FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – EZB-Direktorin Isabel Schnabel sieht deutliche Risiken, dass die Inflation im Euroraum nicht wie geplant Richtung 2-Prozent-Ziel zurückkehrt. In einem Interview plädiert sie für weitere Straffungsschritte, weil der aktuelle Leitzins dafür nicht ausreiche. Besonders betont sie die Gefahr von Zweitrundeneffekten, etwa wenn höhere Energiekosten die Herstellung verteuern. Laut jüngsten Daten lag die Teuerung im Juli bei 2,9 Prozent.

EZB-Direktorin Schnabel warnt vor Inflationsrisiken und fordert weitere Zinsschritte
EZB-Direktorin Schnabel warnt vor Inflationsrisiken und fordert weitere Zinsschritte (Foto: IT BOLTWISE)
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Isabel Schnabel stellt in der aktuellen Debatte um den geldpolitischen Kurs vor allem eine Frage in den Mittelpunkt: Reicht die derzeitige Zinslage, um Inflationsrisiken zeitnah einzudämmen? Als Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank argumentiert sie, dass beim aktuellen Leitzins nicht davon auszugehen sei, dass die Inflation mittelfristig verlässlich zum Ziel von 2 Prozent zurückkehrt. Genau daraus leitet sie ab, dass eine weitere Straffung erforderlich werde. Für die Märkte ist das weniger eine abstrakte Einschätzung als ein klarer Hinweis auf die Richtung der nächsten Schritte bis zur kommenden EZB-Sitzung am 10. September.

Technisch betrachtet zielt die Aussage auf den Mechanismus zwischen Zinsniveau und Inflationsdynamik: Wenn Unternehmen und Haushalte ihre Preis- und Lohnentscheidungen nicht nur kurzfristig, sondern über mehrere Runden hinweg anpassen, entstehen so genannte Zweitrundeneffekte. Schnabel verbindet das mit einem konkreten Transmissionskanal über Energiepreise. Steigende Energiekosten können die Produktion verteuern, wodurch sich Preiserhöhungen in anderen Gütergruppen fortsetzen. Die Logik ist dabei nicht neu, aber die wirtschaftliche Gemengelage macht sie politisch und kommunikationstechnisch heikel: Eine zu späte Straffung könnte später eine noch stärkere Zinsanhebung verlangen, weil sich dann die Erwartungs- und Preisbildungsprozesse bereits weiter verfestigt hätten.

Der Verweis auf Energie knüpft an die jüngste Entwicklung im Euroraum an. Nach den Angaben im Interview ist die Inflation im Zusammenhang mit erhöhten Energiekosten infolge des Iran-Kriegs über das EZB-Ziel gestiegen: Im Juli lag die Teuerung bei 2,9 Prozent. Gerade in einer Phase, in der der Inflationsdruck also nicht rein geldpolitisch erklärbar ist, wird die Geldpolitik zur Reaktion auf Angebots- und Kostenimpulse herausgefordert. Hinzu kommt laut Schnabel ein weiterer Risikofaktor über den Gasmarkt: Bei den Kosten für Erdgas sieht sie erhebliche Aufwärtsrisiken für die Inflation. Damit rückt weniger die absolute Inflationsrate als die Frage in den Vordergrund, wie stark Kostenimpulse in die Gesamtinflation hineinwirken und wie wahrscheinlich Folgeanpassungen werden.

Am Gasmarkt macht Schnabel auch den Lager- und Versorgungskontext fest. Die Entwicklungen seien angesichts der niedrigen Speicherstände in Europa besonders besorgniserregend. Wenn Speicherfüllstände niedrig sind, reagiert der Markt typischerweise sensibler auf jede Unsicherheit in der Lieferlage, etwa weil sich kurzfristig benötigte Mengen nicht beliebig aus Puffern ersetzen lassen. Dass der Preis für europäisches Erdgas in den vergangenen Wochen stark gestiegen ist, hängt im Beitrag auch mit zunehmenden Sorgen zusammen, dass eine Normalisierung der Lieferungen aus den Fördergebieten am Persischen Golf vorerst nicht möglich ist. Für die Geldpolitik bedeutet das: Selbst wenn sich einzelne Energiekomponenten später abkühlen, kann die Preisbildung im Binnenmarkt so lange Nachlaufimpulse liefern, bis sie durch eine konsequent restriktive Haltung „durchbrochen“ wird.

Für die unmittelbare geldpolitische Orientierung liefert der Text zudem die Ausgangslage. Die EZB hatte die Leitzinsen zuletzt im Juni um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Der am Markt beachtete Einlagenzins liegt aktuell bei 2,25 Prozent. In der Praxis entspricht das einer Situation, in der die EZB bereits restriktiv vorgegangen ist, die weitere Wirkung aber offenbar nicht als ausreichend eingeschätzt wird, um die mittelfristigen Erwartungen zu stabilisieren. Die nächste Zinssitzung am 10. September ist damit der logische nächste Prüfstein: An ihr muss die EZB nicht nur die Inflationsdaten, sondern auch die Kostenpfade bei Energie und deren potenziellen Durchgriff auf Löhne und Dienstleistungspreise abgleichen.

Auch für Unternehmen ist die Aussage konkret, weil Zinssignale und Energiepreise gemeinsam wirken. Höhere Zinsen treffen vor allem die Finanzierungskonditionen, während steigende Energiekosten direkt auf die Margen drücken. Wenn beide Effekte parallel auftreten, verschiebt sich die Preissetzungslage häufig schneller als in Szenarien, die nur einen Faktor isoliert betrachten. Für industrielle Hersteller heißt das: Selbst bei unveränderter Nachfrage können Kostenstrukturen unter Druck geraten, was die Wahrscheinlichkeit von Preisanpassungen erhöht. Im Dienstleistungssektor wiederum hängt viel davon ab, ob die Unternehmen Lohnerhöhungen und Preisstaffeln an die Kostenlage koppeln. Genau an diesem Punkt wird die Kommunikation der EZB-Direktorin relevant: Sie sendet das Signal, dass die Zentralbank das Risiko einer länger anhaltenden Inflationsdynamik nicht nur für möglich hält, sondern aktiv verhindern will.

Historisch ist die Diskussion um Zweitrundeneffekte ein wiederkehrendes Muster in Phasen, in denen Energie- oder Lieferkettenstörungen die Inflationsentwicklung anheizen. In früheren Zinszyklen hat sich gezeigt, dass die Geldpolitik besonders dann unter Druck gerät, wenn Kostenimpulse gleichzeitig die gesamtwirtschaftlichen Erwartungen beeinflussen. Schnabels Kernaussage lässt sich daher auch als Argument für „früheres Handeln“ lesen: nicht wegen kurzfristiger Schwankungen, sondern weil sich die Kettenreaktion in Preis- und Lohnverhandlungen schwerer zurückdrehen lässt, sobald sie etabliert ist. Ob der nächste Schritt tatsächlich „weiterer“ Zinserhöhungsbedarf bleibt, hängt am 10. September und danach an der Datenlage bei Energie, bei den Gaspreisen sowie bei Indikatoren, die Preis- und Lohnspiralen früh sichtbar machen.


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