FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Elektroindustrie hat ihre Ausfuhren im ersten Halbjahr trotz des Handelsstreits mit den USA deutlich gesteigert. Von Januar bis Juni wuchsen die Exporte um 9,3 Prozent auf 138,5 Milliarden Euro, während sie im Juni allein um 18,3 Prozent stiegen. Das größte Ziel blieb die USA, dort gingen die Lieferungen jedoch um 2,1 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro zurück. Nach China und innerhalb der EU zeigte sich die Branche damit gleichzeitig dynamisch.

Die Stimmung in der deutschen Elektroindustrie wirkt im ersten Halbjahr deutlich stabiler als es der anhaltende Konflikt im internationalen Handel erwarten ließe. Laut ZVEI, dem Branchenverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, stiegen die Ausfuhren von Januar bis Juni um 9,3 Prozent auf 138,5 Milliarden Euro. Hinter der Zahl steckt allerdings kein einheitliches Bild nach Regionen: Der Juni lieferte zwar mit einem Plus von 18,3 Prozent auf 24,5 Milliarden Euro einen klaren Wachstumsimpuls, während einzelne Märkte wie die USA gleichzeitig spürbar schwächer liefen.
Technisch und industriepolitisch ist dieser Mix vor allem deshalb relevant, weil die Elektroindustrie stark von grenzüberschreitenden Lieferketten lebt und damit auf Zoll- und Handelsregeln direkt reagiert. Der ZVEI ordnet den Rückgang in Richtung USA als relativ moderat ein, obwohl die Lieferungen dort im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro sanken. Hintergrund ist, dass die Unternehmen in solchen Phasen nicht nur auf konkrete Zollsätze schauen, sondern auch auf die Unsicherheit, wie sich Handelsmaßnahmen über die Zeit entwickeln; diese Planungsunsicherheit schlägt häufig früher auf Projekte durch als auf die endgültige Statistik.
Im europäischen Umfeld zeigt sich dagegen ein stützender Effekt, der die Gesamtentwicklung glättet. Laut den Angaben des Verbandes stützten gute Geschäfte in der EU das Exportwachstum, unter anderem durch Länder wie die Niederlande, Frankreich und Polen. Besonders interessant ist dabei die Struktur: Der ZVEI weist darauf hin, dass die Rangplätze drei bis neun der Abnehmerländer allesamt von EU-Partnerländern besetzt sind und damit einen messbaren Beitrag zum Wachstum im ersten Halbjahr leisten. Für Unternehmen bedeutet das: Die Nachfrage verteilt sich breiter, als es reine Schlagzeilen über einzelne Konfliktmärkte vermuten lassen.
Auch der Blick nach Asien liefert ein wichtiges Gegengewicht zur US-Komponente. Nach China, dem zweitwichtigsten Exportland, wuchsen die Ausfuhren um 1,6 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro. Das ist zwar kein Ausmaß wie im Juni, signalisiert aber, dass die Lieferketten und Absatzkanäle trotz globaler Preisschwankungen nicht grundlegend wegbrechen. Zudem fällt auf, dass Wachstum nicht nur aus einem einzelnen Monat stammt: Die Entwicklung über sechs Monate hinweg zeigt, dass es sich eher um eine fortgesetzte Nachfrage handelt als um kurzfristige Bestellungen.
Neben den Exporten betrachtet der Verband auch die Importseite, weil sie Aufschluss über die Dynamik in der Binnenfertigung und bei der Materialverfügbarkeit geben kann. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr elektronische Güter im Wert von 143,8 Milliarden Euro nach Deutschland importiert; das Plus lag bei 7,7 Prozent und damit unter dem Exportwachstum. Hauptlieferant war mit großem Abstand China, von dort kamen Importe nach Deutschland im Wert von 42,8 Milliarden Euro. Diese Gegenbewegung ist in mehrerlei Hinsicht typisch für die Branche: Während fertige Komponenten und Systeme exportiert werden, werden parallel Vorprodukte, Spezialbauteile oder Teile für weitere Fertigungsschritte eingebunden.
Die wirtschaftliche Dimension dahinter ist beträchtlich, denn die Elektroindustrie zählt in Deutschland mit rund 873.000 Beschäftigten zu den größten Industriearbeitgebern. Dass der Verband zuletzt über steigende Aufträge und eine bessere Stimmung in der Branche berichtet hat, passt damit in das Bild: Wenn die Ausfuhren über mehrere Monate zulegen, stabilisiert das häufig auch die Auslastung der Produktionslinien und reduziert den Druck, Kapazitäten kurzfristig anzupassen. Für Entscheidungsträger in Unternehmen ist dabei nicht nur die Gesamtsumme entscheidend, sondern auch die Frage, ob die Nachfrage in projektgetriebenen Bereichen anzieht und ob sich daraus eine planbare Pipeline für Folgequartale ableiten lässt.
Für den weiteren Jahresverlauf bleibt damit vor allem die Markt- und Handelspolitik der Prüfstein. Der ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann betont, dass die kaum mehr ausrechenbare US-Zoll- bzw. Handelspolitik den Rückgang in Richtung USA zwar erklären kann, dieser jedoch tatsächlich moderat ausfällt. In der Praxis heißt das: Unternehmen müssen sowohl Preis- und Margenrisiken als auch Beschaffungs- und Lieferzeiten laufend neu bewerten. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass sich Wachstum bei der Elektroindustrie nicht allein an einem geopolitischen Szenario festmacht, sondern auch von einer breiten europäischen Nachfrage und einer funktionierenden Asien-Komponente getragen wird.
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