BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – 15 EU-Mitgliedstaaten fordern von der EU-Kommission eine einjährige Pause für neue Gesetzesvorhaben. Der Fokus soll stattdessen auf der Prüfung, Vereinfachung und gegebenenfalls dem Aufheben bestehender Regeln liegen. Die Initiative wurde in Brüssel bei einem Treffen der Europaminister offiziell eingebracht. Im Hintergrund steht auch die Frage, welche doppelten Berichtspflichten bleiben und welche entfallen.

EU-Gesetzpause für ein Jahr: 15 Staaten wollen Bürokratie vor neuen Regeln priorisieren
EU-Gesetzpause für ein Jahr: 15 Staaten wollen Bürokratie vor neuen Regeln priorisieren (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Idee wirkt auf den ersten Blick wie ein Bremsschuh für Brüssel, doch der eigentliche Hebel liegt im Alltag von Unternehmen und Behörden: Eine Gruppe von 15 EU-Mitgliedstaaten will den Fokus der europäischen Gesetzgebung für ein Jahr von neuen Vorschlägen weg auf die Arbeit an bestehenden Regeln drehen. Österreich, Deutschland und 13 weitere Staaten haben dafür eine Kurskorrektur eingefordert, die der EU-Kommission ausdrücklich eine Pause bei der Einführung neuer Gesetze nahelegt. Das Schreiben zielt dabei nicht auf Stillstand, sondern auf Entlastung durch bessere Wartung des bestehenden Rechtsbestands.

Initiator der Initiative ist Österreich, eingebracht wurde sie offiziell am Dienstag beim Treffen der Europaminister in Brüssel. Neben den beiden Initiatoren unterstützen unter anderem Italien, Tschechien, Dänemark, Estland, Griechenland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Portugal, Slowenien und die Slowakei den Vorstoß. Ziel ist, dem Bürokratieabbau für ein Jahr den Vorrang vor neuen regulatorischen Vorhaben einzuräumen und damit eine Debatte zu entkoppeln, die sonst häufig mit jeder neuen Richtlinie oder Verordnung zusätzliche Umsetzungsaufwände auslöst.

Technisch betrachtet geht es den Unterzeichnern vor allem um die Transparenz über den aktuellen Regelapparat. In dem Schreiben wird eine systematische Übersicht aller geltenden EU-Gesetze verlangt, damit doppelte Berichtspflichten identifiziert und beseitigt werden können. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn mehrere Regelwerke ähnliche Daten in unterschiedlichen Formaten verlangen, entstehen unnötige Schleifen in Compliance-Workflows, die sich in der Praxis als wiederkehrende Zeitfresser zeigen. Gerade für Verwaltungsteams und mittelständische Unternehmen ist das relevant, weil sich Berichtspflichten nicht „auf Zuruf“ abstellen lassen, sondern Prozesse, IT-Systeme und Verantwortlichkeiten angepasst werden müssen.

Für die politische Begründung spielen Vernetzung und Austausch eine zentrale Rolle. Staatssekretär Sepp Schellhorn und Europaministerin Claudia Bauer, die die Initiative in Brüssel präsentierten, betonten die Notwendigkeit einer besseren Verzahnung innerhalb der Staatengemeinschaft. Schellhorn forderte zudem einen raschen Austausch bewährter Verfahren zwischen den 27 EU-Mitgliedstaaten – ein Ansatz, der darauf hindeutet, dass Entlastung nicht nur durch neue politische Leitplanken kommt, sondern durch konkrete Umsetzungs- und Harmonisierungsmethoden im Alltag. Gleichzeitig zeigt der Text einen zweiten Problemkreis: Wer jetzt die eigenen Meldewege prüft, ist offenbar besser vorbereitet, wenn die Kommission später über die Vorschläge entscheidet.

