SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Family Offices erhöhen derzeit deutlich ihre KI-Quote und fokussieren dafür immer stärker den Sekundärmarkt. Laut Djoann Fal fließt das Kapital zunehmend in einzelne KI-Titel, weil die erwarteten Renditechancen gegenüber klassischen Zeitplänen schneller wirken. Statt lange über Venture-Capital-Fonds zu investieren, kaufen viele Familien direkt bestehende Anteile oder verhandeln Deals eigenständig. Parallel zeigt sich: Die Nachfrage nach Beteiligungen an besonders begehrten KI-Unternehmen erreicht sogar Berater ohne KI-Mandat.

Die Logik, mit der viele Family Offices aktuell KI-Investitionen bewerten, wirkt auf den ersten Blick erstaunlich simpel: Je kürzer der Weg zu einer potenziell überdurchschnittlichen Vermehrung des Kapitals, desto höher die Priorität. Djoann Fal, Family-Office-Berater und Investor auf der Plattform Atlas Capital, beschreibt den Entscheidungsmechanismus so: „Wenn sie ein Geschäft haben, das die Chance hat, ihnen 3x in drei Jahren zu machen, und ein anderes Geschäft, das ihnen 3x in einem Quartal machen könnte, dann investieren sie in das KI-Geschäft, das 3x in drei Monaten macht.“ In einem Markt, in dem Erwartungen an KI-Teams, Modell-Ökosysteme und Monetarisierung häufig schneller wechseln als klassische Investmentthesen, verändert genau diese Zeitdimension die Kapitalallokation.
Damit verschiebt sich auch die Investmentarchitektur: Viele Family Offices wollen nicht mehr zwingend den klassischen Weg gehen, bei dem ein Venture-Capital-Manager die Investments über einen Fonds orchestriert. Stattdessen kaufen sie laut Fal zunehmend bestehende Anteile in privaten Unternehmen von früheren Gesellschaftern oder schließen direkte Deals. Der praktische Effekt ist zweigeteilt. Erstens erhalten sie Zugang zu den „heißesten“ Unternehmen, ohne ihr Kapital für ein Jahrzehnt an einen Fondsablauf zu binden. Zweitens können sie die Kontrolle über den Prozess stärker bei sich halten. In diesem Zusammenhang spielt auch das Thema „Blind-Pool“-Commitments eine Rolle: Fal nennt Family Offices, die häufiger auf solche Verpflichtungen verzichten, bei denen Investoren Geld geben, ohne im Vorhinein genau zu wissen, welche Firmen am Ende finanziert werden.
Der Hintergrund für die Verschiebung hin zu mehr KI-Engagement ist nicht nur das Momentum der Branche, sondern auch die schiere Kapitalbasis. Deloitte beziffert das von Family Offices verwaltete Vermögen für 2024 auf 5,5 Billionen US-Dollar und erwartet mindestens 9,5 Billionen US-Dollar bis 2030. UBS liefert parallel ein Bild der realen Portfoliostruktur: In deren 2026 Global Family Office Report wurden 307 Family Offices weltweit befragt, das durchschnittliche Nettovermögen lag bei 2,7 Milliarden US-Dollar. Darin machen alternative Anlagen – inklusive Private Equity, Venture Capital und Private Credit – im Schnitt 42% des Family-Office-Portfolios aus. Entscheidend für die Lesart ist jedoch, dass es sich nicht zwingend um eine dauerhafte Trendkurve handeln muss. Historisch gab es bereits Phasen, in denen direkte Investments an Tempo gewannen, etwa Ende der 2010er Jahre, dann wieder stark beschleunigten, bevor Zinsanstiege und ernüchternde Renditen einzelne Bet-Strategien ausbremsten.
Genau dieses Auf und Ab macht deutlich, warum die Wahl des Marktplatzes so wichtig wird. UBS zufolge stieg der Anteil direkter Deals im Durchschnitt zeitweise stark an: In der eigenen Nachverfolgung wurde für 2019 ein Wert von 9% genannt, der 2021 auf 13% kletterte. Auch bei der Gesamtzahl der Deals erreichte die Aktivität laut PwC im Jahr 2021 ihren Höhepunkt: 17.460 Deals mit einem Volumen von rund 1,05 Billionen US-Dollar weltweit. Später drehte sich das Bild abrupt. Wie PwC berichtet, sank die direkte- und M&A-Aktivität innerhalb von 18 Monaten bis Ende 2023 um 53%. Von dort aus fällt der Gesamt-Deal-Volume-Wert in der ersten Hälfte 2025 laut dem Text auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt. Der jetzige „Rebound“ läuft damit in einem Umfeld, das viele Investoren als überhitzt interpretieren – und in dem sie trotzdem wieder größere Summen in weniger Abschlüsse lenken.
