LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission hat Alphabet mit insgesamt 890 Millionen Euro belegt: erst wegen voreiliger Bevorzugung eigener Dienste in der Suche, dann wegen Einschränkungen für alternative Zahlungswege im Play Store. Google muss seine Richtlinien für Search und Android binnen 60 Tagen anpassen, sonst drohen weitere periodische Sanktionen. Der Fall zieht sich seit mehr als zwei Jahren hin und folgt auf eine Vorentscheidung aus dem Jahr 2025. Für Unternehmen wird damit greifbar, wie streng die DMA Gatekeeper zu fairen Marktregeln verpflichtet.

EU verhängt 890 Millionen Euro Geldbußen gegen Google wegen DMA-Verstößen
EU verhängt 890 Millionen Euro Geldbußen gegen Google wegen DMA-Verstößen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die EU-Kommission erhöht den Druck auf Google spürbar: Alphabet soll insgesamt 890 Millionen Euro zahlen, weil das Unternehmen nach Auffassung der Behörde gegen zwei zentrale Vorgaben des Digital Markets Act (DMA) verstoßen hat. Konkret geht es zum einen um die Suche, zum anderen um die Play-Store-Regeln für Android. Die Entscheidung ist nicht nur eine finanzielle Maßnahme, sondern eine klare Aufforderung zur Änderung von Produkt- und Policy-Logik – inklusive eines Zeitfensters, das auf Umsetzung zielt.

Im Bereich der Google Search-Dienste betrifft die Geldbuße von 460 Millionen Euro die Art, wie eigene Angebote in den Suchergebnissen sichtbar werden. Die EU wirft Google vor, seine Shopping-, Hotels- und Flights-Angebote gegenüber Drittanbietern bevorzugt zu behandeln. Damit kollidiert das Verhalten mit dem DMA-Grundprinzip, dass Gatekeeper ihre Marktmacht nicht dazu nutzen dürfen, Wettbewerb durch diskriminierende oder vorteilsgewährende Sortierung zu ersticken. Für Produktteams bedeutet das: Nicht nur Ranking-Algorithmen stehen zur Debatte, sondern auch die Policy-Ebene, die festlegt, wann und wie die eigenen vertikalen Dienste in SERPs (Search Engine Results Pages) integriert werden.

Die zweite Strafe über 430 Millionen Euro richtet sich an die Play Store-Praxis. Auslöser ist, dass Entwicklern nach EU-Sicht faktisch der Spielraum genommen wird, Nutzer frei zu alternativen Zahlungssystemen zu führen – etwa zu Optionen, die für die App-Anbieter günstiger sein könnten. Die Kommission sieht darin eine Behinderung von „steering“, also das Weiterleiten von Nutzern zu anderen Bezahlwegen außerhalb der vom Store kontrollierten Abwicklung. Google hatte dem DMA-Anliegen wiederholt widersprochen und dabei Sicherheitsrisiken betont: Die Behörde akzeptiert diese Argumentation in der vorliegenden Form offenbar nicht, sondern verpflichtet Google zur Änderung. Interessant ist dabei, dass die Kommission zwar „guten Fortschritt“ bei der Überarbeitung bestimmter Vertrags- und Gebührenstrukturen bescheinigt, aber trotzdem den DMA-Bruch finanziell sanktioniert hat.

Damit bleibt das zentrale Umsetzungsdetail: Google erhält laut Entscheidung 60 Tage, um seine Richtlinien so anzupassen, dass die Vorgaben erfüllt werden. Für Search bedeutet das eine Behandlung von Drittanbieter-Services „fair und nicht-diskriminierend“ – außerdem soll Google Android-Entwicklern die freie Promotion von Angeboten sowohl innerhalb als auch außerhalb des Play Stores ermöglichen. Parallel dazu steht unter Beobachtung, ob Anpassungen nur kosmetisch wirken oder echte strukturelle Änderungen darstellen. Google hatte nach eigenen Angaben bereits vor der weiteren EU-Entscheidungsphase mehrere Schritte getestet, etwa das Entfernen des Google-Flights-Widgets für Nutzer in der EU sowie ein geändertes Suchergebnis-Layout, das Links zu Vergleichsseiten von Drittanbietern stärker hervorhebt. Gleichzeitig hatte das Unternehmen die Einstufung als „Compliance“ vehement zurückgewiesen und argumentiert, die Änderungen stellten einen deutlichen Qualitätsabfall gegenüber dem bisherigen Sucherlebnis dar.

Historisch ordnet sich das Urteil in eine bekannte Linie ein: Bereits 2017 verhängte die EU gegen Google eine Geldbuße von 2,42 Milliarden Euro wegen eines ähnlichen Problems – damals ging es ebenfalls um die Frage, ob ein eigener Vergleichsdienst unzulässige Vorteile gegenüber Wettbewerbern erhielt. Das aktuelle DMA-Verfahren wirkt wie eine Fortsetzung unter verschärftem, regulatorischem Rahmen: Der DMA ist darauf ausgelegt, Gatekeeper nicht nur im Einzelfall zu sanktionieren, sondern dauerhaft zu Toleranz- und Fairness-Regeln für digitale Zugangsstellen zu binden. Zusätzlich verschärft sich der Marktdruck für Google auch jenseits der EU: In den USA steht das Play-Store-Ökosystem nach einer erfolgreichen Klage von Epic Games wegen In-App-Purchase-Gebühren unter zusätzlicher Spannung, sodass Google rivalisierende App-Stores im eigenen Ökosystem tragen muss.

Aus technischer Sicht liegt die Kernfrage weniger im „Ob“ von Regeln als im „Wie“ der Durchsetzung: In Search entscheidet am Ende eine Mischung aus Ranking-Logik, UI-Integration und Policy-Steuerung, welche Informationen hervorgehoben werden. Der DMA zwingt daher mittelbar dazu, die Mechanismen hinter SERP-Komponenten so zu gestalten, dass Drittanbieter nicht durch strukturelle Sonderpositionen benachteiligt werden. Im Play Store geht es parallel um Consent- und Experience-Flows: Wenn Entwicklern echtes „steering“ erlaubt wird, müssen Store-Policies die Kommunikation zwischen App-Interaktionen und externen Zahlungsseiten zulassen, ohne dass Sicherheitsmechanismen faktisch deaktiviert werden. Dass Google in der Vergangenheit argumentierte, die DMA mache es schwer, Nutzer vor Betrug und bösartigen Links zu schützen, zeigt, wie stark sich Policy, Sicherheitsprozesse und UX gegenseitig beeinflussen.

Für Unternehmen und Entwickler in Europa ist das Urteil vor allem ein Signal: Gatekeeper-Regeln werden messbar, und Verstöße haben unmittelbare Budgetfolgen. Die Kommission formuliert den Anspruch dabei klar: Bessere Produkte sollen gewinnen – nicht der Umstand, dass ein Unternehmen den Zugriff kontrolliert. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung für Google eine technische und organisatorische Herausforderung, weil Änderungen in Search und im Play Store nicht isoliert erfolgen, sondern Teil eines zusammenhängenden Ökosystems sind. Ob die nächsten Schritte tatsächlich zu faireren Such- und Zahlungswegen führen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen – nicht zuletzt daran, ob die neuen Regeln in der Praxis für Drittanbieter und App-Entwickler spürbar weniger Hürden schaffen.


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