LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission senkt die Pflichtangaben in den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) um bis zu 70 Prozent. Ab 2026 können Unternehmen zwischen alten und neuen Vorgaben wechseln, während ab 2027 die neue Struktur inklusive Value-Chain-Beschränkung verpflichtend wird. Parallel verschärft die EU die Regeln für ESG-Rating-Anbieter, darunter Detailvorgaben zu Methoden und zur doppelten Wesentlichkeit. Zusätzlich zieht der EU AI Act die Compliance-Teams in den ESG-Prozess stärker hinein.

Die neue ESRS-Reform zielt auf eines: weniger Pflichtaufwand bei gleichzeitigem Erhalt des inhaltlichen Kerns. Die EU-Kommission legte Anfang Juli zwei delegierte Verordnungen zu den European Sustainability Reporting Standards vor und reduzierte dort die Zahl obligatorischer Datenpunkte um 60 bis 70 Prozent. Für viele Konzerne bedeutet das vor allem weniger zu erfassende Kennzahlen pro Berichtsperiode und damit eine geringere Last entlang von Datenbeschaffung, Validierung und Reporting-Workflows. Wichtig ist aber der gleiche rote Faden in der Methodik: Das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit bleibt als zentrales Element erhalten, auch wenn weniger Felder standardisiert abgefragt werden.
Damit verschiebt sich der Fokus in der Praxis von „Checkbox-Reporting“ hin zu „Ergebnis- und Wesentlichkeitslogik“. Statt eine breite Menge an vorgegebenen Datenpunkten zu liefern, müssen Unternehmen stärker begründen, welche Auswirkungen und Risiken im Sinne der doppelten Wesentlichkeit tatsächlich relevant sind. Für das laufende Geschäftsjahr 2026 gilt zudem eine Übergangsregelung mit Flexibilität: Unternehmen können wählen, ob sie die alten Standards, die neuen Vorgaben oder eine Mischform anwenden. Dieser Spielraum ist operativ bedeutsam, weil viele Reporting-Prozesse für 2026 bereits in Einkaufszyklen, internen Kontrollsystemen und IT-Pipelines vorbereitet sein dürften. Die neuen Regeln treten voraussichtlich Mitte November 2026 in Kraft, und ab 2027 wird die vollständige Anwendung der neuen Struktur Pflicht.
Ein besonderer Hebel in der neuen Struktur ist der sogenannte „Value Chain Cap“. Ab 2027 begrenzt dieser Mechanismus die Informationspflichten zur Lieferkette, wodurch der Umfang der erfassten Wertschöpfungsdaten reduziert werden soll. Technisch betrachtet verschiebt das die Grenzlinie für Datentiefe: Teams, die bisher sehr weit in vorgelagerte und nachgelagerte Stufen berichten mussten, können stärker auf definierte Reichweiten und belastbare Nachweise setzen. Für die Governance heißt das auch, dass Auditierbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Wesentlichkeitsentscheidung noch stärker in den Mittelpunkt rücken: Wenn weniger Datenpunkte verpflichtend sind, wird die Begründung der Auswahl selbst zur zentralen Prüffolie.
Parallel dazu hat die EU die Anforderungen an ESG-Rating-Anbieter verschärft. Am 28. Juli 2026 wurden zwei weitere delegierte Verordnungen im Amtsblatt veröffentlicht. In der Verordnung (EU) 2026/871 werden die Offenlegungspflichten für Ratingprodukte konkretisiert: Anbieter müssen künftig detailliert offenlegen, welche Risiken und Auswirkungen sie bewerten, welche Methoden sie nutzen und wie sie die doppelte Wesentlichkeit berücksichtigen. Das erhöht die Transparenz entlang der Bewertungslogik und kann für Unternehmen relevant werden, die sich in ihren Stakeholder-Kommunikationen oder in Finanzierungsprozessen auf Ratings stützen lassen. In der Folge wächst für Rating-Anbieter der Dokumentationsbedarf, während Nachfrager stärker vergleichen können, ob Methodik und Bewertungsannahmen tatsächlich konsistent sind.
