BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Vier deutsche Friedensforschungsinstitute warnen im Friedensgutachten 2026 vor dem fortschreitenden Zerfall einer regelbasierten Weltordnung. Laut den Forschern leben nur noch etwa sieben Prozent der Menschen in freien Demokratien, während der Sicherheitsrat zunehmend blockiert wird und internationale Finanzierungslücken wachsen. Gleichzeitig steigt die Zahl bewaffneter Konflikte und Vertriebener auf Rekordniveau. Das Gutachten fordert deshalb eine stabile UN-Finanzierung, Reformen und glaubwürdige Sicherheitsgarantien statt Symbolpolitik durch reine Waffenstillstände.

Vier deutsche Friedensforschungsinstitute zeichnen im Friedensgutachten 2026 ein düsteres Bild: Eine regelbasierte Weltordnung erodiert, während Konflikte und Vertriebenenzahlen weiter anziehen. Konfliktforscher Conrad Schetter stellte dabei vor allem den doppelten Druck auf Demokratie und internationale Institutionen heraus. Demnach sinkt sowohl die Zahl als auch die Qualität demokratischer Staaten deutlich; als grobe Leitlinie werden nur noch rund sieben Prozent der globalen Bevölkerung in freien Demokratien verortet. Gleichzeitig, so die Institute, zerfalle die Ordnungslogik, die Konflikte über Regeln statt über Gewalt einhegen soll.
Im Kern steht für die Wissenschaftler die Lage der Vereinten Nationen, die sie als zutiefst strukturell gefährdet beschreiben. Die UN sind nach ihrer Funktionslogik auf kollektive Sicherheit ausgerichtet: Mitgliedstaaten sollen gemeinsam den Frieden sichern, statt nationale Interessen mit Machtpolitik durchzusetzen. Inzwischen gehören mit 193 Ländern fast alle Staaten der Welt dem System an. Doch Rivalitäten zwischen Großmächten blockierten zentrale Entscheidungsprozesse, insbesondere im Sicherheitsrat. Parallel untergraben finanzielle Kürzungen und konkurrierende Politikformate die Autorität der Organisation, wodurch internationale Kooperation schwerer durchsetzbar werde.
Dieser Konflikt zwischen Anspruch und Realität hat eine historische Vorgeschichte, die das Gutachten indirekt nachvollzieht. Seit dem Ende des Kalten Krieges gab es wiederholt Phasen, in denen Vetodynamiken, Ressourcenengpässe und Machtverschiebungen die Handlungsfähigkeit internationaler Institutionen einschränkten. Neu ist jedoch die Kombination aus Blockadeeffekten und einer breiteren Erosion der Regelbindung. Schetter beschreibt die Lage als schleichenden Vertrauensverlust in die Regeln selbst. In der Praxis verschiebt sich dadurch das Verhalten von Staaten hin zu kurzfristiger Durchsetzung: Wer Institutionen nicht mehr als verlässliche Konfliktarena betrachtet, greift eher zu machtpolitischen Mitteln.
Das Gutachten ordnet die Dynamik zudem in eine Eskalationskurve ein. Die Zeitspanne zwischen 2021 und 2024 gilt den Autoren als gewalttätigste Phase seit dem Ende des Kalten Krieges: 61 bewaffnete Konflikte in 36 Ländern, an denen mindestens ein staatlicher Akteur beteiligt war. Gleichzeitig wuchs die Zahl der weltweit Vertriebenen bis April 2025 auf über 120 Millionen. Besonders kritisch bewerten die Institute, dass militärische Gewalt sich zunehmend als normales Instrument internationaler Politik etabliert. Regierungen agierten demnach wie Warlords, die Regeln missachten und Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen.
