LONDON (IT BOLTWISE) – Der Anstieg von Essstörungen bei jungen Menschen nimmt nach einem Bericht der DAK deutlich Fahrt auf: Besonders Mädchen sind seit 2019 um 50 % stärker betroffen. In Kliniken berichten Behandler, dass Social-Media-Inhalte den Krankheitsverlauf zunehmend verstärken. Parallel zeigen digitale Streetworker, wie Empfehlungslogiken extreme Schlankheitsideale sichtbar pushen. Dazu kommen riskante Abnehmtrends und eine wachsende Nachfrage nach Medikamenten außerhalb ihrer eigentlichen Indikation.

Essstörungen bei Jugendlichen: DAK meldet seit 2019 plus 50 % bei Mädchen
Essstörungen bei Jugendlichen: DAK meldet seit 2019 plus 50 % bei Mädchen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Weg von der Scrollbewegung zur Essstörung wirkt auf den ersten Blick abstrakt, ist in der Praxis aber messbar: Laut einem Bericht der DAK haben Essstörungen bei Mädchen seit 2019 um 50 % zugenommen. Für die betroffenen Familien bedeutet das eine Verschiebung im Alltag, die sich nicht auf „ein bisschen mehr Social-Media“ reduzieren lässt. In KJF-Kliniken wie der Klinik Josefinum beobachtet man zudem, dass Patientinnen häufiger schildern, Social-Media-Inhalte hätten ihre Erkrankung befeuert. Damit rückt eine Kombination aus psychologischer Vulnerabilität und digitaler Verstärkung in den Fokus – und nicht nur ein einzelner Faktor.

Besonders alarmierend ist die klinische Einordnung der Schwere: Dr. Jarczok von der KJF Klinik Josefinum verweist darauf, dass Magersucht unter den psychischen Erkrankungen die höchste Sterblichkeitsrate aufweist. Diese Aussage ist deshalb so wichtig, weil sie die Debatte von moralischem „Schuldzuweisungs“-Vokabular weglenkt und hin zu einer medizinisch notwendigen Frühintervention bringt. Wenn Patientinnen in der Klinik häufiger berichten, dass Inhalte aus dem Netz sie in Richtung extremer Verhaltensweisen gedrängt hätten, dann geht es um mehr als um ästhetische Trends. Es geht um die Dynamik, wie sich Ansichten über Körper, Kontrolle und Bewertung verfestigen, während Algorithmen der Plattformen Interaktionen in Rückkopplungsschleifen umwandeln.

Digitale Streetworker beschreiben dabei einen Mechanismus, der in vielen Medienformaten ähnlich funktioniert: Empfehlungslogiken fördern nicht nur Inhalte, die zufällig auf Interesse treffen, sondern verstärken Pfade, die das Nutzerverhalten immer weiter in eine bestimmte Richtung tragen. Besonders problematisch wird es, wenn extrem niedrige Körperbilder als „Erfolg“ rahmen und eine Normalisierung des Unwahrscheinlichen erfolgt. Im Bericht wird auch auf Influencerinnen wie Eugenia Cooney verwiesen, die zuletzt Ende 2025 öffentlich gesehen wurde; der genaue Gesundheitsstatus bleibt unklar, die Verunsicherung in der Zielgruppe aber ist Teil des Problems. Genau diese Unschärfe – zwischen öffentlicher Inszenierung, tatsächlichem Gesundheitsrisiko und der Interpretationsleistung junger Zuschauer – kann die Schwelle für gefährliches Nachahmen senken.

Der Blick muss jedoch breiter werden, weil Essstörungen nicht nur in der Schlankheitslogik „nach unten“ existieren. Parallel beschreibt der Text die Muskeldysmorphie, auch als Adonis-Komplex bekannt, als Phänomen, das vor allem bei Männern auftritt. Psychotherapeut Christian Strobel nennt als Kern eine verzerrte Körperwahrnehmung, die häufig mit Zwangstraining und obsessivem Denken einhergeht. Interessant ist hier die Ambivalenz: Leistungsorientierter Sport kann motivieren, aber wenn das Ziel nicht mehr Gesundheit ist, sondern eine unendliche Annäherung an ein unerreichbares Körperideal, verschiebt sich das Risiko in Richtung Überlastung und psychische Fixierung. Die im Artikel erwähnten Beispiele aus der Sportwelt, etwa Ultra-Läufer Arda Saatçı, zeigen, wie schnell sich „Höchstleistungen“ als Identifikationsfolie eignen, obwohl Sportmediziner gleichzeitig auf die Gefahr fehlenden langfristigen Trainings hinweisen – mit Risiken, die von lokalen Überlastungen bis zu systemischen Zusammenbrüchen reichen können.

