LONDON (IT BOLTWISE) – Startups passen ihre Vergütungsmodelle für Aktien deutlich an: längere Vesting-Fristen geraten unter Druck, weil Mitarbeitende zunehmend nur rund zweieinhalb Jahre bleiben. Gleichzeitig gewinnen Secondary Share Sales an Bedeutung, weil IPOs und M&A langsamer ausfallen und Beschäftigte schneller Liquidität brauchen. In der Finanzbranche zeigen Beispiele wie Revolut und Stripe, wie stark sich Bewertungen durch Sekundärtransaktionen verschieben können. Für Mitarbeitende bleibt aber häufig ein Abschlag von etwa 30 bis 50 Prozent gegenüber dem „headline“-Wert bestehen.

Fintech-Aktienvergütung: Warum Secondary Shares und Kürzere Vestings boomen
Fintech-Aktienvergütung: Warum Secondary Shares und Kürzere Vestings boomen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in einer frühen Phase zu einem Startup wechselt, verbindet damit meist nicht nur Hoffnung auf Wachstum, sondern auch eine konkrete Aussicht auf künftige Liquidität über Equity Pay. Genau dieser Mechanismus steht jedoch unter neuem Vorzeichen: Laut Aussagen von Branchenvertretern auf dem Sifted Summit verändert sich die Balance zwischen Chance und Risiko, weil die Marktbedingungen für Private Deals anders laufen als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig steigen die Gehalts- und Bewertungsfantasien in Teilen des Tech-Ökosystems, etwa durch stark beachtete KI-nahe Unternehmen und durch quant-orientierte Firmen, die sehr früh hohe Vergütungspakete anbieten. In der Folge wirkt die klassische Startup-Story für viele Kandidaten zunehmend weniger eindeutig – und die Details der Aktienkompensation rücken stärker in den Fokus.

Ein zentraler Hebel sind die Vesting-Modelle. Michelle Coventry, VP of Talent beim VC-Fonds Creandum, beschreibt, dass traditionelle Vier-Jahres-Vesting-Perioden für bestimmte Rollen nicht mehr gut zu den geänderten Lebenszyklen passen. Die Begründung ist nüchtern: Wenn Top-Go-to-Market-Profis im Schnitt nur etwa 24 bis 26 Monate bei Startups bleiben, verlieren lange Sperrfristen an Wirksamkeit. Startups müssten deshalb „kreativer“ werden, um unterschiedliche Präferenzen bedienen zu können – nicht nur hinsichtlich der Zeitachse, sondern auch, wie und wann Mitarbeitende von ihrem Anteil profitieren. Das betrifft besonders Funktionen, die stark mit Marktzyklen und Sales-Pipelines verknüpft sind, weil dort die Fluktuation häufig schneller über rollierende Projektphasen sichtbar wird.

Auch die Exit-Landschaft wirkt direkt auf den Wert von Aktienpaketen. Katie Conn, Investment Manager bei Salica Investments, ordnet den Trend so ein, dass der IPO-Markt zuletzt vergleichsweise ruhig gewesen sei und M&A diese Lücke nicht vollständig füllt. Dazu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Effekt: Unternehmen können dank verfügbarer spätphasiger Wachstumskapitalien länger privat bleiben. Damit verschiebt sich die reale Erwartung der Mitarbeitenden – vom „klaren“ Weg über Börsengang oder Übernahme hin zu einem längeren Warten auf Ereignisse, die ihren Anteil überhaupt in Geld umwandeln könnten. Gerade bei Equity-Compensation ist das Warten nicht nur psychologisch, sondern auch finanziell spürbar, weil Lockups und Verkaufsfenster häufig erst nach bestimmten Meilensteinen greifen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen Secondary Share Sales deutlich an Attraktivität. Manichere Details liefern die Aussagen von Coventry: Secondarys galten früher als „dirty word“ und wurden in eher vertraulichen Settings diskutiert; Crowdcube-CEO Matt Cooper beschreibt entsprechend, dass Gespräche früher in „dark rooms“ stattfanden. Heute dagegen werden Secondarys für schnell wachsende Startups regelrecht zum Statussignal, und sie bieten Mitarbeitenden eine Möglichkeit, ihre Beteiligung zumindest teilweise vor einem großen Exit zu monetarisieren. Finanziell geht es dabei auch um Bewertungsupdates: Wer über Secondarys verkauft, kann häufig einen neu verhandelten Unternehmenswert mitnehmen, statt bis zum formellen Börsengang zu warten. In der Praxis zeigt sich das insbesondere in Fintech-Beispielen: Revolut habe seine Bewertung in den vergangenen zwei Jahren durch Secondary-Verkäufe mehr als verdoppelt. Stripe wiederum habe bei einer vorangegangenen Primärfinanzierung 2023 einen Rückgang auf 50 Mrd. US-Dollar erlitten, aber im Februar über einen Secondary-Share-Sale wieder deutlich auf 159 Mrd. US-Dollar „hochgerechnet“.

