WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende der TU Graz zeigen mit „FROST“ eine neue Timing-Attacke, die per JavaScript aus dem SSD-Zugriff ableitet, welche Websites und Apps Nutzer öffnen. Das Verfahren nutzt OPFS, eine seit 2023 etablierte Browser-Speicherfunktion, und funktioniert ohne Erweiterungen oder Native-Code. Damit wird aus einem lokalen Messkanal ein potenziell remote nutzbares Fingerprinting – und die Grenzen gängiger Browser-Schutzannahmen rücken in den Fokus. Gleichzeitig bleibt unklar, ob die Technik bereits missbraucht wurde; das Problem liegt jedoch eher im Grundmuster als in einem einzelnen Exploit.

Wenn Browser-Entwickler über „near-native“ Hardwarezugriff sprechen, meinen sie meist Komfort und Performance für webbasierte IDEs, Editoren oder Datenverarbeitung im Client. Genau diese Eigenschaft wird bei der neuen Attacke „FROST“ zur Schwachstelle: Eine bösartige Website kann mit JavaScript und dem Timing von SSD-Zugriffen erkennen, welche anderen Seiten ein Nutzer besucht oder welche nativen Anwendungen er zeitgleich startet. Das Muster erinnert an klassische Side-Channel-Angriffe, ist aber in der Umsetzung neu, weil kein Native-Code nötig ist. Stattdessen wird eine Speicher-API ausgenutzt, die eigentlich Dateien pro Origin in einem Browser-Sandbox-Bereich halten soll.
Technisch setzt FROST auf das Origin Private File System (OPFS), das Browser seit 2023 bereitstellen, damit Web-Apps persistent lokal arbeiten können. OPFS teilt jede Origin in einen eigenen, geschützten Bereich ein; dieser Zugriff soll ohne die ansonsten notwendigen Berechtigungsdialoge funktionieren. In einer typischen Situation „verbirgt“ das Betriebssystem viele Dateizugriffe, indem es wiederholte Lesevorgänge über den Page Cache bedient, sodass der Datentransfer nicht dauerhaft die SSD belastet. FROST umgeht diese Erwartung, indem der Angriffs-File die RAM-Kapazität übersteigt. Dadurch landen wiederkehrende 4-KiB-Leseoperationen weiterhin auf dem Massenspeicher und erzeugen messbare Contention.
Der Kernkanal entsteht anschließend aus Timing-Messungen innerhalb der Browser-Umgebung: Die Angreifer lesen zufällige 4-KiB-Blöcke in einer Schleife, messen jede Latenz mit performance.now() und vergleichen die resultierenden Zeitprofile. Browser dämpfen normalerweise die Auflösung von Zeitmessern, um genau solche Manipulationsversuche zu erschweren. FROST kann die Genauigkeit jedoch wieder erhöhen, indem es „cross-origin isolation“ auf der eigenen Seite nutzt – ein Schritt, der technisch erlaubt ist, solange die Seite die Isolation selbst aktiviert. Sobald der Nutzer parallel eine Ziel-Website öffnet oder eine App startet, konkurriert diese Aktivität mit den Leseoperationen der bösartigen Seite. Der Angreifer liest damit praktisch ein Fingerabdrucksignal aus der Speicherlast.
Das Ergebnis wird nicht nur klassisch heuristisch ausgewertet, sondern mit einem trainierten neuronalen Modell als Klassifikator kombiniert. Laut den Forschenden erreicht FROST auf macOS gegen die Top-50-Websites im geschlossenen Versuchsaufbau einen F1-Score von 88,95% zur Erkennung der besuchten Seite und hält im offenen Setup mit 300 zusätzlichen, vorher unbekannten Websites noch 86,95% stabil. Bei zehn nativen, vorinstallierten macOS-Apps liegt die Erkennungsrate sogar bei 95,83%. Zusätzlich demonstrieren die Autoren einen zweiten, verdeckten Kanal: Über dieselbe OPFS-Signalwirkung lässt sich Datenfluss zwischen einer kooperierenden nativen Komponente und der bösartigen Seite übertragen – auf Linux gemessen mit 661,63 Bit/s und auf macOS mit 719,27 Bit/s.