Aus Sicht vieler Family Offices liegt der Schlüssel in der Sekundärmarktlogik. Fal ordnet ihn als besonders „de-risked“ im Venture-Umfeld ein, weil Kapitalgeber häufig nicht bei Null ansetzen, sondern Unternehmen unterstützen, die bereits Kundenbezug und Umsatzerfahrung vorweisen. Das ist technisch und wirtschaftlich relevant: Ein Teil der anfänglichen Unsicherheit in frühen Finanzierungsrunden – etwa die Frage, ob ein Produkt überhaupt nachgefragt wird – ist zumindest teilweise reduziert. Angelina Hu, Leiterin Investor Relations bei Bridge Funding Global, fasst den Vorteil in einem Satz zusammen: Der Sekundärmarkt ermöglicht Family Offices, Zugang zu einer privaten Firma zu erhalten, ohne gleich über 20 bis 30 Unternehmen gleichzeitig Positionen aufzubauen. Bruce K. Lee, Gründer von Keebeck Wealth Management, beschreibt die Grundhaltung als abgewogene Risikoakzeptanz: „Family offices sehen das Risiko, aber sie wollen die Gelegenheit nicht verpassen.“
In der Praxis übersetzt sich diese Haltung in konkrete Deal-Nachfrage und Preissensibilität. Fal sagt, er habe „noch nie“ so viel Kapital aufgenommen wie aktuell, vollständig zweckgebunden für „AI things“. Gleichzeitig berichten Familien-Office-nahe Investoren, dass es für Nicht-KI-Mandate schwerer sei, Kapital einzusammeln. Preislich nennt Fal, dass Family Offices bereit seien, „primary-style prices“ für „secondary-stage risk“ zu zahlen – also auch dort Entry-Kurse zu akzeptieren, wo das Risikoobjekt zwar fortgeschrittener ist, der Preis aber nicht automatisch nachgibt. Er liefert ein Beispiel aus seinem Kundenstamm mit stärkerem Fokus auf klimabezogene Investments: Im Sommer habe es Anfragen gegeben, zwischen 50 Millionen und 100 Millionen US-Dollar in Anthropic über den Sekundärmarkt zu investieren. Auch Beteiligungen an OpenAI seien laut dem Text zu den am stärksten umkämpften Positionen im Venture-Bereich gezählt worden; die Nachfrage komme dabei zunehmend selbst dann, wenn die Berater kein KI-eigenes Mandat hätten.
Dass die Strategie nicht isoliert betrachtet wird, zeigt auch eine Einordnung aus dem Private-Banking-Umfeld: Laut einem Bericht der J.P. Morgan Private Bank planen 65% der globalen Family Offices, KI-Investitionen zu priorisieren – obwohl es Bedenken zu aufgeblähten Bewertungen und Preisen gibt. In dem genannten Makro-Kontext spielen laut dem Text geopolitische Spannungen, steigende globale Verschuldung, Rezessionsrisiken und allgemeine Marktunsicherheit eine Rolle. UBS Global Wealth Management bringt die Gegenposition auf den Punkt: KI gilt als eine der stärksten langfristigen Wachstumschancen. Der daraus abgeleitete Ansatz lautet nicht „Wachstum gegen Stabilität“, sondern KI-Exponierung aufrechterhalten und gleichzeitig Diversifikation über Regionen, Währungen und Assetklassen betreiben, um Klumpen- und Makro-Risiken abzufedern. Genau an diesem Punkt bleibt die Kernfrage offen: Reicht die Diversifikation aus, falls der KI-Hype tatsächlich in eine Blase mündet. Lee bringt die psychologische Seite auf den Punkt: „Jeder weiß, dass, wenn es untergeht, es Probleme für den Aktienmarkt geben wird.“ Er beschreibt dabei zwei Investorentypen – diejenigen, die KI vor allem als Blase sehen, aber ohne Positionen am Markt bleiben, und jene, die unsicher sind, faktisch jedoch „all-in“ gehen. Am Ende bleibt es für viele Family Offices eine Zins-, Bewertungs- und Erwartungsfrage zugleich: Sie sind „abhängig von Renditen“, wie Lee es nennt – „Das ist der Zucker.“
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