BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Angaben des Deutschen Richterbunds sind die Entschädigungsklagen wegen verspäteter oder stornierter Flüge seit 2021 erstmals wieder deutlich zurückgegangen. In den ersten sechs Monaten 2026 meldeten die Amtsgerichte an den 20 größten Flughafenstandorten 53.150 Klagen. Dennoch müssen die Gerichte weiterhin mit einem Jahresniveau von rund 100.000 Fällen rechnen. Der Verband fordert nun KI-Assistenz zur schnelleren Fallbearbeitung, weil eine ausgereifte Umsetzung bisher fehlt.

Fluggastklagen in Deutschland sinken: Gerichte brauchen KI-Assistenz
Fluggastklagen in Deutschland sinken: Gerichte brauchen KI-Assistenz (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass Entschädigungsklagen im Luftverkehr nicht nur ein finanzielles, sondern vor allem ein prozessuales Volumenproblem sind, zeigt sich an den aktuellen Eingangszahlen: Erstmals seit 2021 gehen die Verfahren wegen verspäteter oder stornierter Flüge nach Angaben des Deutschen Richterbunds wieder deutlich zurück. Gleichzeitig bleibt das Niveau hoch genug, um die Zivilgerichte spürbar zu beschäftigen. Der Hintergrund ist dabei klar: Wenn Flüge ausfallen oder sich die Abflugzeit um mehr als drei Stunden verschiebt, können Reisende in bestimmten Konstellationen nach EU-Recht eine Entschädigung verlangen. Je nach Flugdistanz liegt diese typischerweise bei 250 Euro, 400 Euro oder 600 Euro – ein Betrag, der zwar für sich genommen überschaubar wirken kann, bei Zehntausenden Fällen aber eine massive Bearbeitungslast erzeugt.

Für die erste Jahreshälfte 2026 berichten die Amtsgerichte an den 20 größten Flughafenstandorten von 53.150 Klagen von Passagieren. Das entspricht laut den vorliegenden Zahlen einem Rückgang um fast 13.000 Fälle beziehungsweise um 20 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025, als noch 65.903 Klagen eingingen. Auffällig ist, dass die Entwicklung bundesweit mehrere Gerichte betrifft. Im Detail zeigt sich jedoch auch, dass es keine gleichmäßige Entspannung gibt: So verzeichnete das Amtsgericht Köln 12.562 Klageeingänge, also knapp 500 Verfahren mehr als im Vorjahr. Auch Frankfurt am Main bleibt mit 8.314 Fluggastklagen (-26 Prozent) ein Schwerpunkt, während das Amtsgericht Königs Wusterhausen, zuständig für den Berliner Flughafen, 8.133 Klagen (-25 Prozent) meldet.

Die Verteilung auf weitere Standorte macht deutlich, wie stark sich die Arbeitsbelastung entlang der Passagierströme konzentriert. Düsseldorf kam demnach auf 4.946 Klagen (-26 Prozent), Hamburg auf 4.211 und Erding als Münchner Standort auf 4.120 Fälle. Der Deutsche Richterbund unterstreicht zudem, dass die Mengen selbst im Rückgang noch erheblich über früheren Niveaus liegen: Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn sagte, die aktuellen Eingangszahlen seien noch immer doppelt so hoch wie vor fünf Jahren. Damit verschiebt sich die Herausforderung von der reinen Zahl hin zu der Frage, wie Gerichte mit wiederkehrenden Massenvorgängen umgehen, ohne die Qualität der Prüfung und die Verfahrensdauer aus dem Blick zu verlieren.

Technisch gedacht liegt der Engpass häufig weniger in der rechtlichen Würdigung als in der Vorarbeit: Identifikation der relevanten Dokumente, Strukturierung der Sachverhalte, Zuordnung zu standardisierten Anspruchsgrundlagen und das konsistente Erfassen von Fristen und Flugdaten. Genau an dieser Stelle setzt der Ruf nach KI-Assistenz an. Laut den Aussagen aus dem Umfeld des Richterbundes sollen Gerichte durch KI-gestützte Unterstützung entlastet werden, weil die Flut der Passagierklagen andernfalls kaum nachhaltig zu bewältigen ist. Gleichzeitig wird aber betont, dass es noch an einer ausgereiften Anwendung fehlt, die den Gerichten wirklich hilft und die Bearbeitung beschleunigt. Für IT-Verantwortliche in juristischen Organisationen ist das ein wichtiger Hinweis: Es geht nicht um einzelne Pilotversuche, sondern um eine robuste Pipeline von der Akteneingabe über die Wissens- und Textanalyse bis zur revisionssicheren Integration in Fachverfahren.

Ein weiterer Aspekt ist, wie der Anspruchsprozess außerhalb der Gerichte ausgestaltet ist. Viele Passagiere nutzen Internetportale, die gegen eine Beteiligung Ansprüche gegen Fluglinien durchsetzen. Für die Justiz bedeutet das: Verfahren starten häufig mit ähnlich strukturierten Unterlagen, aber nicht identischen Formulierungen, dabei können unterschiedliche Begründungen und Nachweise die Fallbearbeitung variieren. In der Praxis entstehen dadurch typische „Datenhygiene“-Aufgaben. KI-Assistenz kann hier helfen, wenn sie zuverlässig zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheidet, Eingaben in maschinenlesbare Merkmale überführt und die Sachverhaltsdarstellung standardisiert. Entscheidend bleibt jedoch, dass die Systeme die Ergebnisse transparent machen, damit Richterinnen und Richter die Prüfung im Einzelfall nachvollziehen können.

Markt- und Systemwirkung ergeben sich auch aus dem Ausblick, den der Deutsche Richterbund liefert: Wenn sich die Entwicklung des ersten Halbjahres fortsetzt, muss die Justiz 2026 erneut mehr als 100.000 Fluggastklagen bewältigen. Das ist weniger ein einzelner Peak als eine dauerhafte Größenordnung. Entsprechend verschiebt sich die Priorität bei technologischen Vorhaben in der Rechtsdurchsetzung: Nicht nur die Digitalisierung von Akten steht im Vordergrund, sondern die Automatisierung wiederkehrender Schritte in der Fallaufnahme und -vorprüfung. Unternehmen, die KI-Tools für die öffentliche Verwaltung oder für rechtsnahe Workflows entwickeln, haben damit eine klare Zielrichtung: Sie müssen die Lücke zwischen „KI kann Texte auswerten“ und „KI beschleunigt nachhaltig in Produktion“ schließen – inklusive Qualitätssicherung, Integrationsfähigkeit und operativer Stabilität im Tagesgeschäft.


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