WARSAW / LONDON (IT BOLTWISE) – EU-Regierungen und NATO-Partner wollen die Zusammenarbeit mit ukrainischen Firmen bei unbemannten Systemen ausbauen. Gleichzeitig fordern sie, für die Verteidigung der östlichen Flanke schweres Gerät wie Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in ausreichender Zahl vorzuhalten. In Warschau ordnen Niederlande und Litauen die Beschaffung als Kombination aus Drohnen, Luftabwehr gegen Drohnen sowie modernen Landkampfplattformen ein. Polen treibt derweil den Weg vom Importeur zum Exporteur und wirbt bei großen Rüstungsaufträgen für zusätzliche Fertigungskapazitäten.

Auf dem Warschauer Sicherheitsforum zeichnet sich eine klare Linie ab: In der europäischen Verteidigungsplanung soll die wachsende Schlagkraft durch Drohnen und Anti-Drohnen-Systeme nicht zu Lasten schwerer Landstreitkräfte gehen. Statt eines Entweder-oder fordern Verantwortliche aus mehreren Ländern, die nächste Ausbaustufe der Beschaffung als „Mischung“ aus High-Tech-Wirkung im Luftraum und gepanzertem Durchhaltevermögen an der Front zu denken. Der Hintergrund ist taktisch unmittelbar: Unbemannte Systeme verändern Aufklärung, Zielzuweisung und Wirkung auf kurze Zyklen, während gleichzeitig der reale Bodenkampf weiterhin Logistik, Besatzungsschutz und schwere Feuerkraft verlangt.
Aus Sicht der Niederlande wird diese Balance besonders an der Verzahnung mit ukrainischer Expertise deutlich. Der stellvertretende Premierminister und Verteidigungsminister der Niederlande, Dilan Yeşilgöz-Zegerius, stellte auf dem Forum den laufenden Trainings- und Wissensaustausch mit ukrainischen Streitkräften in den Mittelpunkt und verwies parallel darauf, dass europäische Staaten ihre Verteidigungsindustrie stärker fördern müssen. Damit geht es nicht nur um Stückzahlen, sondern um industrielle Lernkurven: Wer Fertigung, Prüfstände und Entwicklungsprozesse aufbaut, kann Varianten schneller nachziehen und die Anpassungsfähigkeit erhöhen, wenn sich Bedarfslagen im Einsatz beschleunigt verändern. In der Debatte wurde außerdem sichtbar, dass viele europäische Programme unter dem Druck stehen, Kosten und Entwicklungszeiten enger zu takten, während zugleich die Sicherheitsarchitektur an der NATO-Ostflanke neujustiert wird.
Litauen brachte als Beispiel für die operative Beschaffungslogik vor, wie sich Zusammenarbeit in Landprogrammen konkretisieren lässt. Verteidigungsminister Robertas Kaunas verwies darauf, dass das geplante Beschaffungsvorhaben für sechsradgetriebene Schützenpanzer aus Finnland im Fokus steht, zugleich aber lokale Beteiligung und ein R&D-Anteil vorgesehen sind. Für das baltische Land ist die National Division ein zentraler Träger, bei dem Bündnisfähigkeit und Interoperabilität eine Rolle spielen, weil die Wirkung an der Grenze nicht allein durch Technik entsteht, sondern durch abgestimmte Doktrin und koordiniertes Zusammenspiel mit Partnern. Auch die von Kaunas gezogene Lehre aus dem Ukraine-Krieg betont diese Kopplung: Dort wurden Panzer teils so angepasst, dass zusätzliche Schutzmechanismen gegen Drohnen zum Tragen kommen, um Fahrzeuge und Soldaten länger in gefährdeten Zonen zu halten und gegnerische Kräfte zurückzudrängen.
Den entscheidenden Hebel für „tempo-feste“ Beschaffungsentscheidungen machte anschließend eine zweite litauische Stimme stark: Dovile Šakalienė, Abgeordnete und frühere Verteidigungsministerin, argumentierte für sogenannte „smart contracts“, die den in der Ukraine sichtbaren Wandel nicht nur administrativ abbilden, sondern technologisch in den Lieferzeitpunkt hineinwirken. Konkret verwies sie auf ein litauisches Leopard-2A8-Programm, bei dem Bedingungen festgelegt wurden, damit der neueste Stand des Anti-Drohnen-Schutzes bei der Montage berücksichtigt wird – nicht nur das, was zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung verfügbar ist. Die Kernaussage dahinter: Entwicklungszyklen für Abwehrtechnologien gegen Drohnen sind so dynamisch, dass starre Zeitfenster Risiken tragen; drei Jahre können in diesem Umfeld bereits bedeuten, dass ein ursprüngliches Sicherheitsniveau zum Lieferstart veraltet. Ergänzend warnte Šakalienė vor einer rein drohnenzentrierten Einsatzlogik, weil große Bodensbewegungen und Manöver nicht allein mit unbemannten Systemen durchgeführt werden können, sondern schwere Plattformen, Panzerung und operative Reichweite weiterhin brauchen.
Während der Schwerpunkt in Warschau auf dem Zusammenspiel aus unbemannten und schweren Assets lag, spiegelte die Gastgeberrolle Polens zugleich die industrielle Dimension der Debatte. Das Land versucht, sich stärker von der Rolle des Beschaffungsnehmers zu lösen und mehr als Fertigungs- und Exportstandort aufzutreten. Das wirkt auf die Wettbewerbslandschaft: Große Rüstungsunternehmen investieren in Kapazitäten und Belegschaften vor Ort, um bei künftigen Ausschreibungen nicht nur als Technologieanbieter, sondern als Produktionspartner aufzutreten. So sagte Vince Logsdon, Vice President für internationale Geschäftsentwicklung bei Boeing Defense Space and Security, dass bereits 1.000 Mitarbeitende in Polen beschäftigt seien und weiter ausgebaut werden solle. Als Beispiel für das Vorgehen wurde auf einen Deal verwiesen, in dessen Rahmen mehrere AH-64E Apache-Angriffshubschrauber an Polen geliefert werden sollen; ergänzend wirbt der Hersteller nun mit der CH-47 Chinook als komplementärer Plattform für Truppentransport und logistische Ketten. Die Argumentationslinie lautet dabei: Wer in eine Kampfflottenstrategie mit Angriffsplattformen einsteigt, ergänzt typischerweise die „vertikale“ Heavy-Lift-Fähigkeit, um die „battle space“-Erweiterung auch operational in Bewegung zu übersetzen.
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