KASSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundesbauministerin Verena Hubertz will den Wohnungsbau durch niedrigere Baukosten spürbar ankurbeln. Sie argumentiert, dass sich Kosten senken lassen, ohne die Qualität zu reduzieren. Als Beispiel nennt sie ein Modellprojekt in Hamburg, in dem Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gewerken gemeinsam konkrete Einsparhebel identifiziert haben. Für die Umsetzung verweist Hubertz auf effiziente Prozesse und eine Gesamtschau über alle Beteiligten.

Bundesbauministerin Verena Hubertz setzt beim Wohnungsbau auf einen Ansatz, der weniger mit großen Flächenversprechen arbeitet und mehr mit überprüfbaren Kostentreibern: Sie will die Baukosten senken, um mehr Projekte realisierbar zu machen. Bei einem Auftritt beim Gewerkschaftstag der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) in Kassel stellte Hubertz klar, dass sich der Preis auch dann beeinflussen lässt, wenn die Qualität nicht nach unten korrigiert werden soll. Der Kern ihrer Argumentation lautet: Bauen sei zu teuer geworden, aber es gebe Hebel, um dem entgegenzuwirken, ohne dass die Leistung am Ende schlechter werde.
Technisch und organisatorisch meint Hubertz mit diesen Hebeln vor allem Eingriffe in die Prozesskette des Bauens. In ihrer Darstellung geht es um ein Modellprojekt in Hamburg, bei dem sich Beteiligte aus Wirtschaft, Politik und den unterschiedlichen Baugewerken zusammengesetzt und geprüft hätten, wo jeder einzelne Teil im Projekt Kosten sparen kann. Besonders deutlich wird dabei der Gedanke, dass Einsparungen nicht zwingend aus Material- oder Qualitätsverzicht entstehen müssen, sondern auch aus weniger Komplexität: „weniger Schnickschnack und Fokus auf effiziente Prozesse“. Solche Formulierungen zielen in der Regel auf Planungs- und Ausführungsvarianten ab, die Leistung gleich lassen, aber Ausführungsschritte, Abstimmungsaufwand oder Sonderlösungen reduzieren.
Konkrete Beispiele aus dem Hamburger Modell verknüpft Hubertz mit typischen Kostentreibern im Wohnungsbau. Wenn es keine Tiefgarage mehr geben soll, verändert das nicht nur den Umfang der Baugrube, sondern auch die Logistik auf der Baustelle, die Abdichtung und Teile der Bauzeitstruktur. Ebenso können etwas weniger breite Wände die Ausnutzung einzelner Grundrisse betreffen, aber dennoch innerhalb festgelegter Qualitätsziele liegen, sofern Statik, Schallschutz und Brandschutz sauber gerechnet und dokumentiert werden. Auch beim Balkon nennt Hubertz einen Wechsel: Er werde nicht mehr angemauert, sondern an das Gebäude gestellt. Solche Details sind aus Baupraxis-Sicht häufig entscheidend, weil sie die Schnittstellen zwischen Gewerken und die Zahl der zusätzlichen Arbeitsschritte beeinflussen.
Über die Einzelformate hinaus stellt Hubertz die volkswirtschaftliche Dimension der Bauwirtschaft in den Mittelpunkt. Sie hob vor den Gewerkschaftern die Bedeutung der Branche für Deutschland hervor: Mit 2,6 Millionen Beschäftigten arbeiteten dort dreimal so viele Menschen wie in der Automobilbranche. Außerdem betonte sie, dass jeder zweite Euro, der in Deutschland investiert werde, in den Bau fließe. Damit adressiert sie zwei Ebenen zugleich: Zum einen geht es um die Frage, wie schnell mehr Wohnungen entstehen können; zum anderen geht es darum, dass Kostensenkungen nicht als isoliertes Sparprogramm missverstanden werden, sondern als Hebel, der die gesamte Wertschöpfungskette stabilisiert.
Aus Marktsicht ist dieses Vorgehen vor allem deshalb relevant, weil Wohnungsbau im laufenden Betrieb häufig an mehreren Engpässen gleichzeitig hängt: Kapazitäten in Planung und Ausführung, Lieferfähigkeit von Bauprodukten, sowie die Frage, welche Standards im jeweiligen Projekt technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Hubertz’ Referenz auf ein konzertiertes Vorgehen in Hamburg wirkt deshalb wie ein Gegenmodell zu rein unternehmensinternen Optimierungen. Statt nur auf einzelne Kostenvorteile einzelner Firmen zu setzen, wird das Problem als Schnittstellen- und Prozessfrage beschrieben: Wer in der Kette Verantwortung trägt, kann dort ansetzen, wo Abstimmungen, Mehraufwände oder Spezialanforderungen entstehen.
Für Unternehmen in der Bau- und Wohnungswirtschaft bedeutet das konkret, dass Effizienzprogramme zunehmend dokumentierbar und gewerkübergreifend gedacht werden müssen. Wenn Projekte künftig stärker über „weniger Schnickschnack“ und „Fokus auf effiziente Prozesse“ gesteuert werden, steigt der Bedarf an belastbarer Variantenplanung, belastbaren Nachweisen und einer klaren Definition dessen, was unter „Gesamtqualität“ verstanden wird. Hubertz betonte ausdrücklich, dass die Gesamtqualität stimmen müsse. Genau an diesem Punkt wird es für Projektentwickler, Planer und Ausführende entscheidend, wie sie Qualitätskriterien operationalisieren: Welche Parameter bleiben unverhandelbar, und wo gibt es Spielraum, ohne dass Sicherheits-, Nutzungs- oder Dauerhaftigkeitsanforderungen leiden.
Gleichzeitig lässt sich die Botschaft auch als Einladung lesen, Einsparhebel nicht erst am Ende einer Ausschreibung zu suchen. Wer bereits in frühen Phasen Alternativen zu Garage, Wanddimensionierung oder Balkonanschlüssen entwickelt, kann Kosten- und Zeitrisiken in der Bauausführung häufig früher reduzieren als durch späte Nachverhandlungen. Hubertz’ Satz „Wir haben Hebel. Wir können handeln“ bringt diese Intention auf den Punkt: Entscheidend ist, ob die Beteiligten die notwendigen Entscheidungen so timen, dass Effizienzgewinne nicht durch neue Koordinationskosten wieder aufgefressen werden. Für den Wohnungsbau dürfte das ein Schritt sein, der nicht nur die Stückzahl, sondern auch die Planbarkeit in der Umsetzung beeinflusst.
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