LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission plant, ChatGPT und Roblox im August als Very Large Online Platforms (VLOPs) einzustufen. Ausschlaggebend ist die Schwelle von 45 Millionen monatlich aktiven Nutzern in der EU, die beide Angebote deutlich überschreiten. Für Betreiber bedeutet das strengere Pflichten rund um Transparenz, Risikominderung und unabhängige Audits. Damit verschärft sich auch der regulatorische Druck auf datengetriebene Werbe- und Schutzmechanismen, insbesondere beim Jugendschutz.

Die Einstufung von ChatGPT und Roblox als Very Large Online Platforms (VLOPs) zeichnet sich für den Verlauf des August 2026 ab und bringt zugleich einen konkreten Hebel an die regulatorische Aufsicht: Sobald die EU-Kommission die Schwellenwerte nach dem Digital Services Act (DSA) prüfbar erfüllt sieht, greifen deutlich erweiterte Kontroll- und Berichtspflichten. Im Hintergrund steht dabei weniger ein theoretisches Risiko als eine sehr konkrete KPI – die Zahl der monatlich aktiven Nutzer in der Europäischen Union. Der DSA definiert VLOPs über einen Nutzerumfang, bei dem sich systemische Auswirkungen erfahrungsgemäß nicht mehr „lokal“ auf einzelne Communities beschränken, sondern skaliert auftreten können.
Laut Angaben aus Kommissionskreisen soll die gesetzliche Schwelle von 45 Millionen monatlich aktiven Nutzern in der EU bei beiden Diensten deutlich überschritten sein. OpenAI hatte Ende Juli für ChatGPT rund 159 Millionen monatliche Nutzer in der EU genannt. Roblox meldete für denselben Zeitraum etwa 48 Millionen monatliche Nutzer in der Union. Dass damit beide Angebote im VLOP-Bereich liegen, ist der entscheidende Trigger, denn die Einstufung wirkt wie ein Schalter: Sie erhöht nicht nur den administrativen Aufwand, sondern stellt auch höhere Anforderungen an Risikomanagement, Transparenz und Durchsetzung durch die Aufsicht. Ein Sprecher der EU-Kommission, Thomas Regnier, verwies zudem darauf, dass eine entsprechende Einstufung definitiv möglich sei und „früher oder später“ erfolgen könne – formell wird demnach eine Entscheidung im August erwartet.
Technisch und organisatorisch läuft das auf ein anderes Betriebssystem für Compliance hinaus. Mit dem VLOP-Status müssen Betreiber regelmäßig Transparenzberichte veröffentlichen und detaillierte Pläne zur Risikominderung erstellen – also nicht nur Reaktionsmechanismen, sondern proaktive Steuerungs- und Monitoringprozesse definieren. Ergänzend nennt der DSA Maßnahmen wie offizielle Kontaktstellen für Behörden, die im Bedarfsfall eine schnelle Kommunikation und Eskalation ermöglichen sollen. Ebenso werden jährliche, unabhängige Audits zur Pflicht, was in der Praxis häufig eine stärkere Verschränkung von Datenschutz-, Sicherheits- und Moderationsprozessen mit den DSA-Risikolisten erzwingt. Für Teams bedeutet das: Dokumentation wird nicht „Add-on“, sondern Teil der technischen Nachweisführung.
Auch finanziell ist der VLOP-Status kein reines Verwaltungslabel. Der DSA sieht eine jährliche Aufsichtsgebühr vor, gedeckelt bei maximal 0,05 % des weltweiten Gewinns. Für Konzerne mit mehreren Geschäftsbereichen kann das zwar im Verhältnis zum Gesamtumsatz planbar wirken, in der Budgetplanung aber trotzdem Relevanz besitzen – insbesondere dann, wenn gleichzeitig zusätzliche Aufwände für unabhängige Prüfungen, Datenlieferungen und interne Kontrollsysteme entstehen. Hinzu kommen Vorgaben zur Werbetransparenz sowie die Verpflichtung, bestimmte Daten mit der EU zu teilen. Wer in der Produkt- und Datenarchitektur entscheidet, welche Signale überhaupt erhoben, wie lange gespeichert und wie granular offengelegt werden, bekommt damit im Kern eine externe Systemvorgabe an die Hand, die sich direkt auf Roadmaps für Datenpipelines, Logging-Konzept und Governance auswirkt.
Die strengere Aufsicht trifft dabei besonders sensible Use Cases. Im Kontext Jugendschutz untersagt der DSA sehr große Plattformen unter anderem das Schalten profilbasierter Werbung, die sich gezielt an Minderjährige richtet. Das ist für Roblox besonders relevant, weil die Plattform aufgrund von Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit Kindern bereits unter erhöhter Beobachtung steht. Das Unternehmen verwies Ende Juli auf bereits eingeführte, verstärkte Schutzmaßnahmen. Hier zeigt sich eine typische VLOP-Dynamik: Nicht jede Änderung ist sofort eine „neue Funktion“, aber die Nachweispflicht zwingt dazu, Schutzmechanismen genauer zu beschreiben, messbar zu machen und in der Praxis konsistent umzusetzen – von Identifikations- und Zugriffskontrollen bis hin zu Werbe- und Targeting-Regeln.
Für ChatGPT entsteht ein anderer Druckfokus: weniger Spiele-Moderation, mehr systemische Risikobetrachtung rund um KI-gestützte Interaktion. Auch wenn der DSA formal andere Zielrichtungen als der EU AI Act adressiert, verstärkt der VLOP-Status die Erwartung, dass Risiken frühzeitig erkannt und adressiert werden. In dem Zusammenhang werden in der Quelle außerdem Klagen genannt, die das Unternehmen wegen fahrlässiger Tötung betreffen – den Klagen zufolge. Unabhängig davon, wie solche Verfahren am Ende ausgehen, können allein die gerichtlichen Auseinandersetzungen die Compliance-Arbeit beschleunigen: Es braucht dann belastbare Dokumentation, Prüfbarkeit von Prozessen und klare Verantwortlichkeiten, damit sowohl technische Sicherheitsvorgaben als auch rechtliche Argumentationslinien konsistent bleiben.
Für Unternehmen, die KI- und Plattformdienste entwickeln, ist die Nachricht vor allem ein Signal für Timing und Priorisierung. VLOP-Pflichten treffen nicht nur jene, die bereits jetzt „DSA-ready“ sind, sondern auch Anbieter, die Compliance bislang eher als Policy-Thema behandelt haben. Wer bis zum August 2026 reagiert, muss typischerweise drei Dinge zusammenbringen: erstens die formale Einstufungslogik und damit verbundene Audit-Planung, zweitens die operativen Prozesse für Berichte, Datenlieferungen und Risikominderung, und drittens die Produktseite, auf der Werbung, Jugendschutz und Nutzerkommunikation praktisch umgesetzt werden. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob regulatorische Anforderungen lediglich abgehakt werden oder ob sie in echte Engineering-Standards übergehen – mit messbarer Wirkung auf Qualität, Sicherheit und die Fähigkeit, Änderungen gegenüber Behörden nachvollziehbar zu belegen.
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