ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Die FINMA hat mit der Aufsichtsmitteilung 04/2026 ihre Erwartungen an Banken und Finanzinstitute zur Geldwäschereibekämpfung konkretisiert. Im Mittelpunkt stehen künftig explizite Risikoausschlüsse in der Risikoanalyse, eine restriktive Behandlung von Ausnahmen und eine klarere Trennung zwischen Geldwäscherei- und allgemeinem Compliance-Risiko. Zusätzlich fordert die Aufsicht messbare Schlüsselrisikoindikatoren und eine systematische Ableitung des Nettorisikos. Parallel unterstreichen Enforcement-Details rund um Leonteq sowie eine Voruntersuchung zu Marktmanipulation, dass die Kontrollintensität weiter zunimmt.

Die FINMA treibt die Umsetzung ihrer Geldwäschereibekämpfung spürbar in die Tiefe: Mit der Aufsichtsmitteilung 04/2026 konkretisiert sie Erwartungen an Banken und Finanzinstitute, nachdem bei Prüfungen Mängel in der bisherigen Praxis festgestellt wurden. Besonders relevant ist dabei, dass die Aufsicht nicht nur formale Prozesse verlangt, sondern eine belastbare Logik hinter der Risikoanalyse sehen will. Für viele Häuser bedeutet das: Risikoarbeit wird von einem dokumentationsgetriebenen Pflichtprogramm zu einem Steuerungsinstrument, das in Governance, Kontrollen und Eskalationswegen messbar verankert ist.
Technisch betrachtet setzt die Mitteilung an mehreren Punkten an, die in der täglichen AML-Umsetzung häufig unterschiedlich reif sind. Ein Kernpunkt lautet, dass Institute künftig explizite Risikoausschlüsse definieren müssen und Ausnahmen restriktiv zu handhaben sind. Gleichzeitig muss der Verwaltungsrat zwingend informiert werden, was den Kontrollcharakter betont: Risikoentscheidungen sind nicht „lokal“ in der Compliance-Funktion, sondern Teil der Unternehmenssteuerung. Zudem verlangt die FINMA eine klare Trennung zwischen Geldwäscherei-Risiken und allgemeinen Compliance-Risiken, damit sich Verantwortlichkeiten und Kennzahlen sauber zuordnen lassen.
Damit steigt auch der Anspruch an das Risikomessmodell. Die FINMA macht Schlüsselrisikoindikatoren (Key Risk Indicators) zur Pflicht, um inhärente Risiken zu quantifizieren. Zentral ist dabei die systematische Herleitung des Nettorisikos, also der Übergang von „Risiko an sich“ über die Wirksamkeit von Kontrollen hin zum verbleibenden Restrisiko. Praktisch heißt das: Teams müssen ihre Modellannahmen, Gewichtungen und Wirksamkeitslogiken so dokumentieren, dass sie nachvollziehbar auditiert werden können. Im Unterschied zu vielen früheren Ansätzen, die eher „checklistenartig“ arbeiteten, verlangt die Aufsicht eine konsistente Differenzierung zwischen inhärentem Risiko, Kontrollwirksamkeit und Restrisiko.
Am Markt wird die Mitteilung als Reaktion auf Prüfungsergebnisse eingeordnet, bei denen es laut Branchenbeobachtern häufig an konkreter Risikotoleranz oder an einer systematischen Erfassung erhöhter Risiken fehlte. Besonders im Fokus stehen komplexe Strukturen, politisch exponierte Personen und Geschäfte mit Kryptowerten. Diese Konstellationen sind in der Praxis anspruchsvoll, weil sie häufig mehrere Datenquellen, heterogene KYC-/Sanktionsprüfungen und eine differenzierte Beurteilung erfordern. Wie eine Einschätzung von Grant Thornton betont, entscheidet oft die Qualität der Risikotoleranzdefinition darüber, ob Eskalationen rechtzeitig und konsistent erfolgen.
