BERLIN/WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung zum „Forest Declaration Assessment“ zeigt, dass das weltweite Abholzziel für 2030 noch weit verfehlt wird. Zwar sank die Entwaldung 2025 um 15 Prozent gegenüber 2024, doch das reicht bei weitem nicht, um bis 2030 auf null zu kommen. 2025 gingen demnach 7 Millionen Hektar Wald verloren. Besonders alarmierend ist die Entwicklung in tropischem Afrika, während Fortschritte andernorts schnell kippen können.

Entwaldung bleibt deutlich zu hoch: Bericht zeigt Lücke bis 2030
Entwaldung bleibt deutlich zu hoch: Bericht zeigt Lücke bis 2030 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahl wirkt erst einmal nach Entspannung: Für 2025 weist eine Auswertung mit dem Namen „Forest Declaration Assessment“ einen Rückgang der Entwaldung aus. Dennoch bleibt der Befund unbequem, weil die internationale Zielsetzung aus dem Jahr 2021 nach Ansicht der Autorinnen und Autoren einen deutlich anderen Trend verlangt. Auf dem Weltklimagipfel in Glasgow hatten sich damals mehr als 100 Staaten verpflichtet, die Zerstörung von Wäldern und anderen Landschaften bis 2030 zu stoppen. Dass dieses Tempo bislang nicht erreicht wird, passt zu der grundsätzlichen Rolle von Wäldern im Klimasystem: Sie nehmen einen großen Teil der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen auf und gelten deshalb als zentrale „Klimapuffer“.

Technisch betrachtet hängt die Lage nicht nur an der Frage, wie viel Fläche kurzfristig verschwindet, sondern daran, ob das jährliche Tempo rechnerisch auf das Ziel „null“ einzahlt. Für das vergangene Jahr kommt die Analyse auf 7 Millionen Hektar abgeholzten Wald. Das entspricht zwar einem Rückgang um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als Referenz dient jedoch nicht das Jahr 2024, sondern der zuvor ermittelte Durchschnitt: Zwischen 2018 und 2020 seien im Schnitt 8,3 Millionen Hektar pro Jahr vernichtet worden. Entscheidend ist aber die Lücke zwischen dem Ist-Zustand und dem Pfad, der rechnerisch nötig wäre, um 2030 tatsächlich bei null zu landen.

Genau an dieser Stelle wird der Bericht besonders kritisch: Die Autorinnen und Autoren leiten aus der Zielsetzung ab, dass zwischen 2021 und 2024 jedes Jahr zusätzlich etwa eine Million Hektar weniger verloren gehen müssten. Für 2024 wären demnach maximal noch 5 Millionen Hektar vertretbar gewesen – tatsächlich lagen die Werte laut Auswertung weiter bei rund 8 Millionen Hektar. Auch für 2025 hätte es nur noch 4,2 Millionen Hektar sein dürfen, doch die genannten 7 Millionen Hektar liegen deutlich darüber. Erin Matson, die Hauptautorin des Berichts und leitende Beraterin bei Climate Focus, bringt diese Ambivalenz auf den Punkt: Der Rückgang sei erfreulich, aber teilweise nur deshalb so stark sichtbar, weil die Vorjahre bereits „schlecht“ gewesen seien.

Während die Gesamtzahlen also eine gemischte Botschaft liefern, zeigt sich regional ein deutlicher Bruch. Erstmals seit Beginn der Aufzeichnung habe die Entwaldung im tropischen Afrika in einem ähnlichen Ausmaß stattgefunden wie in den Tropen Lateinamerikas. Für das Kongobecken werden dabei 2,4 Millionen Hektar genannt, für die Tropen in Lateinamerika 2,5 Millionen Hektar. Auffällig ist vor allem die fehlende Entkopplung: Während sich Brasilien nach Angaben der Auswertung in Richtung Rückgang bewegt habe, gebe es im Kongobecken keine Anzeichen für eine Verringerung. Als Treiber werden dort vor allem die Ausweitung der Landwirtschaft, Holzgewinnung sowie der Bergbau genannt.

Auch politisch lässt sich der Zusammenhang aus Sicht der Autorinnen und Autoren schwer wegdiskutieren. Co-Autor Ivan Palmegiani verweist darauf, dass die Kräfte, die Wälder zerstören, weiterhin präsent seien: „verzerrte wirtschaftliche Anreize“, schwaches Regierungshandeln sowie unzureichender Schutz für indigene Völker und lokale Gemeinschaften. Damit rückt weniger ein einzelnes „Störereignis“ in den Fokus, sondern die Struktur der Anreizsysteme, die Landnutzung, Rohstoffgewinnung und Durchsetzung von Schutzregeln miteinander verknüpfen. Zugleich betont das Team, dass Fortschritte sich nicht automatisch fortschreiben lassen, weil der Schutz der besonders klimarelevanten Wälder stark von Entscheidungen einzelner Regierungen abhängt.

Genau diese Abhängigkeit wird im Bericht am Beispiel Brasilien konkret. Der derzeit amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva müsse am 25. Oktober in einer Stichwahl antreten, und die weitere Entwicklung sei dadurch offen. Der Hintergrund: Unter seinem Vorgänger habe sich die jährlich abgeholzte Fläche ausgeweitet, erst mit Lula habe es eine Kehrtwende gegeben; als Indikator werden Daten des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (Inpe) herangezogen, wonach die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet zuletzt so niedrig gewesen sei wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Für Unternehmen und öffentliche Organisationen heißt das: Selbst gut funktionierende Schutzprogramme benötigen stabile politische Mehrheiten, sonst geraten sie in ein „Reversibilitätsrisiko“.

Als Reaktion auf diese Unsicherheit diskutiert die Analyse auch neue Finanzierungs- und Sanktionslogiken. Lula habe als Gastgeber der Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr einen Tropenwaldfonds vorgestellt: die Tropical Forest Forever Facility (TFFF). Das Grundprinzip lautet, dass Länder für die Erhaltung von Wäldern belohnt werden sollen; zugleich sollen sie pro zerstörtem Hektar Wald zahlen. Überprüft werden soll dies mithilfe von Satellitenbildern. Deutschland habe dafür über zehn Jahre insgesamt eine Milliarde Euro zugesagt. Ob ein Wahlausgang die Konditionen des Fonds ändert, bleibt fraglich – gleichzeitig sieht der Bericht das Zeitfenster als kritisch, weil die Welt in den nächsten Jahren offiziell die 1,5-Grad-Marke erreichen könnte, an der man die Erderwärmung eigentlich stoppen wollte.

Den abschließenden Risikorahmen liefert in der Auswertung eine physiknah argumentierende Klimaperspektive: Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, warnt davor, dass der Regenwald bei zu hoher Belastung irreversibel in eine Savanne kippen könne. Seine Kernaussage lautet, dass bei einer Überschreitung der 1,5 Grad in den nächsten 5 bis 10 Jahren und fortgesetztem Verlust von Waldfläche der Kipppunkt in den kommenden Jahrzehnten nicht ausgeschlossen werden könne. Für Entscheidungsträger bedeutet das: „weniger Entwaldung“ ist zwar besser als „mehr“, aber die Schwelle für einen stabilen Pfad ist weiterhin nicht erreicht. Wer in den nächsten Jahren Programme zur Lieferketten-Transparenz, zur Wiederaufforstung oder zur Finanzierung von Schutzgebieten plant, muss daher nicht nur kurzfristige Verbesserungen messen, sondern vor allem auf die politische und wirtschaftliche Stabilität der Rahmenbedingungen setzen.


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