LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues Buch stellt Main Street-Millionäre in den Mittelpunkt: vor allem Inhaber privater Betriebe, die ihre Gewinne oft über sogenannte Pass-Through-Strukturen beziehen. Die Autoren verknüpfen dafür große Steuer- und Unternehmensdaten und zeigen, dass diese Gruppe schon lange mehr Geld bewegt als viele annehmen. Im Fokus stehen auch politische Effekte, weil Unternehmer teils direkt oder indirekt Gesetzgebung mitgestalten. Damit rückt eine „zweite“ Schicht von Reichtum neben den bekannten Tech- und Superreichen stärker in die Debatte.

Die Debatte über Ungleichheit in den USA dreht sich in der öffentlichen Wahrnehmung häufig um wenige, spektakuläre Milliardäre. Das neue Buch „The Everywhere Millionaire“ setzt dagegen ein deutlich größeres Bild: Nicht nur Silicon Valley und Wall Street, sondern vor allem private Unternehmer im ganzen Land sollen den Reichtum antreiben. Die Autoren beschreiben diese Gruppe als „stealthy wealthy“ – also als wohlhabende Akteure, die weniger im Rampenlicht stehen, aber in der Breite wirken. Ihre Geschäftsmodelle reichen von Autohäusern über Dentistenpraxen bis hin zu eher alltäglichen Dienstleistungen wie Wachs-Salons oder spezialisierten Zulieferern.
Technisch betrachtet liegt der Kern der Argumentation in einer Datenfrage. Ausgangspunkt der Arbeit war die Erkenntnis, dass klassische Quellen den Weg vom Unternehmen zum tatsächlichen Eigentümer nur unvollständig abbilden. Die US-Finanzverwaltung verfügte laut Bericht über alte und langsame IT-Systeme, zudem waren Steuerdaten für Privatpersonen und Daten für Unternehmen getrennt. Das erschwerte Analysen, bei denen man Steuerakten von einzelnen Firmeninhabern konsistent mit den Vermögens- und Einkommensentwicklungen dieser Personen verbinden will. Erst die von den Autoren aufgebaute Verknüpfung adressiert genau diese Lücke: Sie verbindet mehr als 11 Millionen Unternehmen mit mehr als 22 Millionen Unternehmenseigentümern und macht damit steuerbasierte Aussagen möglich, die zuvor nur grob geschätzt werden konnten.
Besonders zentral ist die Rolle sogenannter „pass-through“-Unternehmen. Juristisch und steuerlich ist das der Typ Betrieb, bei dem Gewinne nicht wie bei einer klassischen „C“-Corporation zunächst auf Unternehmensebene versteuert werden, sondern „durchgereicht“ werden und letztlich im Rahmen der persönlichen Einkommensteuer des Eigentümers landen. Die Autoren ordnen dem unterschiedliche Formen zu, etwa Einzelunternehmen, Personengesellschaften oder „S“-Corporations. Überraschend ist dabei weniger die Existenz dieser Rechtsformen, sondern ihr Gewicht im Wirtschaftsalltag: Während diese Unternehmen 1980 rund ein Fünftel des US-Business-Income erzeugten, lag der Anteil 2011 bei mehr als der Hälfte. Daraus leiten die Autoren ab, dass pass-through-Strukturen eine wesentliche Erklärung liefern, warum Einkommensanteile in der Spitze wachsen konnten.
Ökonomisch schlagen die Daten dann eine Brücke zwischen Marktkräften und Steuerpolitik. In der Erzählung der Autoren verstärkt die Produktivitätsentwicklung qualifizierter Berufe – etwa durch Globalisierung und den Einfluss der Computerrevolution – die Nachfrage nach teuren Dienstleistungen. Gleichzeitig greifen hier politische Mechanismen über das Steuerrecht: Die Autoren verorten einen großen Teil der Dynamik in der „Tax Reform Act of 1986“. Der entscheidende Effekt sei gewesen, dass individuelle Steuersätze in Relation zu Unternehmenssteuersätzen verändert wurden, wodurch eine Art Struktur-„Loophole“ entstehen konnte: Wenn Unternehmer ihre Gewinne so aufstellen können, dass sie als Pass-Through statt über die höhere Unternehmensbesteuerung laufen, werden sie im Durchschnitt niedriger besteuert. Für 2011 nennen die Autoren eine durchschnittliche effektive Bundes-Einkommensteuerlast von etwa 20 Prozent für Pass-Through-Einkommen gegenüber knapp 32 Prozent bei traditionellen Unternehmen.