Ergänzend wird auf nationale Ausweichbewegungen verwiesen, die im europäischen Regulierungsalltag häufig als „Gold-Plating“ beschrieben werden: also als über das EU-Maß hinausgehende zusätzliche nationale Überregulierung. Ein Experte mahnte in diesem Zusammenhang, dass neben der europäischen Ebene auch die nationale Umsetzung im Blick bleiben müsse, weil Gold-Plating die Effizienz und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft massiv beeinträchtigen kann. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn Brüssel neue Regeln aussetzt oder reduziert, können zusätzliche nationale Anforderungen weiterhin Laufzeiten verlängern, Abstimmungsaufwände erhöhen und IT-Integrationen erfordern. Damit verlagert sich ein Teil der Wirksamkeit von der Ebene der Gesetzgebung hin zu der Ebene der Implementierung.

Die Reaktion aus Brüssel fällt derweil vorsichtig aus. Der Vizepräsident der Kommission, Valdis Dombrovskis, signalisiert zwar Offenheit für eine Prüfung der Vorschläge, verweist aber gleichzeitig darauf, dass bereits laufende Maßnahmen zunächst ihre Wirkung entfalten müssten – genannt werden die sogenannten Omnibus-Pakete. Das ist in der politischen Logik konsistent: Neue Großvorhaben lassen sich in der Regel nicht von heute auf morgen stoppen, und bestehende Pakete haben häufig bereits Durchlaufzeiten in den Verfahren, in der Folgenabschätzung und in den Abstimmungen. Für Unternehmen heißt das kurzfristig: Der Zeitplan bleibt zwar ein Thema, die operative Umsetzung laufender Initiativen dürfte aber zunächst weiterlaufen.

Gleichzeitig macht der Text deutlich, dass Einigkeit über den Deregulierungskurs nicht herrscht. Während mehr als die Hälfte der Mitgliedstaaten den Vorstoß unterstützen, lehnen bedeutende Partner wie Frankreich und Spanien die Forderung nach einer einjährigen Gesetzgebungspause ab. Daraus ergibt sich eine politische Reibungslage: Selbst wenn die Kommission einzelne Aspekte prüfen möchte, kann die Frage nach Reichweite und Tempo durch divergierende nationale Interessen verzögert werden. Unabhängig davon zeichnet sich laut den Angaben zudem eine weitere finanzielle Belastung ab, etwa durch steigende nationale Beiträge zum EU-Budget in der kommenden Periode – ein Faktor, der den Druck auf nationale Haushalte erhöht und den Ruf nach effizienteren Strukturen weiter befeuert.

Für die nächsten Monate ist daher weniger eine „Deregulierungs-Extremphase“ wahrscheinlich als eine Phase der Selektion: Welche Berichtspflichten tatsächlich gestrichen, zusammengeführt oder in ihrer Detaillierung reduziert werden, entscheidet sich letztlich daran, wie die laufenden Omnibus-Ansätze abgewickelt und wie die vorgeschlagene Bestandsaufnahme konkret umgesetzt wird. Wer jetzt die eigenen Meldewege strukturiert, kann aus dem politischen Signal bereits operativen Nutzen ziehen, weil doppelte Datenflüsse und redundante Abläufe oft schneller offengelegt werden, wenn ein externer Impuls da ist. In der Zwischenzeit bleibt „Gold-Plating“ als Hausaufgabe bestehen: Genau hier entscheidet sich, ob aus einem politischen Entlastungsversprechen spürbar weniger Aufwand wird – auch auf der Ebene von IT-Prozessen, Audit-Trails und Verantwortlichkeiten, selbst dann, wenn die EU insgesamt weniger neue Vorgaben produziert. Nebenbei zeigt der Fall, dass KI-gestützte Automatisierung im Compliance-Kontext zunehmend als Enabler betrachtet wird, weil sie gerade bei wiederkehrenden Berichtspflichten helfen kann, Aufwand zu reduzieren und Fehlerquellen zu minimieren, ohne die inhaltliche Nachvollziehbarkeit zu verlieren.


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