LONDON (IT BOLTWISE) – Wer in die Zukunft blickt und mit einem Abstieg beim eigenen sozialen Status rechnet, erlebt demnach mehr Statusangst. Eine Studie mit 2.819 Teilnehmenden in Spanien und den USA verknüpft diese Sorge mit geringerer Lebenszufriedenheit, schlechterem Gesundheitsgefühl und mehr depressiven Symptomen. Überraschend gilt der gleiche Zusammenhang zwar auch bei der Erwartung eines Aufstiegs, jedoch schwächer und uneinheitlicher. Die Autorinnen und Autoren leiten daraus ab, dass Wohlbefinden nicht nur von Chancen nach oben abhängt, sondern auch von Schutz vor wirtschaftlichen Abschwüngen.

Die Vorstellung, dass die eigene sozioökonomische Position in naher oder ferner Zukunft schlechter werden könnte, wirkt nicht nur wie ein gedanklicher Nebenaspekt. Eine Forschungsarbeit, veröffentlicht in Personality and Social Psychology Bulletin, beschreibt den Mechanismus ziemlich direkt: Die Erwartung einer Abwärtsmobilität steigert Statusangst, also die Sorge um den Platz in der sozialen Rangordnung. Diese Statusangst schlägt dann auf das Wohlbefinden durch. In der gleichen Studie zeigten Erwartungen, es könne auch bergauf gehen, insgesamt schwächere und weniger konsistente Effekte.
Wichtig ist der Blick auf den Kontext: Social Mobility meint grundsätzlich Bewegungen nach oben oder unten auf einer sozioökonomischen Leiter – etwa bei Einkommen, Beschäftigung und sozialem Status. Während ein Großteil früherer Forschung vor allem die Verheißung der Aufwärtsmobilität untersucht hat, rückt die Studie gezielt die andere Richtung in den Fokus. Genau in Zeiten, in denen viele Menschen in wohlhabenden Ländern laut den Rahmenannahmen der Forschenden befürchten, künftig niedrigere Lebensstandards als frühere Generationen zu erleben, kann die Antizipation eines möglichen Abstiegs besonders belastend wirken.
Die Autorinnen und Autoren um Davide Melita von der University of Granada erklären Statusangst als kognitiven Verstärker: Wer einen Abstieg erwartet, sieht darin die Möglichkeit, Ressourcen und sozialen Status zu verlieren. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für gedankliches „Sich-sorgen-müssen“ – zum Beispiel, dass man nicht vorankommt, hinter anderen zurückfällt oder den eigenen Status verliert. In vier Studien mit insgesamt 2.819 Teilnehmenden (Spanien und die USA) prüfen die Forschenden zunächst Zusammenhänge und testen anschließend, ob sich die Erwartungen auch gezielt verändern und dadurch tatsächlich Angst und Lebenszufriedenheit beeinflussen lassen.
Studie 1 befragt 216 Vollzeitbeschäftigte in den USA (durchschnittlich 39 Jahre, 49% Frauen) zu ihrer Einschätzung über Mobilität in der Gesellschaft. Wer glaubte, abwärtsgerichtete Mobilität sei häufiger, berichtete mehr Statusangst. Diese Angst wiederum hing mit niedrigerer Lebenszufriedenheit, schlechterem subjektivem Gesundheitszustand und mehr depressiven Symptomen zusammen. Erwartungen an Aufwärtsmobilität zeigten in dieser ersten Befragung dagegen keine klare Verbindung zur Statusangst.