Die „Main Street“-Millionäre erscheinen in dieser Perspektive zugleich als Gewinner einer spezifischen Kombination aus Qualifikation, Marktnachfrage und steuerlicher Ausgestaltung. Die Autoren zeigen außerdem, dass die Eigentümer selbst einen messbaren Anteil am Geschäftserfolg haben. In einer frühen Auswertung, die auf der neuen Datenbasis aufbaut, berichten die Autoren den Effekt, dass beim Ruhestand oder Tod eines Eigentümers die Gewinne der Pass-Through-Betriebe typischerweise deutlich zurückgehen, im Bericht ist von einem Rückgang um drei Viertel die Rede. Das stützt die Deutung, dass die entscheidende „Maschine“ nicht nur das investierte Kapital ist, sondern das „human capital“ der Inhaber: Können, Know-how und Reputation. Gleichzeitig widersprechen die Ergebnisse einer vereinfachenden Ungleichheitsgeschichte, die allein auf „tätiges Kapital“ im Sinne großer Fabriken oder abstrakter Finanzkapitalgeber fokussiert.
Auch die politische Dimension wird im Buch prominent gemacht. Die Autoren argumentieren, dass „Main Street“-Unternehmer nicht nur Lobbyarbeit betreiben, sondern teils direkt in staatlichen Entscheidungsprozessen auftauchen. In den Zahlen, die im Bericht zitiert werden, ist von einer deutlichen Überrepräsentation von Unternehmern in gewählten Ämtern die Rede: Als Größenordnung wird genannt, dass Unternehmer nur einen kleinen Anteil an der Bevölkerung ausmachen, aber viel häufiger als erwartet in Kongress- und Landesämtern vertreten sind. Gleichzeitig heben die Autoren mögliche Interessenkonflikte hervor. Genannt wird etwa Bob Corker, der als Immobilienentwickler beschrieben wird und bei dem die Autoren einen Zusammenhang zu Gesetzesinhalten und persönlichem Vorteil durch relevante Einkommensströme thematisieren; Corker soll diese Vorwürfe zurückgewiesen haben. Auf der anderen Seite steht Michael J. Madigan, der laut Bericht im Jahr 2025 wegen bundesrechtlicher Korruptionsvorwürfe verurteilt wurde und dabei als sehr einflussreicher Anwalt und langjähriger Politiker in Illinois beschrieben wird.
Für Unternehmen und Entscheider ist die praktische Lehre weniger, dass „Reichtum“ neu erfunden werden müsste, sondern dass sich seine Quelle verschiebt und damit auch die Risikologik von Regulierung und Steuerpolitik. Wenn pass-through-basierte Inhaber eine so große Einkommens- und Vermögenswirkung entfalten, verändern sich die Anreize für Rechtsformen, Vergütungsmodelle und Investitionsentscheidungen. Zudem steigt der Druck auf Unternehmen, die eigene Rolle im Marktumfeld realistisch zu bewerten: Manche Branchen, die im Bericht genannt werden, erscheinen als besonders profitorientiert, weil sie stark von Regeln profitieren, die Wettbewerb begrenzen oder Mittelinstanzen stabilisieren. Das Bild „Nebenbei sehr wohlhabend, aber politisch wirksam“ ist damit nicht nur ein Narrativ – es wirkt als Rahmen für strategische Entscheidungen, vom Tax-Planning bis zur Positionierung gegenüber Gesetzesänderungen.
Die öffentliche Debatte wird damit breiter: Statt nur den sichtbaren „Oligarchen“-Effekt zu diskutieren, rücken die Autoren eine zweite Gruppe wohlhabender Akteure in den Fokus, die weniger medial inszeniert wird, aber über regionale Präsenz und institutionelle Nähe ebenso Einfluss ausübt. Das Buch stellt bewusst Fragen nach dem „Wie“ – etwa, wie Menschen zu dieser Art von Vermögen kommen und welche Mechanismen daraus dauerhafte Einkommensvorteile machen. Gerade weil die vorgestellten Geschichten von klassischem Unternehmertum bis hin zu politisch gestützten Marktpositionen reichen, wird die Diskussion nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich deutlich konkreter: Wer die Einkommensspitze verstehen will, muss offenbar auch dorthin schauen, wo der Wohlstand im Alltag funktioniert – in Praxen, Läden und Zwischenstufen des Marktes.
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