LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft am Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) droht im Gesundheitshandwerk ein massiver Personalengpass. Bis 2025 könnten im Durchschnitt 4.389 von 7.267 offenen Stellen unbesetzt bleiben, besonders in Augenoptik und Hörakustik. Gleichzeitig zeigt sich, dass weniger Gesellen nachrücken dürften, weil Meisterpositionen ohne ausreichenden Nachwuchs schwerer besetzbar sind. Für die Gesundheitsversorgung bedeutet das: längere Wartezeiten und eingeschränkte Versorgungsmöglichkeiten werden wahrscheinlicher.

Im Gesundheitshandwerk trifft der Fachkräfterückstand eine Branche, die im Alltag unmittelbar sichtbar ist: Wer eine Brille braucht oder ein Hörgerät anpassen lassen möchte, ist auf kurze Wege und schnelle Termine angewiesen. Genau hier warnt eine Untersuchung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft vor einem Engpass, der sich bis 2025 zuspitzen könnte. Die Zahlen sind dabei nicht nur statistisch, sondern potenziell versorgungsrelevant: Demnach könnten im Durchschnitt 4.389 von insgesamt 7.267 offenen Stellen unbesetzt bleiben. Besonders stark konzentriert sich der Mangel auf Augenoptik und Hörakustik, wo die Rekrutierungsprobleme laut Auswertung deutlich ausgeprägter sind als in anderen Bereichen des Gesundheitshandwerks.
Betrachtet man die Struktur der offenen Stellen genauer, zeigt sich ein Muster, das für Betriebe planungsentscheidend ist. Gesellinnen und Gesellen werden demnach besonders gesucht, zugleich bleiben über 1.300 Stellen unbesetzt, was mehr als 80 Prozent ausmacht. Noch kritischer wird es allerdings bei Meisterpositionen: Diese sind offenbar deutlich schwerer zu besetzen, während die Meisterebene ohnehin für den Betrieb essenziell ist. In der Praxis entsteht damit ein doppelter Hebel-Effekt: Einerseits fehlen kurzfristig die Fachkräfte für die tägliche Leistungserbringung, andererseits verlangsamt sich der Nachwuchs- und Aufbaupfad für Betriebe, die langfristig ausbilden oder eigenständig führen.
Der Hintergrund ist vor allem demografisch. In der Studie betont Lydia Malin, dass der demografische Wandel und die steigende Zahl älterer Menschen den Bedarf an Hilfsmitteln kontinuierlich erhöhen. Für die Betroffenen äußert sich das nicht abstrakt, sondern konkret: längere Wartezeiten, eingeschränkte Versorgungsmöglichkeiten und zusätzliche Wege, insbesondere in ländlichen Regionen. Dieser Zusammenhang ist in gewisser Weise eine Fortsetzung eines bekannten Trends aus vielen Gesundheitsberufen, der jedoch im Gesundheitshandwerk besonders sichtbar wird, weil Terminlogik und Kundenkontakt eng an spezialisierte Fachqualifikationen gekoppelt sind. Wenn die Nachfrage wächst und gleichzeitig weniger Personal verfügbar ist, verschiebt sich die Kapazitätsgrenze; dann reicht es für die Branche nicht mehr, kurzfristig „irgendwie“ zu reagieren.
Damit rückt auch die Meisterpflicht als Rahmenbedingung in den Fokus. Im Gesundheitshandwerk gilt: Nur Meisterbetriebe dürfen Ausbildungsstrukturen aufbauen, Betriebe gründen und führen. Fehlen aber Gesellen in ausreichender Zahl, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass genügend Personen den Weg in die Meisterqualifikation einschlagen oder dort ankommen. Das wirkt wie ein Engpassverstärker über mehrere Jahre hinweg: Selbst wenn heute neue Rekrutierung gelingt, können die betrieblichen Konsequenzen zeitverzögert auftreten, weil die Pipeline zu Führung und Ausbildung strukturell dünner wird. Für die Innovations- und Wachstumsperspektive ist das relevant, denn Betriebe brauchen Personal nicht nur für Umsätze, sondern auch für Qualitätsentwicklung, Prozessoptimierung und die Fähigkeit, neue Versorgungs- und Beratungskonzepte umzusetzen.
Weitere Hürden entstehen an der Schnittstelle zu ausländischen Fachkräften. Laut Malin ist die Rückkehr auf „aus dem Ausland“ nicht beliebig skalierbar, weil im Kundenkontakt komplexe technische Informationen verständlich vermittelt werden müssen. Gute Sprachkenntnisse werden damit zur fachlichen Voraussetzung, nicht nur zur formalen Eintrittsbedingung. Dazu kommt eine Bildungs- und Nachfrage-Diskrepanz: In den betroffenen Berufen werden offenbar mehr Ausbildungsplätze angeboten als tatsächlich nachgefragt. Das ist ein Hinweis darauf, dass es nicht allein um „zu wenig Ausbildungsplätze“ geht, sondern um eine unzureichende Passung zwischen Angebot, Erwartungen und wahrgenommener Attraktivität der Berufe.
Um den Fachkräftemangel zu adressieren, fordert Malin deshalb eine stärkere Sichtbarkeit der Berufe im Gesundheitshandwerk. Die Argumentation zielt auf gesellschaftliche Anerkennung, vergleichbar mit dem, was in den öffentlichen Debatten oft unter dem Label „Klimaberufe“ diskutiert wird. Für Unternehmen bedeutet das: Arbeitgebermarke und Rekrutierungsstrategie müssen sichtbarer, konkreter und stärker auf Zielgruppen zugeschnitten werden. Auch auf politisch-regulatorischer Ebene kann das unterstützen, etwa indem Berufsbilder aktualisiert kommuniziert werden und Übergänge zwischen Ausbildung, Weiterbildung und Meisterqualifikation nachvollziehbar bleiben. Neben der kurzfristigen Besetzung von Stellen geht es langfristig darum, die Versorgungsqualität zu sichern, denn wenn Termine ausdünnen und Beratungstiefen sinken, entstehen Folgekosten in Form von späteren Versorgungsbedarfen oder ineffizienter Nutzung vorhandener Kapazitäten.
Für die Markt- und Branchenwirkung ist entscheidend, dass die Engpässe nicht auf eine einzelne Berufsgruppe beschränkt bleiben. Sobald in Augenoptik und Hörakustik Terminfenster enger werden, können angrenzende Leistungen im Versorgungssystem indirekt stärker unter Druck geraten. Zugleich zeigt die Meisterpflicht, dass der Mangel nicht nur das Tagesgeschäft betrifft, sondern auch die Fähigkeit der Branche, Ausbildung zu tragen und Innovation im Betrieb zu treiben. Wer jetzt plant, braucht daher ein Bündel aus Maßnahmen: bessere Rekrutierung, wirksamere Sprach- und Integrationspfade, attraktivere Ausbildungsanreize und eine nachhaltige Entwicklung der Meisternachwuchs-Pipeline. Andernfalls verschärft sich der Zielkonflikt zwischen wachsenden Bedarfen im Alter und begrenzten Fachkräfte-Ressourcen weiter – mit direkten Auswirkungen auf Menschen, die auf Hilfsmittel und verlässliche Beratung angewiesen sind.
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