HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Evotec hat Dr. Joanna Holbrook zur Chief Scientific Officer (CSO) und in den Vorstand berufen. Ihre Aufgabe startet zum 1. November 2026 und umfasst die Leitung der globalen wissenschaftlichen Strategie. Im Fokus stehen die weitere Differenzierung in der Wirkstoffforschung und -entwicklung, unter anderem über Technologieplattformen und firmeneigene Innovationen. Holbrooks Karriere verbindet Datenwissenschaften, multimodale Omics-Technologien und präzise therapeutische Modalitäten.

Evotec setzt mit der Berufung von Dr. Joanna Holbrook ein klares Signal Richtung KI-gestützter Wirkstoffforschung. Das Unternehmen kündigte an, dass die Pharma- und Biotech-Managerin zum 1. November 2026 Chief Scientific Officer (CSO) und Mitglied des Vorstands wird. Für die Praxis bedeutet das: Die wissenschaftliche Ausrichtung des Konzerns bekommt eine zentrale Steuerungsinstanz, die nicht nur Forschungsansätze bewertet, sondern die globale Strategie bündelt und in konkrete Programme überführt. Damit rückt erneut die Frage in den Vordergrund, wie Unternehmen die Lücke zwischen Daten und Wirkstoffkandidaten messbar verkleinern.
Holbrooks Profil passt auffällig gut zu genau dieser Schnittstelle. Laut Mitteilung bringt sie mehr als 25 Jahre Erfahrung aus wissenschaftlicher Forschung und Führung mit und hat datenbasierte Methoden genutzt, um komplexe Herausforderungen in der Wirkstoffforschung anzugehen und Forschungsprogramme bis in die klinische Entwicklung voranzubringen. Namentlich nennt Evotec in diesem Zusammenhang multimodale Omics-Technologien, Datenwissenschaften, neuartige therapeutische Modalitäten sowie Präzisionsmedizin. Gerade multimodale Ansätze sind in der Wirkstoffentwicklung ein technischer Hebel, weil sie Informationen aus unterschiedlichen Ebenen der Biologie (beispielsweise Genomik, Transkriptomik und Phänotypdaten) in einer gemeinsamen Modellierung zusammenführen können. Das ist mehr als ein Schlagwort: Es verschiebt die Priorisierung von Kandidatenentscheidungen von einzelnen Biomarkern hin zu konsistenteren, datenintegrierten Hypothesen.
Auch der berufliche Weg von Holbrook verweist auf eine Kombination, die in der Branche zunehmend gefordert wird: nicht nur methodische Exzellenz, sondern auch Umsetzung in Produkt- und Portfolio-Logiken. Zuletzt war sie bei Novo Nordisk als Therapy Area Head für Herz-Kreislauf-, Nieren- und Lebererkrankungen sowie als Head of in vitro Discovery Platforms tätig. Davor hatte sie leitende Rollen bei Biomodal (Chief Scientific Officer) und bei BenevolentAI (Vice President Translational Medicine) inne. In der Mitteilung werden diese Stationen als Grundlage für die wissenschaftliche Differenzierung beschrieben, aber sie liefern auch den Kontext, warum Evotec die CSO-Position so strategisch auflädt: Plattformen für in-vitro-Entdeckung, translationales Arbeiten und die datengetriebene Übertragung in therapeutische Entwicklungsprogramme hängen in der Realität eng zusammen, weil jede Verzögerung in der Datenpipeline oder in der Validierung später in klinischen Kosten wieder auftaucht.
Technisch lässt sich die Rolle der CSO in so einem Umfeld als eine Art Qualitäts- und Konsistenzschicht über dem gesamten Forschungsprozess verstehen. Evotec beschreibt explizit, dass Holbrook aktuelle wissenschaftliche Fortschritte nutzen wird, um Kunden und Partner dabei zu unterstützen, neue Medikamente schneller und mit höherer Erfolgswahrscheinlichkeit zu entdecken und zu entwickeln. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, wie KI-Methoden und Datenplattformen in der Praxis wirken: Wenn beispielsweise Patientendatenbanken, Omics-Plattformen und Zell- bzw. Krankheitsmodelle zwar vorhanden sind, aber nicht in einer gemeinsamen Entscheidungslogik (Scoring, Zielpriorisierung, Evidenzgewichtung) zusammenlaufen, bleibt der Nutzen fragmentiert. Evotec nennt eigene Plattformen wie molekulare Patientendatenbanken, PanOmics und iPSC-basierte Krankheitsmodelle; damit bekommt die CSO die Aufgabe, diese Bausteine organisatorisch und methodisch so zu verzahnen, dass aus Analysen Kandidaten werden.
Der Schritt hat außerdem eine Markt- und Talent-Dimension. Evotec arbeitet laut Unternehmensangaben mit einem breiten Ökosystem aus Top-20-Pharmaunternehmen, über 800 Biotechs sowie akademischen Einrichtungen und weiteren Akteuren im Gesundheitswesen. In einem solchen Netzwerk sind wissenschaftliche Führungspersonen weniger nur „interne“ Rollen, sondern auch eine Form von Vertrauensanker: Partner wollen nachvollziehen können, wie Plattformen bewertet, Projekte gesteuert und strategische Prioritäten gesetzt werden. Holbrooks Erfahrung in der Kommerzialisierung innovativer Technologien und in strategischen Partnerschaften wird in der Mitteilung ausdrücklich adressiert. Das deutet darauf hin, dass Evotec die CSO-Position nicht ausschließlich als Forschungsleiterin versteht, sondern als Schnittstelle für gemeinsame Entwicklungspipelines.
Für die nächsten Schritte ist entscheidend, wie Evotec die Übergangsphase bis zum 1. November 2026 organisiert und wie die neue wissenschaftliche Strategie in den bestehenden Projektportfolios wirksam wird. Die Mitteilung nennt als Verantwortungsbereich die Leitung der globalen wissenschaftlichen Strategie und das Vorantreiben der Differenzierung entlang der Wirkstoffforschung und -entwicklung sowie bei firmeneigenen Innovationen. Damit stellt sich aus Unternehmenssicht die Frage, ob sich die Prioritäten stärker auf diejenigen Technologieplattformen konzentrieren werden, die nachweislich den „Time-to-Decision“ in frühen Stadien verkürzen. Gerade bei multimodalen Omics-Workflows ist das relevant, weil die Qualität der Daten und die Nachvollziehbarkeit von Modellentscheidungen direkten Einfluss auf Versuchsauswahl, Validierungstaktung und spätere Auswahl in der klinischen Entwicklung haben.
Ein weiterer Aspekt liegt in der Breite des wissenschaftlichen Hintergrunds: Holbrook promovierte in molekularer Zellbiologie am University College London und studierte Genetik an der University of Newcastle. Zudem war sie Professorin für Bioinformatik an der University of Southampton, Senior Principal Investigator am Singapore Institute for Clinical Sciences (A*STAR) und Adjunct Professor an der National University of Singapore. Solche Stationen sind in KI-gestützter Forschung oft hilfreich, weil sie die Methodenkompetenz mit einem Blick für Forschungs- und Datenstandards verbinden. Für Evotec kann das bedeuten, dass wissenschaftliche Entscheidungen nicht nur schneller, sondern auch strukturierter dokumentiert werden, was wiederum Partnern die Integration in eigene Entwicklungs- und Compliance-Prozesse erleichtern kann – ohne dass daraus automatisch eine sofortige Neuausrichtung jeder Plattform folgt.
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