NORDRHEIN-WESTFALEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik will den Kohleausstieg, der in NRW für 2030 geplant ist, nach hinten schieben. Christian Kullmann argumentiert, es fehle an Gaskraftwerkskapazität und an bezahlbarem Wasserstoff, um Versorgungssicherheit im Übergang zu garantieren. Gleichzeitig stellt er das Klimaneutralitätsziel für Deutschland von 2045 auf 2050 in den Fokus, um die Chemieindustrie wettbewerbsfähig zu halten. Der Konzern treibt parallel die Ausgliederung seiner Chemieparks in die Einheit Syneqt voran.

Der Chef des Chemiekonzerns Evonik, Christian Kullmann, bringt die Energiewende in Nordrhein-Westfalen in Bewegung – zumindest was den Zeitplan betrifft. Er fordert, den Kohleausstieg, der für 2030 vorgesehen ist, zu verschieben. Die Begründung ist dabei weniger politisch als operativ: Ohne ausreichende Ersatzkapazitäten aus Gas und ohne eine breite, bezahlbare Wasserstoffversorgung sieht Kullmann das Risiko, dass die Strom- und Prozessenergieversorgung in einer kritischen Übergangsphase nicht stabil genug bleibt. Für ein energieintensives Umfeld wie die Chemie ist das ein Dreh- und Angelpunkt, weil Produktionsstopps unmittelbar in Kosten, Lieferfähigkeit und Investitionszyklen durchschlagen.
Technisch steht hinter der Forderung ein klassisches Kapazitätsproblem der Systemtechnik: Kraftwerke und Netze müssen in einem engen Zeitfenster Lastspitzen, Ausfälle und Netzengpässe auffangen. Kullmann stellt dabei nicht nur auf Erzeugungsseite ab, sondern auch auf die Netzinfrastruktur, die dem schnell wachsenden Bedarf neuer Betriebsprofile folgen müsse. Die zentrale Aussage lautet: Es gebe nicht genug Gaskraftwerke, um die Versorgung zu sichern, und es mangele an einer Perspektive für bezahlbaren Wasserstoff. Daher plädiert er dafür, Kohle nicht „bis 2030“, sondern mindestens bis 2033 vorzuhalten – und je nach Rahmenbedingungen sogar länger. Diese Logik erinnert an frühere Übergangsdebatten, als der Wechsel von Kohle zu Gas noch als „Brückentechnologie“ galt.
Im Marktkontext wird die Aussage zusätzlich dadurch schärfer, dass Evonik parallel seine industrielle Struktur neu sortiert. Die Chemieparks in Marl und Wesseling wurden in die Einheit Syneqt ausgegliedert; insgesamt sind dort 3.500 Mitarbeitende betroffen. Kullmann verweist auf zwei moderne Gaskraftwerke in Marl, ein „großes Leitungsnetz“ und nennt 200 Millionen Euro Gewinn als Momentaufnahme. Der strategische Unterton: Energie- und Infrastrukturkompetenz soll im Betriebseinheiten-Ansatz gebündelt werden, statt sie als externes Risiko in die Muttergesellschaft zurückzuschieben. Für Synergien spielt das auch beim Anschluss weiterer Abnehmer eine Rolle, denn Netze und Kraftwerksleistung sind nur dann wertvoll, wenn sie planbar betrieben werden können.
Wettbewerbspolitisch setzt Kullmann außerdem bei den Kosten der Transformation an – insbesondere beim Emissionshandel. Er warnt vor einer Verschärfung und argumentiert, Europa habe bereits das weltweit strengste CO2-Gebührenregime. Das Klima kenne jedoch keine geografischen Grenzen; folglich sei es ineffizient, die europäische Chemie im internationalen Wettbewerb mit zusätzlichen Belastungen weiter zu schwächen. Auch bei der Zielsetzung der Klimaneutralität sieht er die Industrie als Verlierer: Er fordert eine Verschiebung von 2045 auf 2050, mit der Folge, dass Investitionen in Dekarbonisierungstechnologien zeitlich entkoppelt würden. Als Marktanalyse lässt sich daraus ableiten, dass Hersteller in energieintensiven Segmenten zunehmend auf „Kosten- und Timing-Gerechtigkeit“ drängen, weil die Umstellung sonst schneller als die Technologieverfügbarkeit vorankommt.
