FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, warnt vor gravierenden Folgen der Leseschwäche in der jungen Generation. Spätestens mit dem Erwachsenwerden werde daraus auch eine Meinungsbildungsschwäche, weil Texte nicht mehr sinnvoll verarbeitet werden. Besonders problematisch sei der Effekt auf den Umgang mit KI-Antworten, die ohne Lese- und Prüffähigkeit nicht verlässlich bewertet werden können. Als konkrete Maßnahmen nennt er ein tägliches „Leseband“ im Unterricht und Medienkompetenz als Pflichtfach.

Zur Frankfurter Buchmesse fällt ein Thema auf, das zunächst wenig nach „Buchmesse-Programm“ klingt, aber im Kern die gleiche Frage stellt: Wie wird aus Information eigentlich Verständnis? Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, stellt die Lesekompetenz in den Mittelpunkt seiner Warnung. Er argumentiert, dass eine schwächer werdende Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen nicht bei der Schule stehen bleibt, sondern später die Meinungsbildung ausbremst – weil die Grundlage fehlt, um verschiedene Positionen lesend zu verstehen und miteinander abzuwägen.
Technisch betrachtet geht es dabei nicht um „Lesen“ im Sinne von Worterkennung, sondern um die kognitiven Schritte, die beim Verstehen zusammenlaufen: Hierzu zählen die Abbildung von Satzbedeutungen, das Verknüpfen von Bezügen über mehrere Textstellen hinweg und das kontinuierliche Prüfen, ob neue Informationen zum bisherigen Verständnis passen. Guggolz knüpft daran die praktische Konsequenz für den Alltag: Wer Texte nicht mehr zuverlässig verarbeiten kann, kann auch nicht prüfen, ob eine Darstellung plausibel ist. Genau diese Prüfschicht wird seiner Argumentation zufolge in einer Welt, in der KI-Antworten auf Abruf bereitstehen, entscheidend – und gleichzeitig gefährdet, wenn Lesekompetenz fehlt.
Als Zahlenanker verweist der Buchhandel auf den Buchmarkt 2025: Besonders in der Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen sei ein Rückgang von 30,6 Prozent bei der Zahl der gekauften Bücher zu sehen. Dazu kommt laut Bezugnahme auf die jüngste PISA-Studie die Feststellung, dass jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Kompetenz beim Lesen fehle. Selbst wenn man die Kennzahlen nicht als exakte Prognose für einzelne Bildungsbiografien liest, zeigt die Richtung ein Muster: weniger regelmäßiger Kontakt mit komplexen Texten, weniger Übung im Umgang mit Sprache und damit ein Risiko, dass „Sinn“ im Text zunehmend zur Hürde wird.
Besonders scharf formuliert Guggolz den Zusammenhang zur Künstlichen Intelligenz. Er widerspricht der Idee, KI könne das Problem der Leseschwäche ausgleichen, weil sie „beliebig abgerufene Antworten“ liefere. Stattdessen argumentiert er, dass mangelnde Lesekompetenz die Wirkung solcher Systeme sogar verschärfen kann: Wer nicht mehr einschätzen kann, ob eine Antwort zu einer Fragestellung passt oder ob Argumente konsistent sind, verliert auch die Fähigkeit, KI-Ergebnisse zu verifizieren. Das ist ein Unterschied zwischen „Antwort bekommen“ und „Antwort bewerten“ – und genau dieser Übergang entscheidet in Unternehmen und im Bildungsalltag darüber, ob KI Wissen erweitert oder nur oberflächlich ersetzt.
In der Forderung nach Medienkompetenz schwingt deshalb auch eine Art Kontrollmechanik mit. Guggolz verlangt, Leseförderung und Medienkompetenz als bildungspolitische Priorität zu verankern. Konkret nennt er zwei Maßnahmen, die operativ ansetzen: Erstens ein „tägliches Leseband“, bei dem jeden Schultag eine Leseviertelstunde in den Unterricht integriert wird. Zweitens soll Medienkompetenz überall ein Pflichtfach sein. Beide Vorschläge zielen nicht auf kurzfristige Motivationskampagnen, sondern auf eine wiederkehrende Praxis: tägliche Lesezeit schafft Routine, Medienkompetenz macht die Schritte der Quellenprüfung, Plausibilisierung und kritischen Einordnung zum Bestandteil des Curriculums.
Die Frankfurter Buchmesse liefert dafür den passenden Rahmen, weil sie die ganze Bandbreite der Medienproduktion und -vermittlung zusammenbringt. Offiziell startet das Programm am Abend; dann tritt die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková auf. Parallel wird die Politik sichtbar, unter anderem mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher auf dem Frankfurter Messegelände erwartet, während Tschechien als Ehrengastland im Fokus steht. In diesem Umfeld wirkt der Appell besonders deutlich: Wenn Lesekompetenz und Medienkompetenz nicht gestärkt werden, kann selbst die größte Kulturveranstaltung nicht verhindern, dass die eigentliche „Zugangsbarriere“ zu Texten und Ideen weiter wächst.
Für die Branche bedeutet das mehr als nur eine Debatte in Feuilletons. Unternehmen, Verlage und Bildungsanbieter müssen sich die Frage stellen, welche Kompetenzen Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich mitbringen, wenn Inhalte zunehmend in dialogischen KI-Umgebungen auftauchen. Eine mögliche praktische Konsequenz ist, dass sich Lern- und Vermittlungsformate stärker an „Prüffähigkeit“ ausrichten: Also an dem, was man im Unternehmenskontext gern als Qualitäts- und Validierungsprozess bezeichnet, nur eben für Sprache. So könnten begleitete Leseformate, Textverständnis-Übungen und transparente Quellenarbeit langfristig auch die Grundlage dafür schaffen, KI inhaltlich sicherer zu nutzen – sowohl in Schul-Settings als auch in der Weiterbildung.
Unterm Strich verdichtet die Warnung aus Frankfurt am Main ein Problem, das sich technologisch zwar beschleunigt, aber nicht wegautomatisieren lässt. KI kann Texte zusammenfassen, Antworten formulieren und Zugänge vereinfachen; sie ersetzt jedoch nicht die Fähigkeit, Textlogik zu prüfen, Argumente zu vergleichen und Sinnschichten zu verstehen. Wenn die Zahl gekaufter Bücher bei 10- bis 15-Jährigen um 30,6 Prozent sinkt und die PISA-Ergebnisse zeigen, dass ein Drittel der 15-Jährigen beim Lesen Defizite hat, wächst der Druck auf Bildungs- und Kulturpolitik, aber auch auf alle, die Wissensarbeit begleiten. Die Frankfurter Buchmesse macht in dieser Woche klar, dass Lesen nicht nur Tradition ist, sondern Infrastruktur für Selbstbestimmung.
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