LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem Binance-Hack beziffert die Analyse von Elliptic, dass aus rund 175 Millionen US-Dollar gestohlener Altcoins etwa 2.300 BTC in neu angelegten Adressen gelandet sind. Die Spuren verlaufen über sehr viele Wallets, Blockchains und Transaktionen, die mit mehreren Service-Ketten und tausendfachen Moves verschleiert werden. Gleichzeitig bleiben die ursprünglich entwendeten Hauptbestände in Bitcoin und Ethereum zunächst unberührt. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie konsequent Ermittler und Exchanges künftig solche Multi-Chain-Umwandlungen überwachen.

Der Binance-Hack vom 29. Oktober 2026 zeigt sich nach dem ersten großen Abfluss in einem neuen Licht: Laut Elliptic wächst die Bitcoin-Sammelstelle der Angreifer deutlich, obwohl der anfängliche Schlag auf ein Krypto-Exchange-Wallet zielte. Ausgangspunkt sind 18.270,2 BTC, die aus den Beständen der Plattform abgezogen worden sein sollen. Elliptic beschreibt nun, dass ein Teil der erbeuteten Altcoins in der Folge in Bitcoin umgewandelt wurde und sich daraus zusätzlich ungefähr 2.300 BTC ergeben. Damit wird aus einer „einmaligen“ Abflussmeldung eine fortlaufende Laundering-Kette über mehrere Netzwerke und sehr viele Zwischenstationen.
Technisch betrachtet liegt der Kern in der Umwandlungskette: Elliptic ordnet den Weg so ein, dass gestohlene Altcoins im Gesamtwert von 175 Millionen US-Dollar in etwa 2.300 BTC konvertiert wurden. Für die Rekonstruktion sind dabei weniger einzelne Transaktionen entscheidend als Muster aus Wallet-Erstellung, Transferfrequenz und Cross-Chain-Moves. Die Analyse nennt dazu eine hohe operative Dichte: Über 20.000 Wallets in 16 Blockchains und mehr als 65.000 Transaktionen sollen die Bewegungen verwischt haben. Robinson spricht in diesem Zusammenhang von stark automatisierten und komplexen Prozessen, die nicht auf wenige „große“ Moves setzen, sondern auf kontinuierliches Streuen und Wiederzusammenführen.
Besonders aufschlussreich ist, wie die Umwandlung nicht nur in Richtung Bitcoin „durchgereicht“, sondern über mehrere Liquiditätsquellen choreografiert wurde. Elliptic verweist auf den Abfluss von etwa 90 Millionen US-Dollar aus gestohlenem Solana (SOL), dessen Erlös laut der Auswertung zu einem großen Teil in Richtung BTC gelenkt worden sei. Auch XRP taucht als relevanter Beitrag zur wachsenden Bitcoin-Position auf, während gestohlener Tron (TRX) ebenfalls gegen Bitcoin getauscht worden sein soll. Auf Ethereum-Seite sei der Anteil laut der Darstellung kleiner gewesen; daneben wird Thorchain als Baustein für Cross-Chain-Asset-Swaps genannt. Genau diese Kombination aus Kettenbrücken und Tauschmechanismen macht aus der Beute nicht nur schnell handelbare Assets, sondern auch schwerer nachverfolgbares „Konvertierungs-Treibstoff“ für weitere Schritte.
Während Elliptic den weiteren Aufwuchs in neu angelegte Bitcoin-Adressen verortet, zeigt der Vergleich mit Arkham Intelligence, wie stark sich forensische Sichtweisen unterscheiden können. Nach Arkham hätten sich die dem Angreifer-Cluster zugeordneten BTC zwar von 18.270,2 BTC auf 18.384,725 BTC erhöht; die Größenordnung von zusätzlich 2.300 BTC erscheine in deren Darstellung zunächst nicht konsistent. Gleichzeitig liefert Arkham Hinweise auf konkrete Aktivitäten: Es gebe Bitcoin-Einzahlungen aus Thorchain-Vaults am betreffenden Wochenende sowie TRX-Swaps, die über Sun.io auf dem Tron-Netzwerk ausgeführt worden seien. Für Unternehmen und Security-Teams bedeutet das weniger „Widerspruch“, sondern vor allem: Je nach Clustering-Logik, Heuristiken und Zuordnungsregeln können Analysten derselben Blockchain-Datenbasis zu unterschiedlichen Bestandsbildern kommen.
Ein weiterer technischer Hebel ist Obfuskation. Elliptic beschreibt, dass ein Teil der neu erworbenen Bitcoins über Wasabi Wallet geleitet wurde, konkret über Coinjoins, die Teilnehmer-Bitstreams mischen, um Traceability zu erschweren. Demnach seien bis zum 7. November etwa 88 BTC im Gegenwert von 6,7 Millionen US-Dollar über diesen Weg verarbeitet worden. Zusätzlich nennt Elliptic weitere Beispiele für „Verdünnung“: Auf NEAR hätten demnach etwa 412.000 NEAR in kleineren Portionen die Hauptkonten verlassen. Gleichzeitig betont Elliptic, dass die primären Bitcoin- und Ethereum-Bestände der Angreifer zu diesem Zeitpunkt unberührt geblieben seien. In der Praxis heißt das: Die Täter konzentrieren sich offenbar eher auf den Aufbau einer verteilten Arbeitsbasis als auf den unmittelbaren Verkauf der größten, am leichtesten zuzuordnenden Bestände.
Für die Ermittlungs- und Risikoperspektive ist zudem die geopolitische Einordnung relevant, die in der Elliptic-Analyse wiederholt vorkommt. Elliptic bringt die Angreifer in ihren Ausführungen angeblich mit Nordkorea in Verbindung; der Staat wird dabei mehrfach erwähnt. Weder die Quelle noch die vorliegenden Details liefern jedoch im Text einen gerichtsfesten Abschluss, sondern stützen sich auf Muster und Zuordnungen, die sich auf entsprechende Sicherheits- und Threat-Intelligence-Indikatoren beziehen. Entscheidend für die operative Umsetzung bleibt damit eine zweite Ebene: Exchanges müssen nicht nur den Abfluss erkennen, sondern auch die nachgelagerten Konvertierungs- und Verschleierungsphasen überwachen, die erst Tage nach einem „ersten Treffer“ sichtbar werden.
Mit Blick auf die Branche rückt dadurch vor allem die Multi-Chain-Fähigkeit von Monitoring in den Vordergrund. Der Binance-Fall illustriert, dass ein Angriff heute nicht an einer einzelnen Kette endet, sondern dass Akteure Liquidität und Umwandlungen über verschiedene Netzwerke orchestrieren können. Für Compliance- und Security-Abteilungen ist das eine Verschiebung der Prioritäten: Statt nur große Wallet-Cluster zu verfolgen, müssen Regeln stärker auf Zwischenmechanismen reagieren, etwa auf charakteristische Coinjoin-Nutzung, die Koppelung an Cross-Chain-Swaps und auffällig schnelle Wallet-Erstellungsraten. Gleichzeitig lohnt der Abgleich zwischen unabhängigen Analysediensten, weil unterschiedliche Clustering-Setups zu unterschiedlichen Bestandszahlen führen können. Genau dieser Abgleich wird zum entscheidenden Faktor, wenn es darum geht, Rückverfolgung in eine belastbare Incident-Response zu übersetzen.
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