WALDDORFHÄSLACH / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ehrenamtliche Materialwart Markus Straub hat mit „Resqio“ eine Feuerwehr-Software gebaut, die auf Laptops und Handys läuft. Sie bündelt in einer App-ähnlichen Oberfläche Mannschaftsverwaltung, Einsatz-Informationen und Materialplanung. Bei eingehenden Notrufen zeigt das System relevante Punkte in der Umgebung und erstellt danach per eingebauter KI automatisch einen rechtssicheren Einsatzbericht. Seit Anfang 2026 ist die Lösung im Einsatz – und sorgt zugleich für eine Grundsatzdebatte über den digitalen Rückstand der Verwaltung.

Wer in einer Freiwilligen Feuerwehr Materialwart ist, kennt den Mix aus Papier, Listen und kurzfristigen Rückfragen: Welche Prüfplaketten laufen wann ab, welche Fähigkeiten hat das Team wirklich, und wie schnell ist ein aktueller Überblick bei einem Einsatz vor Ort verfügbar? Genau an dieser Stelle setzt Markus Straub an. Der Entwickler aus Walddorfhäslach (Kreis Reutlingen) wollte weg von Excel-Tabellen und Papierstapeln, weil er im Ehrenamt immer wieder Zeit verlor, die eigentlich in Vorbereitung und Einsatz gehört. Seine Idee: Eine Software, die nicht nur auf einem einzelnen Laptop funktioniert, sondern auf den Geräten der Kameraden nutzbar ist – auf Laptops der Feuerwehr ebenso wie auf Handys im Team.
Im Einsatzwagen öffnet Straub eine Schublade, die sinnbildlich für die alte Arbeitsweise steht: Darin hängen Hängekarten, auf Papier gedruckt und bei bestimmten Anforderungen aufzufalten. Besonders deutlich wird das beim Wasserplan der Gemeinde Walddorfhäslach, der Ende der 90er Jahre erstellt wurde. Für Einsätze war das früher eine Riesenkarte, die der Gruppenführer ausbreiten musste; heute, so die Argumentation hinter „Resqio“, soll dieser Wissensstand im digitalen System abrufbar sein. Wichtig ist dabei weniger die Tatsache, dass Hydranten grundsätzlich bekannt sind, sondern die fehlende Perfektion in Randlagen: Aussiedlerhöfe, besondere Ortsbereiche oder Situationen, in denen das Fahrzeug gerade nicht am richtigen Ort ist, verlangen nach Informationen, die schnell, aktuell und unabhängig von „vor Ort verfügbar“ bereitstehen.
Seit Anfang 2026 läuft „Resqio“ laut der Darstellung im Einsatz. Die Oberfläche ist bewusst app-ähnlich gestaltet und deckt drei große Bereiche ab, die in Feuerwehren häufig getrennt bearbeitet werden: die Mannschaftsverwaltung, den Einsatz und das Material. In der Mannschaftsverwaltung erfasst die Software über das Team hinweg Fähigkeiten, Ausbildungen und anstehende Auffrischungen. Dazu gehören absolvierte Lehrgänge, Kenntnisse, die demnächst wieder aufgefrischt werden müssen, sowie bestandene Prüfungen. Auch zentrale Nachweise wie vorhandene Führerscheine werden als Teil des digitalen Profils geführt, sodass eine Auskunft nicht erst durch manuelles Nachschlagen entsteht.