Für die Einordnung ist der Markt- und Anbieterbezug entscheidend. Zu den genannten Betroffenen gehören die großen Browser-Ökosysteme: Google im Chromium-Umfeld, Apple für Safari sowie Mozilla für Firefox. Wie aus Gesprächen vor Veröffentlichung berichtet wurde, betrachten nicht alle Anbieter Fingerprinting automatisch als Sicherheitsproblem; der typische Fokus liegt eher auf expliziterem Missbrauch wie Cross-Site-Scripting oder Datenexfiltration. Apple habe den Kontext als „out of scope“ eingeordnet, aber Mitigationspfade in Aussicht gelassen. Mozilla habe das Risiko anerkannt und bislang keine konkrete Veröffentlichung einer Gegenmaßnahme geliefert. Diese Reibung spiegelt ein verbreitetes Dilemma: Was ist „erlaubtes Verhalten“ für Web-APIs, und ab wann wird daraus eine Sicherheitslücke?
Historisch ist das Grundprinzip in der Forschung nicht vollkommen neu: Timing-basierte SSD- oder Cache-Angriffe existieren seit Jahren. Letztes Jahr hatte dasselbe Team „Secret Spilling Drive“ vorgestellt, bei dem Verhalten über Leseverlangsamungen deduziert wird, allerdings mit zusätzlichem Native-Code und einer Low-Level-Schnittstelle wie io_uring. Mit FROST entfällt genau dieser Baustein: Die Angriffskette bleibt innerhalb der Browser-Sandbox. Das ist der entscheidende Sprung, weil aus einem lokalen Setup leichter ein Remote-Angriff wird: Der Nutzer muss nicht explizit auf der Maschine angreifen, sondern lediglich die Seite öffnen und sie geöffnet lassen, damit die Messung die SSD-Contestion kontinuierlich auslösen kann. Das entspricht auch dem allgemeinen Trend von „Sandbox Escape“-Risiken, ohne dass ein klassischer Escape nötig wäre.
Praktisch bedeutsam ist außerdem, dass FROST die Zielaktivität im Wesentlichen nur auf „demselben Datenträger“ beobachtet, auf dem die OPFS-Datei liegt. Auf einem typischen Laptop mit nur einer SSD ist das meist der gleiche Speicher für OS, Browserprofil und App-Start. Auf Workstations mit mehreren Laufwerken kann ein Teil der Interferenz abgeschirmt sein, etwa wenn die fragliche App auf einem anderen Datenträger liegt. Gleichzeitig entstehen bei bestimmten Workflows indirekte Lecks: App-Startvorgänge, die etwa das Home-Verzeichnis oder gemeinsam genutzte Pfade berühren, bringen oft dennoch Contention in denselben Speicherzustand. Ein weiterer Unterschied zu „zero-click“-Attacken: Bei FROST endet die Messung, sobald der Tab geschlossen wird.
Was lässt sich dagegen tun, bevor Browseranbieter die Schnittstelle nachschärfen? Für Nutzer ist die konkrete Abwehr derzeit begrenzt: Das Verfahren braucht eine multigroße OPFS-Datei als Taktgeber, was zwar verdächtig sein kann, aber im Alltag schwer zu überwachen ist, weil Browser die OPFS-Nutzung nicht transparent machen. Eine spezielle Linux-Konstellation kann unbeabsichtigt schützen: Systeme, die mit profile-sync-daemon das Browserprofil in RAM vorhalten, verhindern, dass OPFS-Schreibzugriffe die SSD erreichen, wodurch die Contention als Signal schwächer wird. Die schwächere Variante, bei der der Angreifer per File-Picker Dialog den Nutzer eine große Datei auswählen lässt, soll jedoch weiterhin funktionieren. Die eigentlichen Fixes liegen damit bei Browserherstellern: OPFS so zu begrenzen, dass der Inhalt in RAM passt, Timingauflösung während OPFS-Nutzung zu drosseln oder gar eine Berechtigung vor OPFS-Zugriff zu erzwingen.
Für die Industrie ist der strategische Blick entscheidend: Der Streitpunkt ist weniger, ob eine einzelne API „zu viel“ macht, sondern ob Browser damit weiterhin einen Hardwarezugriff ermöglichen, der als Side-Channel durch klassische Sandboxing-Sicherheitsmodelle nicht ausreichend abgedeckt ist. Vergleichbar ist das Vorgehen bereits bei anderen Klassen von Angriffen, bei denen scheinbar harmlose Messflächen (Latenzen, Caches, Frequenzänderungen) in Fingerprinting umschlagen. Für Enterprise-Teams bedeutet das, dass Threat-Modeling künftig stärker „Storage- und Timing-Kanäle“ in Web-Clients einbeziehen sollte, insbesondere bei Anwendungen, die OPFS oder ähnliche persistente Clientfunktionen nutzen. Gleichzeitig bleibt die Beobachtung offen, ob die Technik schon „in the wild“ missbraucht wird; bislang wurde kein CVE gemeldet. Das Zeitfenster für Prävention schließt sich jedoch umso schneller, je besser Angreifer die Muster automatisieren.
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