Der energiepolitische Druck kommt allerdings nicht aus einer Richtung: Während Evonik den Kohleausstieg zeitlich strecken will, treiben andere Akteure parallel Energiewende- und Dekarbonisierungsprogramme voran. Ein naheliegender Vergleich ist der Umgang der Branche mit dem Ausbau erneuerbarer Erzeugung und der Frage, wie viel flexible Residuallast künftig über Gas, Speicher oder Lastmanagement abgedeckt wird. Konzerne wie Uniper oder RWE bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Kraftwerksverfügbarkeit, Emissionskosten und Netzintegration; selbst wenn sie andere Rollen im System einnehmen, beeinflussen ihre Investitions- und Betriebsentscheidungen die Preise und die Versorgungssicherheit, von denen industrielle Abnehmer abhängen. Damit wird klar: Die Debatte um 2030 ist nicht nur ein Datum, sondern eine Kette aus Kapazitätsplanung, Netzbau und Brennstoffverfügbarkeit.
Historisch betrachtet ist die „Brückentechnologie“-Argumentation nicht neu. Schon in den Jahren der frühen Kraftwerksmodernisierungen galt Kohle-Auslaufen häufig als lineares Zeitprojekt, bis sich zeigte, dass Infrastruktur und Brennstoffmärkte nicht im gleichen Tempo mitwachsen. Die heutigen Forderungen wirken daher wie eine Rückkehr zu dem, was in vielen Energie-Transitionen als Grundregel gilt: Übergänge müssen so gesteuert werden, dass das System in jedem Winter und zu jeder Lastspitze belastbar bleibt. Für die Chemie kommt hinzu, dass Umstellungen auf alternative Energieträger und Prozessrouten oft mehrjährige Projektlaufzeiten haben. Genau hier setzt Kullmanns Verschiebungsidee an: Erst Stabilität, dann Tempo. Das reduziert zwar politisches Framing, erhöht aber die Betriebsrealität der Unternehmen.
Aus der Sicht der technischen Umsetzung liegt die entscheidende Frage für 2030+ auf der Auslastbarkeit und Flexibilität. Gaskraftwerke liefern kurzfristig die Regel- und Spitzenfähigkeit, doch ihr Einsatz hängt an Brennstoffpreisen, Netzrestriktionen und CO2-Kosten. Wasserstoff wiederum ist in der Logik zwar der langfristige Hebel, aber derzeit häufig durch Verfügbarkeits- und Preisrisiken begrenzt; Kullmann beschreibt genau diese Lücke. Für Unternehmen bedeutet das: Sie werden künftig stärker mit Portfolio-Strategien arbeiten – also nicht nur Strom einkaufen, sondern Produktions- und Energiepfade so konfigurieren, dass sie zwischen Erzeugungsarten wechseln können. Im Zuge dessen werden auch Emissionsdaten, Abrechnungslogik im Emissionshandel und die Mess- und Nachweisprozesse selbst zu Betriebsfunktionen, nicht zu reinen Compliance-Themen.
In die Zukunft gedacht, dürfte sich die Debatte in zwei Richtungen entwickeln. Erstens: Wenn Kohleausstieg und Klimaziel zeitlich gestreckt werden, verschiebt sich der Investitionsschwerpunkt hin zu Infrastruktur für Übergangstechnologien, darunter die weitere Optimierung von Gas- und Netzsystemen. Zweitens: Die Strukturbewegung rund um Syneqt kann den Markt auf veränderte Eigentums- und Betriebsmodelle vorbereiten – Verkauf oder Fusion bleiben laut Kullmann Optionen, wobei er Partner aus den Niederlanden oder Belgien als naheliegend nennt. Für die Branche heißt das, dass europäische Chemieregionen stärker in grenzüberschreitenden Energiekorridoren denken könnten. Die nächste Phase wird dann weniger von einzelnen politischen Terminen bestimmt, sondern von der Frage, wer Kapazitäten, Netze und Dekarbonisierungsfahrpläne zu wettbewerbsfähigen Gesamtkosten zusammenbringt.
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