Auch die organisatorische Trennschärfe wird ein Thema: Die Verordnung (EU) 2026/872 schreibt Maßnahmen vor, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Rating-Aktivitäten müssen strikt von anderen Geschäftsfeldern getrennt werden, etwa wenn Beratung im gleichen Konzernumfeld stattfindet. Zudem sollen Unternehmen jährlich über ihre Entscheidungsverfahren und über physische Trennungsmaßnahmen berichten. Ergänzend rückt in vielen Unternehmen der EU AI Act in den Blick, weil KI-gestützte Auswertung von ESG-Daten, Automatisierung in der Risiko-Dokumentation oder Screening-Prozesse in der Compliance-Toolchain häufig ohnehin implementiert sind. Für IT- und Rechtsabteilungen führt das zu einer neuen Kopplung: Es reicht nicht mehr, Datenquellen und Kennzahlen zu organisieren, wenn gleichzeitig Modelllogiken, Zugriffskontrollen und Entscheidungsfindung in automatisierten Workflows nachvollziehbar bleiben müssen.
Für Drittstaatenkonzerne kommt zusätzlich Bewegung über die Standardarbeit: Die europäische Beratergruppe EFRAG startete eine Konsultation für ESRS-40a. Der Entwurf richtet sich an Konzerne außerhalb der EU, die in der Union mehr als 450 Millionen Euro Umsatz erzielen und über Tochtergesellschaften mit mehr als 200 Millionen Euro Umsatz verfügen. Schätzungen zufolge sind rund 1.200 Konzerne betroffen. Inhaltlich fokussiert sich der Entwurf auf „Impact Materiality“, also auf die Auswirkungen der Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft. Ein „Mixed Approach“ soll ermöglichen, die Berichterstattung auf Auswirkungen innerhalb der EU zu beschränken; Klimathemen sollen davon ausgenommen sein. Stellungnahmen sind bis zum 31. Oktober 2026 möglich, der finale Standard wird für Januar 2027 erwartet, und die Berichtspflicht soll ab dem Geschäftsjahr 2028 greifen.
Wie stark die Umstellung bereits in der Branche „auf die Straße“ kommt, zeigen Beispiele aus der Finanzwelt: Die UmweltBank meldete für das erste Halbjahr 2026 ein starkes Kreditneugeschäft und listete Ende Juli drei neue nachhaltige Europa-ETFs nach Artikel 9 der Offenlegungsverordnung. Auch bei der Kundenseite wird dort Wachstum sichtbar; gleichzeitig strebt das Institut für das Gesamtjahr ein Kreditneugeschäft von 450 Millionen Euro an. Die Delvag Versicherungs-AG veröffentlichte ihren ersten Nachhaltigkeitsbericht für 2025, orientierte sich dabei jedoch freiwillig am Standard für kleine und mittlere Unternehmen. Daneben legte NH Investment & Securities am 29. Juli 2026 einen integrierten Nachhaltigkeitsbericht vor, der auf einer doppelten Wesentlichkeitsanalyse basiert. Die Erste Group Bank AG wiederum definierte neue Finanzziele bis 2030 und verfolgt dabei ein Programm, das das Gewinnziel pro Aktie über organisches Wachstum und mögliche Zukäufe in Osteuropa adressiert.
Für Entscheider ergibt sich daraus eine klare Agenda für die nächsten Monate: Erstens müssen Reporting-Teams die Übergangsphase 2026 so nutzen, dass IT-Systeme, Datenflüsse und Kontrollpunkte nicht doppelt aufgebaut werden. Zweitens sollten Governance-Modelle die Logik der doppelten Wesentlichkeit mit höherer Qualität dokumentieren, weil weniger Pflichtdatenpunkte die Begründungslast verlagern. Drittens verlangt die Kombination aus ESRS-Reduktion, Value-Chain-Beschränkung und strengeren Rating-Regeln eine sauberere Trennung von Ergebnisdarstellung und Bewertungs- bzw. Modellmethodik. Wer das früh in Prozesse gießt, reduziert nicht nur die Umstellungskosten, sondern schafft auch die Grundlage, um mit weniger Kennzahlen dennoch konsistente, prüffähige Aussagen zu liefern.
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