In Studie 2 nahmen 1.536 Personen in Spanien teil (51% Frauen), rekrutiert so, dass die Stichprobe näherungsweise die nationale Bevölkerung abbildet. Die Teilnehmenden beantworteten jeweils Einzelfragen dazu, ob sich ihr eigener sozioökonomischer Status verbessern oder verschlechtern würde. Eine Verschlechterungserwartung ging mit mehr Statusangst und weniger Lebenszufriedenheit einher. Unerwartet verbanden die Forschenden auch die Erwartung, dass es besser werden könnte, mit höherer Statusangst – allerdings war diese Erwartung zugleich direkt mit höherer Lebenszufriedenheit gekoppelt. Die Autorinnen und Autoren führen als mögliche Erklärung an, dass starke Erwartungen in beide Richtungen Unsicherheit über die Zukunft verstärken können.
Die Experimente in Studie 3 und 4 erlauben dann einen kausalen Test über die Erwartungen. In Studie 3 erzählen die Forschenden 472 spanischen Studierenden (durchschnittlich 22 Jahre, 70% Frauen) eine fiktive Geschichte: Alle starten in einer mittleren Einkommensgruppe in einer erfundenen Gesellschaft namens Bimboola. Per Zufall erhalten sie die Information, sie hätten gute Chancen aufzusteigen, in der Gruppe zu bleiben oder abzusteigen, wobei die Ungleichheit in der Gesellschaft konstant bleibt. Teilnehmende, denen ein Abstieg wahrscheinlich gemacht wurde, zeigten mehr Statusangst als diejenigen, denen ein Verbleib wahrscheinlich gemacht wurde – der Unterschied blieb allerdings eher klein. In explorativen Auswertungen sagte diese gesteigerte Angst anschließend eine geringere Zufriedenheit mit dem gedachten Leben in Bimboola voraus; eine Aufstiegs-Zuversicht veränderte die Statusangst dagegen nicht.
Studie 4 wiederholt das Szenario mit 595 beschäftigten Teilnehmenden aus den USA, die online rekrutiert wurden. Hier waren die Effekte deutlich ausgeprägter: Aussichten auf einen Abstieg erhöhten die Statusangst, während Aussichten auf einen Aufstieg sie senkten. Diese Änderungen in der Angst setzten sich indirekt in die Lebenszufriedenheit in Bimboola fort – diesmal in die entsprechenden Richtungen. Insgesamt fiel der negative Effekt erwarteter Abwärtsbewegungen größer aus als der positive Effekt erwarteter Aufwärtsbewegungen. Über alle vier Studien hinweg bleibt das Bild für Abwärtsmobilität besonders stabil: Wer damit rechnet, dass die eigene Position sich verschlechtern könnte, erlebt konsistent mehr Statusangst und – vermittelt über diese Angst – geringeres Wohlbefinden. Für Aufwärtsmobilität variierten die Ergebnisse stärker; nur im US-Experiment reduzierte ein erwarteter Aufstieg Statusangst tatsächlich deutlich und erhöhte indirekt die Lebenszufriedenheit.
Aus Sicht der Praxis leiten die Forschenden ab, dass Politik für Wohlbefinden nicht allein auf mehr Chancen nach oben setzen sollte. In der Arbeit wird explizit argumentiert, dass es ebenso darum geht, vulnerable Gruppen vor wirtschaftlichen Abschwüngen zu schützen – zum Beispiel durch den Ausbau bzw. die Stärkung sozialer Sicherheitsnetze. Gleichzeitig nennen die Autorinnen und Autoren Grenzen der Studie: Die ersten beiden Arbeiten sind korrelativ, zudem misst Studie 2 Mobilitätserwartungen über einzelne Fragen. Die Experimente verwenden außerdem eine imaginäre Gesellschaft statt tatsächlicher Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste oder realer Abwärtsmobilität, und sie messen Zufriedenheit innerhalb des Szenarios statt im echten Leben. Auch kulturelle Faktoren könnten die Reaktionen beeinflussen: Die spanische Untersuchung umfasste junge Erwachsene in einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, in dem Aufwärtsmobilität möglicherweise skeptischer gesehen wird; US-Teilnehmende überschätzen dagegen laut der Einordnung im Artikel möglicherweise die tatsächlich vorhandene Mobilität.
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