Systemen tatsächlich weniger Planeten entstehen, könnte das sowohl an erschwertem Wachstum als auch an der geringeren Überlebenswahrscheinlichkeit fragiler Bahnen liegen. Die Simulationen sollen deshalb helfen, zwischen „weniger vorhanden“ und „schwerer zu entdecken“ zu unterscheiden. Für die KI-gestützte oder datenintensive Forschung ist das auch methodisch relevant: Sobald Kollisionen nicht mehr pauschal gleich behandelt werden, entstehen deutlich realistischere Trainings- und Validierungsdaten für spätere Modellansätze und Auswertepipelines, die sich an dynamischen Bahnen und Kollisionsstatistiken orientieren. Damit rückt die Frage nach bewohnbaren Zonen in Doppelsternsystemen praktischer in Reichweite – nicht als abstrakte Science-Fiction, sondern als überprüfbare Abfolge aus Gravitation, Wachstumslogik und Kollisionsphysik.
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