Zusätzlich verschärft eine zweite Ebene die Lage: gefährliche Methoden rund ums Abnehmen. Der Bericht nennt Trends wie Glycerin-Einläufe und Abnehm-Spritzen, die laut medizinischen Berichten zu Notaufnahmen führen. Klinisch lässt sich der Kern des Problems relativ nüchtern erklären: Bei solchen Vorgehensweisen handelt es sich häufig um Wasser- und Stuhlverlust statt um Fettabbau. Die Folgen werden dann vor allem durch Dehydrierung und Elektrolytstörungen bestimmt, ergänzt um dauerhafte Darmschäden. Dass solche Praktiken gerade bei Jugendlichen im Umlauf sind, zeigt eine Lücke zwischen „Information“ und „gesundheitlicher Bewertung“: Was im Feed wie ein schneller Hack wirkt, ist physiologisch ein Risiko, das sich oft erst im akuten Notfall zeigt. Selbst wenn Medikamente zur Gewichtsreduktion in der Öffentlichkeit als „Lösung“ diskutiert werden, bleibt der Übergang in Richtung Selbstmedikation oder unzureichend begleiteter Therapie gefährlich.

Besonders deutlich wird das bei der Frage nach medikamentöser Gewichtsreduktion: Im Text wird eine Untersuchung von Urs Eiholzer mit 22 Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren erwähnt, bei der Präparate wie Saxenda oder Wegovy signifikante Gewichtsverluste ermöglichten, gleichzeitig aber die Abbruchquote hoch war. Mehr als die Hälfte beendete die Behandlung vorzeitig, primär wegen Nebenwirkungen wie Übelkeit; Krankenkassen übernehmen die Kosten zudem nur unter strengen Auflagen. Für Unternehmen und Entscheidungsträger im Gesundheits- und Sozialbereich ist das ein Hinweis darauf, dass Wirksamkeit allein nicht reicht: Entscheidend sind begleitende Strukturen wie Monitoring, Nebenwirkungsmanagement und eine stabile psychosoziale Einbettung. In dieselbe Richtung zielt auch der Trend aus der Dermatologie, bei dem Isotretinoin – eigentlich gegen schwere Akne – in niedrigen Dosierungen für ein „reineres Hautbild“ nachgefragt wird. Wenn daraus Lieferengpässe entstehen, die bis Herbst oder Winter 2026 anhalten könnten, verschiebt sich das Problem sogar in die Versorgungslage; dazu kommen Risiken wie Leberschäden und Fehlbildungen bei Ungeborenen.

Auch die Sprache rund um Körper verändert die Wahrnehmung. Der Text greift den Begriff des Carbonara-Körpers auf, der durch Autorin Rabea Weihser geprägt worden sei: für Frauen, die durch Krafttraining sichtbare Stärke zeigen. Die Fitness-Community feiert das als Empowerment, andere kritisieren die fortlaufende Etikettierung weiblicher Körper. Unabhängig davon, auf welcher Seite man steht, wird im Bericht ein gesellschaftlicher Druck sichtbar, der jungen Menschen die Aufgabe zuweist, Körper über Leistung und sichtbare Merkmale ständig zu „optimieren“. Im Kern entsteht so eine Art semantisches Training: Begriffe und Bildwelten geben vor, was als wünschenswert gilt – und das kann bei vulnerablen Personen direkt mit Ess- und Trainingsverhalten verknüpft werden. Für Fachkräfte und Eltern ist deshalb weniger die Debatte „Pro oder Contra Social Media“ entscheidend als die Frage, wie man Frühwarnzeichen erkennt, Gespräche ohne Demütigung führt und sichere Alternativen zu riskanten Diäten verfügbar macht.

Für die Praxis folgt daraus eine mehrschichtige Reaktion: medizinische Behandlung, psychotherapeutische Stabilisierung und digitale Medienkompetenz müssen zusammen gedacht werden. Wenn Algorithmen extreme Körperbilder verstärken, reicht es nicht, einzelne Beiträge zu verurteilen; man muss auch die eigenen Nutzungsgewohnheiten prüfen und geeignete Schutzmechanismen etablieren. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass „schnelle Abkürzungen“ in Form riskanter Selbstexperimente – ob Einlauf-Trends, Spritzen oder leichtfertige Medikamenten-Umgehung – häufig den falschen Wirkmechanismus bedienen und gefährliche Nebenwirkungen nach sich ziehen. In einer Zielgruppe, in der Essstörungen in kurzer Zeit eskalieren können, wird damit Prävention zu einer Aufgabe, die über Aufklärung hinausgeht: Sie wird zum organisatorischen und medizinischen Handwerk, das man früh genug aufbauen muss.


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