Aus dieser Perspektive werden auch die Muster der Akteure verständlicher, die das Gutachten aufführt. Genannt werden Interventionen der USA, Russlands und Israels sowie regionale Machtprojektionen etwa Pakistans, der Türkei, Äthiopiens und der Golfmonarchien. Damit wird klar, dass es nicht nur um eine einzige Frontlinie geht, sondern um eine breitere Verhaltensänderung in verschiedenen Regionen. Für das Umfeld von Wirtschaft und Verwaltung bedeutet das: Risiko- und Sicherheitsmodelle müssen die Möglichkeit paralleler Eskalationen berücksichtigen, statt auf lineare Deeskalationspfade zu setzen. Genau hier treffen politische Analysen auf digitale Betriebsrealität, etwa bei der Überwachung von Lageentwicklungen, Meldeketten und Informationsintegrität.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Druck, der durch Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit entsteht. Die Institute warnen, dass besonders humanitäre Hilfe drastisch unter Druck steht und dadurch Instabilität fragiler Staaten begünstigt wird. Wenn Prävention von Gewaltkonflikten nicht mehr wirksam finanziert werden kann, steigen die Folgekosten später meist deutlich stärker als die eingesparten Budgets. Gleichzeitig betonen die Autoren: Frieden entsteht nicht durch Waffenstillstände allein. Vielmehr brauche es glaubwürdige Sicherheitsgarantien, völkerrechtskonforme Regelungen, einen kontrollierten Umgang mit Sanktionen sowie den Aufbau stabiler staatlicher Strukturen.
In Markt- und Institutionslogik ähnelt die Situation einer „Dual-Track“-Strategie: Einerseits muss die UN-Struktur als globale Infrastruktur der Konfliktbearbeitung stabil bleiben, andererseits rücken regionale oder ad-hoc-Formate als faktische Konkurrenz näher an den Entscheidungsprozess heran. Als direkter Vergleich lässt sich damit beispielsweise die Rolle von NATO- oder EU-Mechanismen heranziehen, die in bestimmten Lagen schneller mobilisieren können, aber nicht die universelle Legitimität der UN erreichen. Aus Expertensicht, wie sie etwa in Debatten um internationale Handlungsfähigkeit regelmäßig aufkommt, besteht die Gefahr, dass parallele Formate die Anreizstruktur weiter verschieben und die UN letztlich noch stärker ausgehöhlt werden.
Für die Zukunft leitet das Gutachten eine klare Agenda ab: Die Bundesregierung solle sich mit mittleren und kleineren Staaten für stabile Finanzierung und Reformen einsetzen. Das ist nicht nur normativ, sondern auch operativ relevant, denn Reformen betreffen Entscheidungslogik, Ressourcensteuerung und Koordinationsfähigkeit. Für Unternehmen und IT-Verantwortliche folgt daraus eine praktische Konsequenz: Compliance-, Security- und Resilienzprogramme sollten stärker als bisher als politisch getriebene Risiko-Cluster gedacht werden. Wenn Autoritätseinbrüche, Konflikteskalation und humanitäre Engpässe zusammenwirken, steigen auch die Anforderungen an Informationssicherheit, Lieferkettenüberwachung und die Bekämpfung von Desinformation in News- und Entscheidungsworkflows.
Wie könnte sich das weiterentwickeln? Wahrscheinlich ist, dass die nächsten Jahre weniger von einem plötzlichen Systembruch als von inkrementellen Erosionen geprägt sein werden: erst Budgetkonsolidierungen und langsamere Reaktionszeiten, dann wachsende Lücken in Schutz- und Hilfeketten, schließlich mehr Raum für „Regelflucht“ durch konkurrierende Politikformate. Gleichzeitig bleibt die UN den Instituten zufolge ohne tragfähige Alternative. Genau deshalb wird der Ton des Gutachtens deutlich: Es fordert nicht nur mehr Aufmerksamkeit, sondern belastbare Sicherheitsgarantien, Reformpfade und eine glaubwürdige Durchsetzung der Regeln. Entscheider sollten das als Frühwarnsignal lesen und ihre Organisationen darauf ausrichten.
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