LONDON (IT BOLTWISE) – Gründer und Venture-Capital-Investoren in Europa drängen darauf, die EU-Inc-Initiative nicht auszuhöhlen. In einem offenen Brief fordern sie ein EU-weites Gesellschaftsstatut, das Unternehmen nach einem gemeinsamen Rahmen aufsetzen und grenzübergreifend betreiben lässt. Im Fokus stehen dabei vor allem eine einheitliche zentrale Registerführung sowie steuerliche Regeln für Mitarbeiter erst beim tatsächlichen Veräußern von Stock Options. Damit soll der Gesetzesvorschlag Reibung und Fragmentierung im Binnenmarkt spürbar reduzieren und mehr Investitionen sowie Entrepreneurship auslösen.

Europa könnte schon bald eine Art Gegenstück zur US-Delaware C Corp bekommen. Die Debatte dreht sich dabei nicht um eine kosmetische Änderung im Gesellschaftsrecht, sondern um einen neuen EU-weiten Rahmen, mit dem sich Unternehmen in einem einheitlichen Verfahren gründen und innerhalb der EU ohne dauernde Umwege betreiben lassen sollen. Genau hier setzt die aktuelle Druckwelle an: In einem offenen Brief bringen Gründer und Investoren aus der europäischen Startup-Szene ihre Erwartung an die Gesetzgeber klar zum Ausdruck, dass die zentralen Merkmale des Projekts erhalten bleiben müssen.
Die Initiative trägt den Namen EU Inc und ist Teil einer breiter angelegten Kampagne für ein EU-weites Unternehmensstatut. Aus ihrer Sicht soll der Gedanke einfach sein: Ein gemeinsames Regelwerk statt 27 nationaler Pfade, wenn ein Startup früh mehrere Märkte bedienen will. Die Sorge lautet, dass der final ausgehandelte Gesetzestext am Ende zu einer „brauchlosen“ Version verkommen könnte, wenn man die Schlüsselpunkte verwässert. Hintergrund ist, dass national geprägte Interessen inzwischen ebenfalls auf die Verhandlungsbühne drängen – in Deutschland etwa auch über die notariellen Strukturen, die einzelne Teile des Vorschlags kritisch beleuchten.
Technisch betrachtet entscheidet bei solchen Rechtskonstruktionen die Ausgestaltung „am Detail“ darüber, ob die neue Form im Alltag Entlastung bringt oder nur ein weiteres Label neben bestehenden Optionen. Die Unterzeichner des Briefs nennen dafür zwei konkrete Stellschrauben: Erstens verlangen sie ein zentrales Register, das die Gesellschaftsstruktur für alle Mitgliedsstaaten transparent und konsistent abbildet. Zweitens soll die Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungen nicht schon beim Erhalt oder bei der Ausübung eines Anspruchs ansetzen, sondern erst dann, wenn Mitarbeitende ihre Stock Options tatsächlich veräußern. Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen wollen planbarere Zeitpunkte für steuerliche Ereignisse, gerade weil Stock-Option-Programme im frühen Wachstum typischerweise ein Kernmechanismus für Talentbindung sind.
Dass „Details“ hier nicht nur rhetorisch gemeint sind, zeigt ein Blick auf frühere Interventionen. Als der ursprüngliche politische Impuls 2024 an Fahrt gewann, hatte der EU-Inc-Unterstützer Martin Mignot betont, der Teufel stecke im Detail und genau dort müsse man besonders wachsam sein. Diese Linie zieht sich jetzt durch den aktuellen offenen Brief: Die Unterstützer argumentieren, dass zwei Gesellschaftsformen im Dokumententext ähnlich wirken können, im echten Rechtsalltag aber völlig unterschiedliche Auswirkungen haben. Timing spielt dabei eine Rolle, weil laut dem Brief noch rund 100 Tage bis zur Winterpause der europäischen Institutionen vergehen; offenbar wollen die Initiatoren verhindern, dass die verbleibende Zeit für späte Verwässerungen oder Kompromisse genutzt wird, die den Nutzen der neuen Statutenform abschwächen.
Market Context liefert derweil den politischen Druck von zwei Seiten: Kapitalgeber und Unternehmer. Auf Investor-Seite nennen die Unterzeichner namentlich Venture-Capital-Größen wie Sonali De Rycker (Accel), Michael Moritz (Sequoia) und Niklas Zennström (Atomico). Diese Namen sind nicht bloß Zierde, weil sie bei europäischen Fonds typischerweise mit den Beteiligungs- und Exit-Mechaniken der Portfoliounternehmen verknüpft sind. Auf der Unternehmerseite werden mehrere Gründer-Ökosysteme hervorgehoben, darunter die Hintergründer von Alan, ElevenLabs, Lovable, Mistral und Synthesia. Auch wenn einige dieser Unternehmen ihren Hauptsitz außerhalb Europas haben, wirkt der Querverweis wie eine indirekte Botschaft: Wenn EU Inc in der heutigen Form politisch gelingt, soll es für Firmen aus dem europäischen Gründungslager attraktiver werden, schneller zu expandieren – und zugleich kann das langfristig die Standortwahl beeinflussen.
Ein entscheidender Punkt ist außerdem, dass die Befürworter nicht einfach „mehr Europa“ fordern, sondern konkrete operative Reibung adressieren: EU-weit identische Spielregeln sollen die Fragmentierung reduzieren, die Unternehmen bisher dazu zwingt, je Land eigene Gesellschafts- und Compliance-Modelle zu fahren. Genau solche Reibungsverluste bremsen nach Darstellung der Initiatoren Investitionen und erschweren eine neue Welle von Entrepreneurship. Historisch betrachtet ist das vergleichbar mit der Rolle, die US-Gesellschaftsformen wie die Delaware C Corp für Venture-Strukturen gespielt haben: Nicht nur die Marke, sondern vor allem die Rechtssicherheit und die Wiederverwendbarkeit von Beteiligungs-Standards haben Investoren und Gründer in die Lage versetzt, schnell zu skalieren.
Für Unternehmen und Investoren in der Praxis heißt das: Wenn die EU-Gesetzgebung tatsächlich zu einem einheitlichen Unternehmensrahmen mit zentralem Register und klaren steuerlichen Zeitpunkten für Stock Options führt, könnten sich rechtliche und finanzielle Planungszyklen verkürzen. Teams, die heute wegen nationaler Unterschiede in Gründungsstruktur, Mitarbeiterbeteiligungslogik und Dokumentation doppelt arbeiten müssen, würden einen Teil ihres Overheads verlieren. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Frage, wie die finalen Verhandlungen zwischen Europäischem Parlament und Rat ausfallen und welche Kompromisse sich durchsetzen, solange die Verhandlungen noch laufen. Der offene Brief ist damit weniger eine einzelne Gesetzesforderung als ein Test für die politische Fähigkeit, aus einem Konzept einen belastbaren Rechtsrahmen zu machen, der im Alltag tatsächlich funktioniert.
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