Für Mitarbeitende ist allerdings entscheidend, wie viel von diesem Papierwert wirklich ankommt. Manish Prayaga, Gründer der Cap-Table-Management-Plattform Terraledge, sagt, dass Beschäftigte bei Secondary-Transaktionen häufig einen deutlichen Abschlag auf den veröffentlichten „headline“-Unternehmenswert erhalten. Dieser Rabatt könne laut seinen Angaben 30 bis 50 Prozent betragen. Gleichzeitig relativiert Prayaga den Vergleich mit reiferen Unternehmen: Ein Serie-B-Unternehmen sei zwangsläufig risikoreicher als eine viel später finanzierte Organisation, etwa aus dem Umfeld späterer Modell- und Plattformphasen; daher sei das Discount-Niveau proportional zur jeweiligen Risikoklasse. Praktisch heißt das: Secondarys sind zwar ein Weg zu früherer Liquidität, aber sie sind kein Gratis-Upgrade auf den höchsten theoretischen Bewertungswert – die Transaktionen spiegeln die Unsicherheit zwischen Bewertungswellen und tatsächlicher Exit-Zeitplanung.

Der ökonomische Kern liegt damit weniger in „höheren“ oder „niedrigeren“ Bewertungen, sondern in der Vertragsrealität rund um Timing und Zugriff. Prayaga betont, dass Secondary Sales für Startup-Mitarbeitende attraktiv bleiben, weil sie entweder auf ein Exit-Ereignis warten können, das noch Jahre dauern könnte, oder das Kapital alternativ für konkrete Lebensentscheidungen nutzen – etwa für eine Immobilien-Anzahlung. Die Quelle liefert zudem einen anonymen Einblick aus dem Startup-Lager: Es gebe aktuell eine Art „Bubble“ in privaten Märkten gegenüber dem öffentlichen Markt, und das Geld fließe, wodurch viele Startups diese Dynamik stärker ausnutzen könnten. Schließlich ist auch der Wechsel in den öffentlichen Kapitalmarkt nicht beliebig „beschleunigt“: Selbst wenn ein IPO naht, müssen Mitarbeitende mit Aktien häufig eine harte Wartephase von rund sechs Monaten Lockup überstehen. Für Unternehmen bedeutet das, dass Equity-Programme zunehmend wie ein Liquiditäts- und Bindungsinstrument gestaltet werden müssen, statt nur als langfristiger Anreiz zu funktionieren.

Für die nächste Phase der Diskussion wird entscheidend sein, wie sauber Startups die neuen Regeln zwischen Vesting, Secondarys und Exit-Risiken ausbalancieren. Wenn Exit-Fenster enger werden und Mitarbeitende kurzfristigere Verfügbarkeit brauchen, steigen der Druck und die Notwendigkeit, mit differenzierten Planungsannahmen zu arbeiten. Gleichzeitig wird Cap-Table-Management noch wichtiger, weil die Vielzahl an Transaktionswegen (Primär, Sekundär, Teilverkäufe, interne Re-Ratings) die Datenlage komplexer macht. Wer Equity-Pakete plant oder verhandelt, muss deshalb stärker technisch denken: Welche Rechte stecken in Shares genau, wann dürfen sie gehandelt werden und wie verändert sich der effektive Gegenwert bei Abschlägen? In diesem Spannungsfeld zeigt sich, warum sich die Equity-Pay-Modelle in der Tech- und insbesondere in der Fintech-Welt gerade schneller entwickeln als viele klassische Vergütungsleitfäden es abbilden.


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