VIENNA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die 17. Aufsichtskonferenz der FMA stellt in den Mittelpunkt, wie Europa seine finanzielle Handlungsfähigkeit stärkt, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu bremsen. In Wien diskutieren Notenbankvertreter und Top-Manager über Resilienz als mehr als nur Kapital- und Liquiditätspuffer. Besonders der Umgang mit Fragmentierung im europäischen Finanzmarkt sowie die Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf Aufsicht und Enforcement stehen im Programm. Am Rande gibt es zudem einen Wechsel in der FMA-Spitze: Helmut Ettl beendet seine Amtszeit, Oliver Schütz folgt.

Die diesjährige 17. Aufsichtskonferenz der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) setzt ein klares Leitmotiv: Europäische Finanzmärkte sollen gleichzeitig widerstandsfähig und wettbewerbsfähig bleiben. Veranstaltungsort ist das Vienna Congress und Convention Center, rund 700 Teilnehmende kommen am Dienstag zusammen, und der Titel „Europe’s Financial Future: Sovereignty and Resilience“ macht deutlich, worum es aus Sicht der Aufsicht geht. In einer Zeit, in der geopolitische Spannungen, technologische Umbrüche und strukturelle Veränderungen die Planungslogik von Finanzinstituten verschieben, wird Resilienz nicht als Schlagwort behandelt, sondern als konkrete Aufsichtsaufgabe. Genau hier verknüpft die FMA das Thema mit strategischer Souveränität: Europa soll handlungsfähig bleiben, auch wenn externe Schocks Kapitalflüsse, Märkte und Betriebsabläufe gleichzeitig treffen.
Mariana Kühnel, Vorständin der FMA, bringt die Stoßrichtung in einen prägnanten Zusammenhang: Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit seien keine Gegensätze, sondern bedingten sich gegenseitig. Aus dieser Perspektive lässt sich gut erklären, warum die Konferenz nicht primär auf „mehr Regulierung“ oder „mehr Kontrolle“ abzielt, sondern auf die Fähigkeit der Institute, mit neuen Risiken umzugehen. Kühnel erweitert den klassischen Blick auf Solvenz und Liquidität um Cyberresilienz und technologische Handlungsfähigkeit. Damit verschiebt sich auch die praktische Bedeutung von Aufsicht: Eine wirksame Aufsicht soll Stabilität sichern, Vertrauen stärken und zugleich gleiche Wettbewerbsbedingungen ermöglichen. Gerade bei digitalen Betriebsprozessen, automatisierten Entscheidungen und komplexen IT-Landschaften wird sichtbar, dass operative Ausfälle oder Sicherheitsvorfälle genauso finanzmarktrelevant sein können wie Marktpreisrisiken.
Technisch und systemisch spielt in den Debatten vor allem die europäische Binnenstruktur eine Rolle. Die FMA positioniert als zentrale Herausforderung nicht einen Überschuss an Regeln, sondern ein Defizit an europäischer Integration: Es gebe noch immer Fragmentierung, die nationale Barrieren und unterschiedliche Rahmenbedingungen verstärke. Der Ansatz ist dabei bemerkenswert konkret: Während Banken in Europa heute nach den genannten Maßstäben stärker kapitalisiert, profitabel und widerstandsfähiger seien als vor der globalen Finanzkrise, verhinderten unvollständige Integrationsschritte, dass die Bankenunion und der einheitliche Markt ihr volles Potenzial entfalten. Für die Aufsicht bedeutet das: Risiko entsteht nicht nur in einzelnen Instituten, sondern auch dort, wo Aufsicht, Abwicklung und Marktlogik auf nationalen Inseln beruhen. Je weniger einheitlich Standards im Betrieb und in der Steuerung zusammenlaufen, desto höher kann der Koordinationsaufwand in Stressphasen werden.