Die Entwicklung wirkt zudem wie ein Signal in zwei Richtungen. Zum einen veröffentlichte die Aufsicht parallel eine Guidance 03/2026 zu Risiken komplexer und illiquider Produkte; die Zahl der Eskalationsfälle ist dabei von 34 im Jahr 2024 auf 68 im Jahr 2025 gestiegen. Zum anderen zeigt der Fall Leonteq, dass die FINMA Enforcement nicht nur ankündigt, sondern konkrete Auflagen durchsetzt. Leonteq bestätigte am 18. Juni, dass alle Auflagen aus einem Enforcement-Verfahren vom Dezember 2024 erfüllt wurden. Damals ging es unter anderem um Verstöße beim Risikomanagement im Auslandsvertrieb; die FINMA zog zudem rund 9,3 Millionen Franken Gewinne ein. Für den Markt ist das ein Benchmark: Compliance-Rollen neu zu besetzen, Zusammenarbeit mit unregulierten Finanzintermediären zu beenden und die Umsetzung durch einen Prüfbeauftragten eng zu kontrollieren, wird offensichtlich als „best practice“ im Sinne regulatorischer Erwartungshaltung verstanden.
Im Unternehmensalltag ist die wichtigste strategische Konsequenz, dass Geldwäscherei-Compliance stärker als integriertes Risikomanagement gedacht werden muss. Im Vergleich zu rein regelbasierten Prüfketten gewinnt ein Ansatz, der stärker auf Modellierung und messbare Wirksamkeit setzt, an Bedeutung: Welche Kontrollen reduzieren welches inhärente Risiko tatsächlich, und wie verändert sich daraus das Nettorisiko? Genau hier können auch marktübliche technische Werkzeuge relevant sein, etwa Plattformen für Transaktionsmonitoring oder Chainalysis-ähnliche Analytics im Krypto-Kontext, die jedoch nur dann hilfreich sind, wenn die Risikotoleranz und die Eskalationslogik sauber auf die regulatorischen Vorgaben gemappt werden. Sonst entstehen „Black-Box“-Diskrepanzen zwischen Systemausgaben und der vom Verwaltungsrat erwarteten Nachvollziehbarkeit.
Auch der Regulierungsdruck bleibt nicht auf AML allein beschränkt. Am 19. Juni leitete die FINMA zudem eine Voruntersuchung gegen Haute Capital Partners SA wegen eines Verdachts auf Marktmanipulation ein, inklusive Prüfung der Organisationsstruktur und des Handels mit eigenen Aktien. Der Blick auf den Aktienkurs, der von 160 Franken auf rund 60 Franken fiel, sowie Zweifel an der Fortführung des Geschäfts zeigen, dass die Aufsicht wirtschaftliche Substanz, Governance und Marktintegrität zusammen betrachtet. Für Finanzinstitute bedeutet das: Risiken sind nicht in Silos abgrenzbar. Eine robuste Kontrollarchitektur sollte sowohl Markt- als auch Geldwäscherei-Komponenten unterstützen, damit die Reaktionsfähigkeit im Audit- oder Enforcement-Fall steigt.
Für die nächsten Monate ist daher eine klare Roadmap entscheidend. Institute sollten als Erstes ihre Risikoanalyse so umbauen, dass Risikoausschlüsse, Ausnahmen und deren Genehmigungs- bzw. Eskalationswege eindeutig sind und sich in einem Governance-Modell abbilden lassen. Danach kommt die Operationalisierung der Trennung zwischen Geldwäscherei- und allgemeinem Compliance-Risiko, inklusive sauberer KPI-Definitionen und einer nachvollziehbaren Ableitung des Nettorisikos. Abschließend sollten die Prozesse für Krypto- und komplexe Strukturen besonders überprüft werden, weil hier typischerweise Datenqualität, Produktlogik und Fallklassifizierung am stärksten variieren. Wenn dieser Umbau gelingt, reduziert sich nicht nur Enforcement-Risiko, sondern auch der Aufwand für nachgelagerte Korrekturen.
Ein weiterer Ausblick betrifft die Prüfungsintensität insgesamt: Wenn Eskalationsfälle steigen und Auflagen wie bei Leonteq zeitnah geschlossen werden, entsteht ein Lern- und Standardisierungseffekt im Markt. Langfristig könnten sich Muster durchsetzen, bei denen Risikotoleranz, Schlüsselrisikoindikatoren und Kontrollwirksamkeit stärker automatisiert, aber weiterhin mit menschlicher fachlicher Validierung verbunden werden. Für Entwicklerinnen und Betriebsverantwortliche in den Instituten heißt das, Datenmodelle und Audit-Trails so zu gestalten, dass regulatorische Begriffe direkt in technische Artefakte übersetzt werden können. Wer heute schon die Brücke zwischen Fachlogik und Systemkonfiguration schlägt, ist für künftige Leitfäden und Enforcement-Folgen deutlich besser gerüstet.
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