Beim Thema Einsatz geht „Resqio“ einen Schritt weiter: Wenn ein Notruf reinkommt, zeigt das System dem Team auf einem Monitor relevante Punkte in der Umgebung, etwa Hydranten oder Gebäude mit Gefahrstoffen. Das schafft eine Brücke zwischen geplanter Vorbereitung und realer Einsatzlage. Nach dem Einsatz soll außerdem eine rechtssichere Dokumentation automatisiert entstehen: Die Software schreibt mithilfe einer eingebauten KI den Einsatzbericht. Dabei ist der Anspruch nicht nur schneller zu sein, sondern die Berichtserstellung so zu gestalten, dass sie für den späteren Nachweis im Alltag der Feuerwehr brauchbar ist. Straub beschreibt zudem den Effekt auf die Arbeitslast im Materialwesen: Ihm nimmt die Lösung rund 60 Prozent der Tätigkeiten ab, und bei Abrechnungs- und Verwaltungsaufgaben seien durch KI-gestützte Automatisierung einzelner Schritte bereits mehrere Stunden pro Vorgang entlastet worden.
Dass es sich dabei nicht nur um „eine weitere App“ handelt, sondern um eine Debatte über digitale Grundversorgung, wird in der Einordnung besonders deutlich. Ein Professor für digitale Verwaltung an einer Hochschule in Ludwigsburg stellt den Ansatz in einen größeren Kontext und kritisiert, solche Initiativen seien zwar sinnvoll, zugleich aber ein Symptom für Versäumnisse der öffentlichen Digitalisierung. Seine Metapher zielt auf Verantwortlichkeiten: Wenn Behörden für Aufgaben, die eigentlich systematisch bereitgestellt werden sollten, auf private Umwege angewiesen sind, fehlt es an politischem Umsetzungswillen. Er nennt außerdem einen Rückstand Baden-Württembergs im europäischen Vergleich und führt das auf fehlenden politischen Fokus zurück – nicht auf fehlendes Geld oder fehlendes Know-how. Diese Perspektive trifft sich mit der Position einer Digitalverantwortlichen des Landes, die im föderalen Zuschnitt sowohl Chancen als auch Hürden sieht und betont, man wolle anhand von vereinbarten Standards schneller vorankommen.
Richtig spannend wird die nächste Frage aber dort, wo aus Softwareverbreitung Umsetzung wird: Wie bekommen andere Wehren „Resqio“ so in den Alltag, dass es nicht nur Demo, sondern produktive Hilfe ist? Straub sagt, er stehe bereits mit mehr als 20 Wehren in Kontakt und bekommt fast täglich Anfragen. Sein Ziel ist, interessierte Feuerwehren das System „in wenigen Minuten“ so zu erklären, dass sie es selbst übernehmen und an ihre Strukturen anpassen können. Wichtig ist dabei auch die Kostenlogik: Das ehrenamtliche Engagement ist kostenlos, der Preis für den Einsatz bei anderen Wehren soll aber nicht zum Hindernis werden. Genau hier entscheidet sich, ob der Ansatz in der Fläche skalieren kann – denn Feuerwehrprozesse sind zwar überall ähnlich, aber im Detail durch Ortskenntnis, Abläufe und Materialbestand spürbar verschieden. „Resqio“ adressiert diese Realität, indem es nicht nur Dokumente digitalisiert, sondern die Arbeitsschritte rund um Personal, Einsatz und Material miteinander verzahnt.
Für Entscheider in Kommunen und Leitstellen steckt in der Meldung auch eine technologische Leitplanke: Der Mix aus Gerät-übergreifendem Zugriff (Laptop und Handy), strukturierter Datenerfassung und einer KI-gestützten Nachbearbeitung zeigt, wie sich Arbeitsabläufe in der öffentlichen Praxis modernisieren lassen, ohne dass alles „von heute auf morgen“ neu erfunden werden muss. Gleichzeitig bleibt der Ball bei der Verbreitung: Eine Lösung ist nur so gut wie ihre Anpassbarkeit, ihre Nutzerfreundlichkeit und die Stabilität im realen Betrieb. Wenn sich „Resqio“ als Blaupause etabliert, könnte das Modell Schule machen – weniger als zentraler Einheitsbau, sondern als wiederverwendbarer Baustein, den Feuerwehren in ihrer lokalen Ausprägung nutzen.
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