Helmut Ettl, Vorstand der FMA, adressiert dieses Integrationsdefizit mit einer Forderung, die über den Ton einer Konferenz hinausgeht: Europa müsse die Herausforderungen der kommenden Jahre nicht „durch Schwäche“, sondern „durch Stärke“ meistern. Er knüpft das an mehr Vertrauen, mehr Zusammenarbeit und starke Institutionen und benennt als Kernpunkte die Vollendung der Bankenunion, eine stärkere Integration der Kapitalmärkte sowie den Abbau verbliebener Fragmentierung. Genau diese Perspektive verbindet sich mit dem Programm der Konferenz: Diskutiert werden Europas Rolle im globalen Finanzsystem, digitale Transformation und Innovation, die Zukunft der Europäischen Bankenunion sowie effektive Aufsicht und Rechtsdurchsetzung. Besonders relevant ist dabei der Abschnitt zu Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf den Finanzsektor, denn er übersetzt technologische Entwicklung in Fragen, die Aufsichtssysteme unmittelbar betreffen: Wie werden Modelle getestet, überwacht und bei neuen Datenständen kontrolliert? Wie lässt sich Enforcement so gestalten, dass es Innovation nicht erstickt, aber auch keine neuen Blindspots schafft.
Die Zusammensetzung der Keynotes und internationalen Gäste zeigt, dass es nicht nur um nationale Koordination geht. Unter den genannten Rednerinnen und Rednern sind Barbara Eibinger-Miedl als Staatssekretärin im Bundesministerium für Finanzen, François-Louis Michaud als Vorsitzender der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde sowie Martin Kocher als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank. Hinzu kommen weitere Aufsichtsperspektiven aus dem europäischen System, darunter Claudia Buch sowie EZB-Direktoriumsmitglied Frank Elderson und EZB-Mitglied des Aufsichtsgremiums Sharon Donnery. Auf europäischer Seite werden außerdem AMLA-relevante Themen sichtbar, etwa durch Rikke-Louise Ørum Petersen, Exekutivdirektorin der europäischen Anti-Geldwäsche-Behörde AMLA, und durch Karen Braun-Munzinger als Vorstandsmitglied des Europäischen Abwicklungsmechanismus. Diese Mischung ist für die praktische Wirkung wichtig: Resilienz, Enforcement und die konkrete Fähigkeit, Institute in Krisen geordnet abzuwickeln, hängen in der Praxis eng zusammen – und sie lassen sich nur konsistent diskutieren, wenn mehrere Säulen des Systems am Tisch sitzen.
Auch die Unternehmens- und Marktseite kommt in der Agenda vor, was für die Umsetzung entscheidend ist. Aus der Finanzwirtschaft sind etwa Peter Bosek von der Erste Group, Michael Höllerer von der Raiffeisen Bank International, Enver Sırucıoglu von BAWAG sowie Lukas Enzersdorfer-Konrad von Bitpanda genannt. Ergänzt werden die Diskussionsrunden durch Stimmen von etablierten Asset-Managern und Plattformanbietern, etwa Annalisa Usardi (Amundi) und Gernot Mittendorfer (Trade Republic). Daneben fließen wissenschaftliche Impulse ein, unter anderem durch Susanne Kalss von der Wirtschaftsuniversität Wien sowie durch Nicolas Vé ron als Policy-Experten. Diese Verknüpfung ist mehr als Kulisse: Wenn Digitalisierung und KI-Entscheidungen in Finanzprozessen stärker automatisiert werden, treffen Modellrisiken, Datenqualität und Betriebsstabilität auf regulatorische Erwartungen. Gleichzeitig ist es für Institute zentral, dass Aufsicht ihre Anforderungen nachvollziehbar in Prozesse übersetzt – etwa in Prüfpfade, Modell-Validierung oder operative Kontrollen.
Für die FMA selbst steht zudem ein personeller Übergang an, der das Momentum der Konferenz unterstreicht. Für Helmut Ettl wird es laut Angaben der Behörde die letzte Aufsichtskonferenz als FMA-Vorstand sein: Nach über 18 Jahren an der Spitze wechselt er per 1.11.2026 als Exekutivdirektor zum Internationalen Währungsfonds nach Washington. An seiner Seite wurde Oliver Schütz als Nachfolger bestellt; er ist derzeit Bereichsleiter Bankenabwicklung in der FMA. Für Unternehmen und Marktteilnehmer ist ein solcher Wechsel nicht nur eine interne Personalie, sondern beeinflusst oft, wie Schwerpunkte gesetzt werden und welche Themen in den nächsten Jahren priorisiert werden. In Summe deutet die Konferenz darauf hin, dass „Resilienz“ künftig stärker als Zusammenspiel aus Kapital, Liquidität, Cyberfähigkeit und technologischer Umsetzungsstärke verstanden wird – und dass Integration in Europa dabei als Hebel für beides, Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit, betrachtet wird.
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